Zum Geburtstag von Helmut Kohl: Lobeshymnen sind fehl am Platze

„Pfälzer gegen Helmut Kohl“ stand auf einem großen Transparent. Deutlich sicht- und lesbar war diese Aussage auf dem überfüllten Marburger Marktplatz. Auf einer Büne vor dem Rathaus stand der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und zeigte mit dem Finger ganz erbost nach links auf das große Banner.
Am 2. April 2015 wird „Birne“, wie Kohl in den späten 80er Jahren häufig genannt wurde, 85 Jahre alt. Auf dem Marburger Marktplatz sprach er im Rahmen des Bundestagswahlkampfs 1982.
Ein Jahr vorher war er dort auch bereits aufgetreten. Damals fand sein Besuch im Rahmen des Wahlkampfs zur hessischen Landtagswahl statt.
„Es ist genau wie vor einem Jahr“, begann Kohl seine Redde 1982. „Wieder sind da die roten Mützen mit ihren Trillerpfeifen.“
Dann blieb sein Blick auf dem Banner links an der Hauswand hängen: „Aber das da ist neu.“ Er legte eine Pause ein, bevor er fortfuhr: „Ich kann Ihnen versichern, dass ich sehr beliebt bin in der Pfalz.“
Bei zwei Pfälzern zumindest war Kohl das nicht. Deshalb hatten die beiden Studenten das Transparent gemalt und aufgehängt. Nachdem es am Tag nach Kohls Rede auch auf einem Foto in der Oberhessischen presse (OP) auftauchte, waren die beiden gebürtigen Pfälzer in Marburger Studentenkreise gefragte Leute.
Wiedergetroffenhabe ich Kohl bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Prof. Dr. Reinfried Pohl. Die beiden verband eine enge Kameraderie. Kohl war längere Zeit Beiratsvorsitzender der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), deren Gründer und Haupteigentümer Pohl war.
Vergeblich versuchte Pohl, für seinen Busenfreund Helmut eine Ehrenpromotion am Fachbereich Rechtswissenschaften zu erreichen. Doch selbst eine großzügige Spende an die Philipps-Universitä konnte dieses Ziel nicht vorantreiben.
Warum warPohl Kohl so verpflichtet? Sollte Pohl eventuell einer jener ungenannten Spender gewesen sein, die Kohls Abschied aus der aktiven Politik zu einem peinlichen Debakel werden ließen.
Kohl ist mir immer nur als selbstgerechter und rechthaberischer Machtmensch begegnet. Sein Machtinstinkt indes war sehr ausgeprägt.
Dieser Instinkt hat dann auch dazu geführt, dass er die Chance zur Wiedervereinigung beim Schopf ergriff und die 2+4-Verhandlungen erfolgreich zu einem glücklichen Ergebnis brachte. Gleichzeitig verhinderte genau dieser Machtinstinkt eine gleichberechtigte Wiedervereinigung der Bundesrepublik und der DDR. Vielmehr zwang Kohl die Bürgerinnen und Bürger Ostdeutschlands unter das Joch eines Anschlusses unter vorgegebenen Bedingungen und der Zerstörung der vollmundig verheißenen „blühenden Landschaften“ durch die Treuhandanstalt.
Hemdsärmelig in Strickjackeverhandelte er am Bonner Rheinufer mit Michael Gorbatschow. Francois Mitterand lud er zum Saumagen in die Pfalz ein. Ein Staatsmann war Kohl gewiss nicht.
Ein großer Politiker ist Kohl wirklich nur im wörtlichen Sinn. Aus demokratischer Sicht hat er sich so viel zuschulden kommen lassen, dass Lobreden auf ihn nur dann stattfinden können, wenn alle den Tunnelblick eingeschaltet haben oder an politischer Demenz leiden.
Sein Gesundheitszustand indes ist recht erbärmlich. Mittlerweile tut mir der Dicke aus Oggersheim manchmal richtig leid. Noch mehr leid tun mir allerdings die Millionen Menschen aus der ehemaligen DDR, die er in prekäre Lebensverhältnisse, Armut und Hoffnungslosigkeit gelockt hat.

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Ein Kommentar zu “Zum Geburtstag von Helmut Kohl: Lobeshymnen sind fehl am Platze

  1. Prima, dass sich das mal ein Westdeutscher getraut zu sagen. Ja, genauso war der dicke Kanzler.Ein arroganter und selbstgerechter Politiker. Natürlich war er nicht dumm und hat die Chance der Möglichkeit einer Übernahme der DDR durch die Bundesrepublik erkannt und konsequent durchgezogen. Für die Wirtschaftskreise in denen er sich bewegte war das schon eine große Leistung. Ich wundere mich nur, wie er die Alliierten dafür begeistern konnte. Bei den Amerikanern sicher kein Problem , aber bei den Briten und Franzosen ?
    Im Osten blühen die Landschaften wie seit Hunderten von Jahren im Frühling.Aber, viele Gegenden sind fast leer und junge Menschen arbeiten wenn sie klug sind, im Westen, die Idioten dümpeln mit Harz IV im Niemandsland und zünden schon mal ein Asylbewerberheim an oder gehen zu ihren Freunden von Pegida.
    Die Wirtschaft im Osten wurde in den 90ern platt gewalzt und funktioniert heute nur noch in Leipzig, Dresden und Berlin. In einer Diskussion mit einem Nürnberger sagte der zu mir „Eure Wirtschaft war ja auch kaputt“. Ich konnte ihm entgegenhalten, dass das erste Werk, das in Plauen geschlossen wurde, eines der neuesten Reifenwerke Europas war (erbaut von der BRD). Man hat einfach nur die Konkurrenz ausgeschaltet. Geschichte ist halt nie einfach. Kohl wird irgendwann vergessen sein wie alle kalten Krieger aus Ost und West. Eine Randnotiz, glorifiziert von einigen Parteifreunden und den Staatsmedien. Mehr wird nicht übrig bleiben. Mir tut er übrigens nicht leid.

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