Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste!

foto:gerhardDie taubblinden Gerhard (links) und Ludwig unterhalten sich im Taubblindenzentrum in Hannover über die Taubblindensprache „Lormen“ miteinander. (Foto: Rainer Wohlfahrt)
Wie interviewt man Taubblinde? Diese Anfrage erhielt ich neulich über das Kontaktformular meiner Website. Der Fragesteller meinte, ich hätte ja bereits den taubblinden Herrn x. interviewt.
Schon die Begründung dieser Anfrage enthielt einen peinlichen Fehler: Zwar habe ich inzwischen schon mehr als ein halbes Dutzend taubblinde Menschen interviewt; der genannte X. war jedoch nicht darunter. Manchmal tun Nichtbehinderte aber so, als gäbe es nur einen Taubblinden, einen blinden Journalisten oder nur einen Journalisten mit Glasknochen.
So musste ich gleich zu Beginn mit dem ersten Fehler aufräumen und dem Kollegen klar machen: Behinderte sind völlig unterschiedliche Menschen. Was für einen Behinderten gut ist, kann für einen anderen falsch sein.
Deshalb sollte man jeden Behinderten als Individuum behandeln. Zudem sollte man nicht an ein Interview mit behinderten Menschen herangehen, als träfe man auf einen Marsbewohner oder eine andere seltsame Spezies. Vielmehr gilt auch für das Interview mit einem Taubblinden, dass der Journalist neugierig und offen auf ihn zugehen sollte wie auf jeden anderen Gesprächspartner auch.
Klar machen muss man sich allerdings, dass die Kommunikation mit taubblinden Menschen schwierig und überaus zeitraubend ist. Lormen ist häufig die einzige Möglichkeit, mit einem hochgradig hör- und sehbehinderten Menschen zu kommunizieren.
Das Lorm-Alphabet besteht aus Berührungen der Finger des Adressaten mit dem Finger des Absenders. Jedes Wort wird dabei ausbuchstabiert. Das ist sehr zeitaufwendig.
Das „A“ beispielsweise lormt man, indem man die Fingerkuppe des Daumens antippt. Ein kurzer Druck auf die Kuppe des Zeigefingers ist ein „E“. Auf dem Mittelfinger wird das“I“, auf dem Ringfinger das „O“ und auf der Kuppe des kleinen Fingers das „U“ gelormt.
Konsonanten stellt man durch streichende Bewegungen entlang einzelner Finger oder andere Berührungen der Hand dar. Für jeden Buchstaben im Alphabet gibt es eine entsprechende Berührung.
Gespräche führt der Taubblinde in aller Regel mit der Unterstützung eines Dolmetschers. Für viele Taubblinde sind diese Menschen die einzigen Mittler zur restlichen Welt.
Ansonsten riechen, schmecken und spüren Taubblinde, was um sie herum ist. So tasten sie sich im wahrsten Sinne der Worte an die Welt heran.
Deswegen darf man im Umgang mit taubblinden Menschen keine Berührungsängste haben. Händeschütteln ist oft nur die Eröffnung einer Kommunikation, die wesentlich stärker vom Körperkontakt geprägt sein kann als bei anderen Menschen.
In meinen Interviews hatte ich meist das Glück, dass meine Gesprächspartner mehr oder weniger deutlich sprechen konnten. Auf eine einigermaßen kluge Frage konnten sie also losreden und einfach von sich aus sagen, was ihnen am Herzen lag.
Das Lormen war dann nur eine Einbahnstraße von mir zum Gesprächspartner. Kann der Taubblinde nicht sprechen, so kommuniziert auch er über Nicken oder das Lorm-Alphabet.
Unterbrechungen durch Nachhaken stören dabei den Fluss der Kommunikation. Klare Fragen und aufmerksames Zuhören sind hier noch wichtiger als bei jedem anderen journalistischen Interview.
Angesichts des umständlichen Charakters der Kommunikation durch Lormen ist diejenige Person, die übersetzen soll, nach einer halben Stunde ermüdet. Pausen sollte man deshalb einplanen, um den Gesprächspartner und seine Hilfskraft nicht unter Druck zu setzen.
Einige Taubblinde können selber mailen oder twittern. Dafür benutzen sie dann gegebenenfalls eine Braillezeile am Computer, die den Text auf dem Bildschirm in der tastbaren Blindenschrift wiedergibt. Diese Kommunikation ist für sie dann selbstbestimmt, weil sie keine andere Person einbeziehen müssen.
Ansonsten aber benötigen Taubblinde Assistenz für ihre Kommunikation. Schließlich beherrschen nur wenige Menschen das Lorm-Alphabet und können direkt mit ihnen kommunizieren.
Allerdings entsteht dann oft ein Gespräch von seltener Intensität. Jedesmal, wenn ich mit taubblinden Menschen sprechen durfte, fühlte ich mich hinterher bereichert und glücklich.
„Ihre Wahrheit ist Berührung“, lautet der Titel meiner Reportage vom Deutschen Taubblindenwerk in Fischbeck und Hannover. 1995 habe ich dort erlebt, wie Taubblinde reagieren, die nicht sprechen können: Sie schnüffeln am Haar, tasten nach dem Handgelenk und lecken am Handrücken, um herauszufinden, ob da jemand Bekanntes ist.
Wenn darauf dann ein heftiges Händeschütteln folgt, dann ist die Freude des Taubblinden deutlich spürbar. In der Kommunikation über Berührungen kommt man in Berührung zu eigenen Gefühlen, zur Bedeutung des menschlichen Miteinanders und zur Freude an dieser sehr intensiven Form von Kommunikation.
So kann ich am Ende nur jeden beglückwünschen, der einen taubblinden Menschen „sprechen“ darf. In den bald 29 Jahren meines Berufslebens habe ich selten intensivere und glücksvollere Momente erlebt als bei meinen Interviews mit Taubblinden in Fischbeck und Hannover sowie mit Karl-Erich Kreuter in Marburg.

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