„Katastrophenjournalismus“ bedeutet nach seinem Absturz mit 4u9525: Der Journalismus ist eine Katastrophe

„Katastrophenjournalismus“ ist ein wunderbares Wort. Es bezeichnet den derzeitigen Zustand des Journalismus sehr treffend: Die Berichterstattung über den Absturz des Flugs 4u9525 von German Wings in vielen Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern war eine einzige Katastrophe.
Wenigstens ist in den Medien eine selbstkritische Debatte darüber entbrannt. Doch gerade hier gewinnt der Begriff „Katastrophenjournalismus“ mitunter einen merkwürdigen Beigeschmack, als gebe es „normalen“ Journalismus und eben „Katastrophenjournalismus“.
Die grundlegenden Regeln für fairen Journalismus gelten unabhängig vom Gegenstand der Berichterstattung. Zu ihnen zählen Neutralität, Respekt vor der Würde jedes Menschen und das Verbot von Diskriminierung. Journalistische Ethik gehört zwingend zur tagtäglichen Ausübung des Berufs wie auch zur Bewältigung besonderer Situationen.
Rücksichtnahme und Empathie prägen verantwortungsvollen Journalismus. Leider sind sie bei der ständigen Suche nach der besonderen Story und dem Ringen um Auflage, Klicks und Quote nur allzu häufig einer rücksichtslosen Sensationsgier gewichen.
Sensationen werden dabei herbeigeredet und -geschrieben. Katastrophen werden von Medien erst dazu gemacht. Das katastrophale Ausmaß ständiger Berieselung mit immer neuen Nicht-Nachrichten steigert den Sensationswert ins schier Unerträgliche.
Was ist überhaupt eine „Katastrophe“? Diese Frage ist doch immer subjektiv zu beantworten: Für den verliebten Teenager kann es eine Katastrophe sein, wenn das für die Angebetete mühevoll zubereitete Essen auf dem Herd anbrennt, während die Insolvenz der Firma seiner Eltern ihn kalt lässt.
Berichterstattung sollte also immer nach der Maxime stattfinden: Welchen Nachrichtenwert hat eine Mitteilung? Ist sie ethisch vertretbar und journalistisch notwendig?
Die Namensnennung des Co-Piloten beispielsweise macht aus ihm einen Täter. Dabei ist er zugleich doch Opfer.
Der Verzicht auf volle Namensnennung auch bei Tätern dient nicht nur dazu, deren eigene Persönlichkeitsrechte zu schützen; er schützt auch ihre Angehörigen und Freunde. Zudem verhindert er Schmähungen und Schlimmeres.
Gerade im Zeitalter digitaler Medien, die fälschlicherweise „Soziale Netzwerke“ genannt werden, ist die Folge einer Namensnennung möglicherweise gravierend. Journalisten müssen sich hier ihrer besonderen Verantwortung klar sein. Wenn ihre Berichte Mobbing und Tätlichkeiten auslösen, müssen sie sich unabhängig von der juristischen Verantwortung die Frage stellen, ob ihr Handeln ethisch gerechtfertigt war.
Das mutmaßliche Verhalten des Co-Piloten aus Montabaur wirft auch die Frage nach dem Umgang mit dem Thema Suizid auf. Das systematische Totschweigen dieser Problematik in den meisten Medien ist zwar ethisch begründet, dennoch gerade angesichts eines möglichen „Erweiterten Suizids“ mit ebenso gutem Recht ethisch in Frage zu stellen.
Selbstverständlich darf kein Suizid zum Thema von Sensationsberichterstattung werden. Aber notwendig wäre einmal die gesellschaftliche Debatte über das Recht auf Selbsttötung, Hilfe für psychisch kranke Menschen und den Umgang der Gesellschaft mit derartigen Krankheiten. Hier herrscht derzeit ein dramatisches Schweigen der Medien.
Schweigen hätte man sich dagegen gewünscht in vielen anderen Situationen. Spekulativ blubberten viele „Berichterstatter“ in Fernsehsendungen wie „Brennpunkt“ munter drauf los, ohne Fakten zu vermitteln. Sicherlich sollten die Verantwortlichen über das Format dieser und ähnlicher Sendung auch einmal selbstkritisch nachdenken.
Die ARD-Sendung „Brennpunkt“ bläht manche Ereignisse erst zu Katastrophen auf. Welches Thema einen „Brennpunkt“ nach der Tagesschau wert ist, ist mitunter Ergebnis überaus fragwürdiger politischer Tendenzentscheidungen. Nicht der Umgang der griechischen Regierung mit den Staatsfinanzen ist eine Katastrophe, sondern die Armut der Menschen in diesem europäischen Land aufgrund einer aufgezwungenen Austeritätspolitik.
Der Begriff „Krisenkommunikation“ ist das Pendant der PR-Branche zu dem Wort „Katastrophenjournalismus“. Allerdings spiegelt es im Idealfall einen weitsichtigen Umgang mit Problemen statt deren Verheimlichung wider.
Ein Opfer einer weitgehend adäquaten Krisenkommunikation wird nun möglicherweise Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Er ist „das Gesicht des Absturzes“, heißt es. Deshalb bekommt er nun persönlich Probleme.
Dabei hat er zumindest in einem wichtigen Punkt absolut das Richtige getan: Er hat den Absturz des Fliegers zur Chefsache erklärt und sich selbst gekümmert. Er hat den Hinterbliebenen unbürokratische Soforthilfe zugesagt und das Problem nicht auf Verantwortliche der Tochterfirma „German Wings“ abgeschoben.
Dass er und sein Konzern über die gesundheitliche Belastung des Co-Piloten nicht informiert waren, ist eine tragische Folge von den Vertuschungsversuchen des Mannes aus Montabaur. Letztlich ist auch Spohr ein Opfer dieser Tragödie.
Die Hinterbliebenen haben verdient, dass sich die Verantwortlichen auch in der Chefetage kümmern. Ebenso haben sie verdient, dass ihre Trauer respektiert wird und sie nicht von einer geifernden Meute sensationslüsterner Reporter auf Schritt und Tritt verfolgt werden. Hier haben die meisten Medien offenbar doch dazugelernt.
Am Ende bleibt noch der Umgang der Medien mit Politikern, die auf jeder „Katastrophe“ sofort ihr karrieristisches Süppchen kochen. Vielleicht sollte die Berichterstattung Politiker aus solchen Ereignissen weitgehend heraushalten?
Und zum Schluss bleibt die Erkenntnis, dass Menschlichkeit im Journalismus schier unmenschliche Anforderungen an Journalistinnen und Journalisten stellt: Sie sollen neue Informationen sofort übermitteln und dabei zugleich genau abwägen, was wichtig ist und welche möglichen Implikationen die Weitergabe der jeweiligen Information birgt. Sie sollen im rechten Moment berichten und im rechten Moment schweigen.
Immer das Richtige zu tun, ist nicht einfach. Deswegen ist Journalismus auch kein Beruf für einfach gestrickte Gemüter. Seine Produkte sollten sich auch nicht an diese Zielgruppe richten.

