Fluch u49525: Absturz des Journalismus nach Totschweigen des Problems Suizid

Medienschelte ist zur Zeit schwer in Mode. Sie ist wohlfeil und häufig völlig losgelöst von jeglicher Kenntnis der realen Bedingungen in den Medien. Die schlimmsten Auswüchse gipfeln in dem Wort „Lügenpresse“ und einem geradezu hysterischen Hass auf alles, was sich „Medien“ nennt.
Selbstkritik der Journalistinnen und Journalisten ist allerdings umso wichtiger, als die grassierende Medienschelte reale Aufhänger hat. Zudem kann niemand besser werden, der das eigene Handeln nicht wenigstens hin und wieder kritisch hinterfragt.
Auslöser für meine kleine kritische Betrachtung des eigenen Berufsstands war der Absturz des Flugs 4u9525 von German Wings am Dienstag (24. März) in den französischen Alpen. In weiten Teilen war die Berichterstattung darüber von Sensationsgier und Respektlosigkeit gegenüber den trauernden Angehörigen der Opfer geprägt. Ein Text des Satire-Magazins „Der Postillon“ bringt diese voyeuristische Haltung unter dem Titel Sensationsreporter bedauert, nicht life in der abgestürzten Maschine gewesen zu sein treffend auf den Punkt.
Problematisch ist die oft empörte Reaktion auf die Vermutung, der 27-jährige Co-Pilot habe das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht, weil er psychische Probleme hatte. Fassungslosigkeit ist da nur allzu verständlich. Hass und Zorn sind zwar auch nachvollziehbar, stehen einem seriösen Journalisten aber nicht gut zu Gesicht.
Was mich schon lange umtreibt, ist der Umgang fast aller Medien mit dem Thema Suizid. Weitgehend wird nicht darüber berichtet, weil man Nachahmertaten befürchtet. Das scheint jedoch nur auf den ersten Blick ein ehrenwertes Motiv für das Verschweigen von Selbsttötungen zu sein.
Bei genauerer Betrachtung zieht diese Begründung für mich jedoch nicht: Wären nicht nur solche Menschen zu einer Nachahmer-Tat bereit, die schwere psychische Probleme haben? Helfen Journalistinnen und Journalisten mit dem Verschweigen von Suizid nicht einer mördrischen Gesellschaft, eine Fassade aufrechtzuerhalten, die sich schon längst in einem gefährlichen Zerfallsprozess befindet?
Dabei müsste das Problem Suizid doch eigentlich an der Wurzel angepackt werden: Die geradezu mörderische Individualisierung der Gesellschaft unter einem ständig steigenden Leistungsdruck bei mangelnder Solidarität des Staats und der Mitmenschen bringt viele an den Rand der Verzweiflung. Monatelange Wartezeiten auf eine Psychotherapie tragen nicht gerade dazu bei, psychische Probleme frühzeitig zu behandeln und so einen möglichen Suizid zu verhindern.
Zudem werden Menschen nach einer versuchten Selbsttötung meist in Psychiatrische Einrichtungen eingesperrt. Statt mitfühlender therapeutischer Unterstützung bei der Suche nach Ursachen und möglichen Lösungsstrategien erhalten sie oft zerstörerische Medikamente. Chemie statt Zuwendung ist die bittere Pille, die in Deutschland in der Regel auf einen „missglückten Selbstmordversuch“ folgt.
Hinzu kommt noch die damit einhergehende Entmündigung und die psychische Belastung durch das Umfeld vieler anderer kranker Anstaltsinsassen. Unsere Gesellschaft grenzt psychisch Kranke aus und breitet einen Teppisch des Schweigens über ihre Nöte und Sorgen.
Psychische Erkrankungen und Psychiatrische Einrichtungen sind in den Medien nur selten Thema. Diese Problematik ängstigt die meisten Menschen. Wird sie dennoch einmal aufgegriffen, dann tendiert der Tenor der Darstellung eher in die Richtung „Wegsperren – und zwar für immer“ als zu einem menschlichen und bürgerrechtlich orientierten Umgang mit Psychisch Kranken.
Für differenzierteDarstellungen ist in den meisten Medien kaum Platz. Sie erfordern viel Einfühlungsvermögen, Zeit und Rechercheaufwand. Die Frage nach mehr Menschlichkeit passt leider nicht in die – von der Gier nach Quote, Klicks oder Auflage geprägte – schnell-lebige Berichterstattung über Mord und Totschlag, Krieg und Terror.
Ängstigen muss man sich deswegen heutzutage nicht nur über die „Welt da draußen“, sondern auch über die Berichterstattung darüber. Mittlerweile kenne ich Menschen, die Angst haben vor den Nachrichten im Fernsehen oder Radio.
Nun kann man die Welt nicht besser machen, indem man ihre Widrigkeiten und Widerwärtigkeiten totschweigt. Das gilt nicht nur für den Suizid, sondern auch für Terror und Krieg.
Aber Empathie mit den Opfern und eine klare Absage an Gewalt als Lösung für derartige Probleme wären ethisch der bessere Weg. Außerdem sollten die Macher von Unterhaltungsprogrammen im Fernsehen wie auch von Kinofilmen darüber nachdenken, ob Gewaltdarstellungen nicht zu einer Abstumpfung des Publikums führen. Auf unnötige Gewaltdarstellungen zur Steigerung der Spannung sollten sie am besten freiwillig verzichten.
Am Ende bleibbt bei alledem dennoch Sprachlosigkeit. Was in den letzten Tagen mitunter das Herz erwärmt hat, war eine berührende Berichterstattung über mitfühlende Menschen in Seine-les-Alpes und die gelegentlich doch einfühlsame Darstellung von Sprachlosigkeit der trauernden Angehörigen in Haltern und Montabaur. Vielleicht sollten sich Journalisten doch daran gewöhnen, auch einmal das Maul zu halten.

