Mehr Rouge bitte: Zum Geburtstag von Daniel Cohn-Bendit

„Wir alle sind deutsche Juden.“ Unter diesem Slogan solidarisierten sich französische Studenten 1968 mit Daniel Cohn-Bendit. Zehn Millionen Menschen schlossen sich damals seinem Aufruf zum Generalstreik an.
Präsident Charles de Gaulle floh vor den Protesten. Der „rote Daniel“ oder „Daniel le Rouge“, wie er in Frankreich genannt wurde, stand damals kurz vor der Verwirklichung seines Ziels. Das war nicht weniger als die sozialistische Revolution.
Geboren wurde der deutsche Student am 4. April 1945 in Frankreich als Sohn eines Berliner Juristen. Wegen ihrer jüdischen Abstammung hatte die Familie vor der Nazi-Diktatur nach Frankreich fliehen müssen.
„In Frankreich ist Daniel Cohn-Bendit wohl der berühmteste lebende Deutsche“, meinte eine französische Besucherin zu mir, als sie von seinem Besuch auf dem Marburger Marktplatz erfuhr. Gemeinsam gingen wir hin und hörten dem Grünen-Politiker zu.
Seine Rede auf dem Marktplatz hielt Cohn-Bendit zur Europawahl 2009 am Mittwoch (20. Mai). Darin betonte er die friedensstiftende Wirkung der Europäischen Union (EU). Bei Kriegsende hätte das wohl niemand für möglich gehalten, meinte er.
Nach der Rede setzte er sich neben uns auf die Terrasse des Cafés am Markt. Kurz sprachen wir miteinander über gemeinsame Zeiten bei den Grünen Hessen Anfang der 80er Jahre. Im Gegensatz zu unserem gemeinsamen Mitstreiter Joschka Fischer kannte Cohn-Bendit mich noch.
Mit Fischer gehörte er bei den Grünen zu den sogenannten „Realos“. Ich hingegen war ein „Fundi“. Oft stritten diese beiden Lager damals erbittert gegeneinander um die Zukunft der Partei.
Gewonnen haben die Realos. Nicht zuletzt verdankten sie das neben ihren leichter vermittelbaren Konzepten auch dem rhetorischen Talent ihrer beiden Gallionsfiguren. Gemeinsam konnten Joschka und Dani ganze Versammlungen kippen mit ihren Reden.
Als ich Dani 1981 persönlich kennenlernte, war er für mich bereits eine Berühmtheit. Schließlich hatte auch ich die Ereignisse im Sommer 1968 in Paris im Fernsehen verfolgt.
Im Gegensatz zu Joschka zeigte Dani aber immer mehr Menschlichkeit: Einmal hatte er für mich in der Grünen Landesgeschäftsstelle einen Umschlag hinterlegt, in dem sich ein kleines Bändchen mit politischer Lyrik befand. Dabei steckte ein handgeschriebener Brief mit Geld, das ich ihm geliehen hatte.
Mehrere Male trat Cohn-Bendit in den 80er Jahren in Marburg auf, wo er stets große Hörsäle füllte. Sein rhetorisches Talent überzeugte dabei fast immer.
Dani konnte sich regelrecht in Rage reden. Meist waren seine Reden emotional. Nicht immer war ich mit allen Inhalten einverstanden.
Kritik erntete er bei den Grünen damals auch für seinen Lebensstil. Gutes Essen und ein passender Rotwein gehörten für ihn einfach dazu. Ganz und gar geprägt hatte ihn in diesem Punkt das Leben in Frankreich, wohin er auch immer wieder zurückkehrte.
Getrennt haben sich unsere Wege Mitte der 80er Jahre. Während ich mich aus der Grünen Partei zurückzog, fand Dani seinen Platz bei den Grünen Europa.
Auf seine Frage, was ich denn heute mache, antwortete ich ihm 2009 auf dem Marktplatz, dass ich parteipolitisch nicht mehr aktiv bin. Vielmehr betreibe ich Politik in der Bürgerrrechtsbewegung außerhalb der Parlamente.
Dann sei ich also den Grünen verlorengegangen, meinte Dani bedauernd. Daraufhin antwortete ich ihm: „Mitunter kann einem auch eine Partei verlorengehen.“

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3 Kommentare zu “Mehr Rouge bitte: Zum Geburtstag von Daniel Cohn-Bendit

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  2. Edathy haette seine Vorliebe fuer Fotos von kleinen Jungs auch mal besser als „Provokation“ oder Zeitgeist deklarieren sollen – das haette ihm offenbar die Karriere gerettet… *wuerg*
    … bei allen Schweinereien immerhin etwas, was bei Kohl nicht vorkam, jedenfalls bis dato nicht bekannt geworden ist.

  3. Mich würde interessieren, wie Daniel heute über die Konfrontation Europas zu Russland denkt. Mit der Friedensbewegung hat er ja wohl nichts mehr zu tun ?
    Gutes Essen und guten Wein soll er ruhig haben, aber wenn er schläft sollen ihn die Geister seiner frühen Ideale heimsuchen und ihm ein latent schlechtes Gewissen machen !

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