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3 Kommentare zu “„Katastrophenjournalismus“ bedeutet nach seinem Absturz mit 4u9525: Der Journalismus ist eine Katastrophe

  1. Es ist bestimmt schwer für Journalisten und Politiker in so einem Fall genau das Richtige zu tun. Gibt es keine oder nur wenige Informationen heißt es dann, hier wird etwas vertuscht.Erfreulich war die schnelle Informationspolitik vor Ort, erbärmlich die schrecklichen „Sondersendungen“ und aufgeblasenen Berichterstattungen.
    Erstaunlich wie viele Experten es doch für alle Fragen gibt.
    Für mich ist auch das Auftauchen von Politprominenz am Absturzort fragwürdig. Sicher ist es als Zeichen der Anteilnahme gedacht, aber in erster Linie denkt man da wohl eher an die mediale Außenwirkung.
    Das Leid und der irreparable Schmerz der Angehörigen sind unermesslich.Hier hatte ich diesmal aber auch den Eindruck, dass die meisten Beiträge rücksichtsvoll waren.
    Die „einfach gestrickten Gemüter“ lesen sowieso nur die eine Zeitung und die kennt kein Erbarmen und Mitgefühl.

  2. Ich boykottiere die gängigen Zeitschriften schon länger, eben aufgrund ihres zunehmend katastrophalen Journalismus, den ich nicht länger ertragen konnte und wollte.
    Ich habe mich dann heute auch noch den Link auf #BILDBOYKOTT mit passendem Bild auf meinen Blog gesetzt. Genug ist genug:
    http://faszinationmensch.com/

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