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2 Kommentare zu “Fluch u49525: Absturz des Journalismus nach Totschweigen des Problems Suizid

  1. Pingback: “Katastrophenjournalismus” bedeutet nach seinem Absturz mit 4u9525: Der Journalismus ist eine Katastrophe | Franz-Josef Hanke

  2. Obwohl etwas in Eile dieses:
    @Erstens
    „Stunde Null: Die Welt der Informationswüste“
    http://www.iknews.de/2015/03/30/stunde-null-die-welt-der-informationswueste/
    „[…]
    Kürzlich brachte mich ein Kommentar von Chris123 doch sehr ins Grübeln, er nannte es die “Null-Doktrin”. Schon oft habe ich mich darüber geärgert, dass Ermittlungen zu unzähligen “Verbrechen” immer im “Nichts” endeten und das auch niemanden zu kümmern schien. Durch den Einwurf von Chris wurde mir jedoch vor Augen geführt, wie perfide und ungeniert diese Praxis mittlerweile zum Usus geworden ist. Die Informationswelt ist zu einer kompletten Wüste geworden, denn alles verläuft nur noch im “Sande”.
    Die Welt der Sensorik und Überwachung hat ein Mass erreicht, dass jedem der es halbwegs versteht das Blut in den Adern gefriert. Jedes Smartphone hat heute bereits Sensoren integriert, die noch vor 20 Jahren so manche Weltraumbehörde vor Neid erblassen lassen hätte. Natürlich gibt es auch hier und da eine Sinnvolle Verwendung für solche Technologien, überwiegend arbeitet sie im Hintergrund jedoch gegen den Benutzer. Auch die Vernetzung der Informationen hat ein perverses Mass erreicht, bereits mit recht simplen Algorithmen lassen sich so Menschen recht präzise analysieren und detektieren.
    […] Mailverkehr und Internetverhalten werden ebenso mitgeschnitten, wie auch Bewegungsprofile und Kaufverhalten. All das, angeblich um den Menschen mehr Sicherheit zu verschaffen. Genau an dieser Stelle wird es nun jedoch eigenartig.
    Wie Chris in seinem Kommentar sehr deutlich aufzeigte, finden die “Früchte” der totalen Überwachung ihren Weg nicht ans Tageslicht. Egal was an Verbrechen geschieht, am Ende läuft es immer auf das “Nichts” hinaus. Es gibt einfach keine Aufklärung und die Menschen haben sich damit abgefunden. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel, den Fall NSU. Abermals kommt eine wichtige Zeugin unerklärlich ums Leben, wie in der ganzen Affäre wird auch hier am Ende das “Nichts” sein. Wen interessiert das schon, morgen wird ja bereits die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Ganze Flugzeuge verschwinden in der Nähe von geheimen US-Militärbasen (MH 370 – Diego Garcia) und niemand will davon etwas mitbekommen haben? Wahlen werden manipuliert und auch diese Ermittlungen enden im “Nichts”. Das “Informations-Nichts” ist zu einer Black-Box geworden, die sich selbst verwaltet. Gibt sich jemand mit dem “Nichts” nicht zufrieden oder bedroht es, kann das sehr schnell in einem Unfall mit tödlichem Ausgang enden.
    […]“
    @Zweitens
    „Germanwings – Wo bleibt der Flugdatenschreiber?“
    http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2015/03/germanwings-wo-bleibt-der.html
    „[…] Associated Press meldete am 25. März: „Der französische Präsident Francois Hollande sagte, das Gehäuse des Flugdatenschreiber wurde unter den verstreuten Trümmerteilen gefunden, aber ohne Speicherkarten, die 25 Stunden an Information über die Position und den Zustand von fast allen wichtigen Teilen des Flugzeugs aufzeichnen.“
