Nicht mit 66, sondern mit 80 Jahren: Mercy, cher Udo Jürgens!

„Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“ Auf dieses pazifistisch-sozialkritische Lied von Udo Jürgens gab es auch eine Persiflage: „Die Kanzlers laden Dich zum Essen ein. Kritik ist schick bei Moselwein“.
Doch Jürgens meinte ernst, was er da sang. Er war nicht nur ein primitiver Schlagersänger, sondern durchaus ein Chansonnier mit Niveau.
Bei einem Spaziergang ist der Pianist, Komponist und Sänger am Sonntag (21. Dezember) gestorben. Seit meiner Jugend haben mich seine Melodien begleitet. Mit ihm geht einer der großen Unterhaltungskünstler der Nachkriegszeit.
Geboren wurde er als Udo Jürgen Bockelmann am 30. September 1934. Sein Bruder Manfred Bockelmann ist ein berühmter Maler und Fotograf. Diese Verwandtschaft besang Udo in seinem Chanson „Mein Bruder ist ein Maler“ recht einfühlsam.
Während er in den 60er Jahren vor allem mit Schlagern wie „17 Jahr, blondes Haar“ oder „Mercy, Chery“ bekannt wurde, folgten später immer wieder auch politische und sozialkritische Texte. Dabei arbeitete Jürgens öfters mit herausragenden Textern wie Michael Kunze und Eckart Hachfeld zusammen.
„Griechischer Wein“ war seine mitfühlende Hymne an die Gastarbeiter. In Griechenland wurde sie später fast zu einem Volkslied.
„Fünf Minuten vor Zwölf“ ist ein Alarmruf für den Umweltschutz. „Traumtänzer“ nannte er in einem anderen Lied die Verfechter der Rüstungspolitik.
„Ein ehrenwertes Haus“ brandmarkt die Prüderie und Bigotterie der 60er und frühen 70er Jahre. „Aber bitte mit Sahne“ machte sich über die Klatschtanten lustig, die ihr Lebensinteresse allein auf Kuchen ausrichten. „Mit 66 Jahren“ wandte er sich witzig und frisch gegen Altersdiskriminierung und Obrigkeitshörigkeit.
Mit „Moskau New York“ bewies Jürgens 1988 beinahe prophetische Fähigkeiten. Ein Jahr vor dem Ereignis besang er in diesem Lied bereits den Fall der Berliner Mauer.
Seine persönliche und politische Nähe zu Willy Brandt wurde ihm von manchen angekreidet als Grund für eine angebliche Unglaubwürdigkeit seiner Texte. Doch noch kurz vor seinem Tod äußerte sich Jürgens sehr kritisch zur Massenüberwachung durch die NSA und die Freihandelsabkommen CETA, TITA und TTIP.
Seine Zugaben gab der mit 105 Millionen verkauften Platten erfolgreichste männliche Entertainer weltweit meist in einem weißen Bademantel. Ob er darin jetzt wohl auch bei Petrus vorspielen wird?

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2 Kommentare zu “Nicht mit 66, sondern mit 80 Jahren: Mercy, cher Udo Jürgens!

  1. Ein toller Entertainer war der Udo Jürgens. Er konnte nicht nur gut singen, sondern auch moderieren und erzählen. Die Texte konnten einen zum lachen, weinen und nachdenken bewegen. Das Ausnahmetalent hat bis zuletzt Riesenhallen gefüllt.
    Jeder der einmal zu einem seiner tollen Konzerte war, konnte sich dem Charisma und dem Charme dieses Künstlers nicht entziehen. Leider haben meine Frau und ich dieses Jahr keine Karten für sein Konzert in Zwickau mehr bekommen. Nun sind wir noch trauriger. Aber in Erinnerung bleibt unser Konzertbesuch vor 7 Jahren. Sein Autogramm hat einen Ehrenplatz an der Wand und es bleiben uns seine klugen Lieder.

  2. Pingback: Vor gut 30 Jahren: Joe Cocker mischte die Marburger Mensa auf | Franz-Josef Hanke

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