    Kay Kratky sagte aber dem Gülleverbreiter der ARD, die Suche nach dem vielleicht entscheidenden Puzzlestück sei deswegen so schwierig, weil die Maschine „mit 800 km/h in eine senkrechte Wand geflogen ist und dabei atomisiert wurde. Es kann sein, dass diese Belastung für den Flugschreiber zu gross war.“
    […] Mir geht es hier darum, ein Vertreter der Lufthansa widerspricht dem französischen Staatsoberhaupt, was das Auffinden des FDR betrifft.
    Ich finde es merkwürdig, dass der Stimmenrekorder gefunden wurde und angeblich „einwanfreie“ Tonaufzeichnungen liefert, aber der Flugdatenschreiber soll verschwunden sein und sich „atomisiert“ haben. Die beiden Blackboxen sitzen doch nebeneinder im Flieger und erleben die selben Kräfte.
    Ist es nicht interessant, immer wieder verschwinden die Blackboxen und sind nicht auffindbar. So auch bei 9/11, nämlich der beiden Maschinen, die in die Türme des World Trade Centers reinkrachten. Wie durch ein Wunder überlebte aber der Pass eines der Flugzeugentführer völlig unbeschädigt. Siehe die Fotos des Passes von Satam al-Suqami:
    […] Der Reisepass von Satam al-Suqami wurde in den rauchenden Trümmern gefunden, nachdem er in der Brusttasche des „Terroristen“ mit angeblich 700 km/h (auf Meereshöhe???) in den Wolkenkratzer aufschlug. Der Pass überlebte nicht nur die völlige Zerstörung der Boeing 757, sondern hat auch eine Stunde lang dem anschliessenden Feuer widerstanden, das so heiss war, „um Stahl zu schmelzen!!!“ Dann hat dieser Pass auch noch den Zusammenbruch und die völlige Pulverisierung des Nordturmes überlebt, um heil auf den Schutthaufen zu landen.
    Ich weiss ja nicht ob man es so nennen kann, aber am 11. September 2001 passierte noch ein Wunder der Unversehrtheit. Die Pässe, die den beiden anderen „Terroristen“ gehörten, Ziad Jarrah und Saeed al-Ghamdi, wurden auch völlig unbeschädigt in dem Loch in Shanksville, Pennsylvania gefunden, wo angeblich United Airlines Flug 93 sich senkrecht in den Boden gebohrt hat und verschluckt wurde. Von der Maschine blieb nicht übrig, aber die Pässe lagen da.
    Hallo Herr Kratky, ich richte mich jetzt an Sie … ich habe deshalb folgenden konstruktiven Vorschlag, damit die Datenschreiber in Zukunft jede Katastrophe unbeschadet überstehen und dann auch ausgewertet werden können: Man sollte die Blackboxen aus dem Material herstellen, aus denen auch Reisepässe gemacht werden, denn die findet man immer nach einem Absturz unter den Trümmern. War bei Flug MH17 in der Ukraine übrigens auch so. Die Pässe lagen im brennenden Trümmerhaufen, sahen aber wie neu aus.
    Ach ja, wenn wir gerade über MH17 reden, es sind über 8 Monate seit dem Absturz Abschuss vergangen. Wann können wir mit einer Wiedergabe der Geräusche und Auswertung der Daten rechnen? Wieso dauert die Analyse so lange? Beim aktuellen Fall wurde zum Vergleich unglaublich schnell gearbeitet. Nach zwei Tagen kannte man schon die Ursache und man hat uns erzählt, der Kamikaze-Pilot Andreas Lubitz hat die Maschine bewusst gegen eine Felswand in den französischen Alpen geknallt.
    […] Wenn, was Präsident Hollande gesagt hat stimmt, dann müssen die Speicherkarten in der Nacht nach dem Unglück entfernt worden sein, bevor die Rettungskräfte am Morgen darauf gestossen sind. Blackboxen haben einen Peilsender zur Lokalisierung. Eine Entwendung wäre ungeheuerlich, was alle Alarmglocken klingeln lassen müsste. Wer könnte so etwas machen und warum? Ohne Aufzeichnung der Daten der Maschine kann man den Flug nicht nachvollziehen und herausfinden, was wirklich passiert ist. Wer hätte ein Interesse an einer Vertuschung?
    […]“

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