Zum Tod von Irmgard Sturz: Immer wieder Zähne zusammengebissen und weiter!

Foto: Irmgard Sturz 2009
Sie hat die Weimarer Republik, den Hitler-Faschismus und den Zweiten Weltkrieg überlebt, Vertreibung und Hunger durchlitten. Zwei Männer und zwei Kinder hat sie verloren. Das Leben hat sie gelehrt, die Zähne zusammenzubeißen und anzupacken, was zu erledigen ist.
Irmgard Sturz ist am Sonntag (5. April) im Alter von 94 Jahren in Darmstadt gestorben. Tapfer hat sie die Schmerzen ertragen, bis am Abend des Ostersonntags schließlich auch diese letzte Prüfung vorbei war.
Ich habe sehr großen Respekt vor dieser Frau und vielen anderen aus ihrer Generation. Was hat sie nicht alles durchleiden müssen; und doch hat sie nie geklagt!
Geboren wurde sie am 2. Oktober 1920 als Irmgard Adam. Ihre Kindheit verbrachte sie in Karwin im Sudetenland. Später zog die Familie nach Troppau, das heute Oppawa heißt.
Nach dem Abitur nahm Irmgard an der Buchhändlerschule in Leipzig ein Studium im Fach Bibliothekswesen auf. Sie heiratete und bekam eine Tochter.
Ihr Ehemann fiel an der Westfront. Aus dem Sudetenland wurde die Familie vertrieben. Ihre kleine Tocher starb auf dem Treck in Richtung Westen.
Was das für sie bedeutete, kann keiner wirklich ermessen. Meine Schwiegermutter hat darüber nur sehr selten und wenig gesprochen. Deutlich wurde aber, wie einschneidend die Vertreibung für sie war und wie sehr sie darunter gelitten hat.
Neben dem Verlust der Heimat waren es auch die Anfeindungen am neuen Wohnort, die den Vertriebenen zu schaffen machten. Wahrscheinlich war das Verhalten vieler Alteingesessener ihnen gegenüber ganz ähnlich wie das der selbsternannten Verteidiger des Abendlands gegenüber Kriegsflüchtlingen heute.
Gemeinsam mit ihrer Mutter erreichte die junge Witwe Farnroda in Thüringen. Hier sollte sie nach Anweisung der Alliierten bleiben.
Dann erhielt sie jedoch Nachricht von ihrer Schwester. Die junge Lehrerin war in Frankenberg und forderte Mutter und Schwester auf, nachzukommnen. So fand die Familie schließlich in Dorf Itter wieder zusammen.
Bei einem Termin in Marburg traf Irmgard einen alten Bekannten wieder. Heinrich Sturz hatte bereits bei den Wandervögeln ein Auge auf sie geworfen. Nun kamen beide glücklich zueinander.
In Frankenau erhielt Irmgard sogar eine Anstellung bei der ortsansässigen Molkerei. Milchkannen musste sie schleppen, selbst als sie schwanger war. Dabei war ihre eigentliche Aufgabe die Buchführung der Molkerei.
1950 wurde ihre gemeinsame Tochter Erdmuthe geboren. Wenige Jahre später trat Irmngard Sturz eine Stelle bei der Stadtbücherei Darmstadt an. Ihr Ehemann arbeitete als Verkäufer in einem Eisenwarenhandel.
Nun folgten die glücklichen Jahre: In Darmstadt-Arheilgen bezog die Familie gemeinsam mit der Mutter ein eigenes Haus. Die Tochter machte Abitur und studierte in Frankfurt Philologie.
Doch das Glück währte kaum 25 Jahre: Auf den Tod ihrer Mutter folgten Irmgards Ehemann und ihre Schwester sowie 2010 schließlich ihre Tochter Erdmuthe. Auch ihre Schulkameraden, Studienfreundinnen und Bekannten in der Wandervögel-Gruppe wurden immer weniger.
In der Gymnastikgruppe war Irmgard Sturz schließlich die Älteste. Erst an ihrem Geburtstag am 2. Oktober 2014 berichtete sie, eine ältere Dame habe sich in der Turnhalle neben sie gesetzt und gemeint, sie sei wohl „der Methusalem“ hier. „Mit 91 Jahren war sie jedoch drei Jahre jünger als ich“, meinte das Geburtstagskind nur schmunzelnd.
Ihr Flötenkreis schrumpfte allmählich auf Quintett, Quartett und schließlich Trio zusammen. „Wir treten nicht mehr öffentlich auf“, erklärte Irmgard Sturz 2011. „die 78-jährige Mitspielerin schafft es nicht mehr, die Töne sauber herauszubringen.“
Neben klassischer Musik und dem Lesen gehörte das Briefeschreiben zu ihren wichtigsten Gewohnheiten. Vor allem im Advent schrieb sie eifrig Karten und Briefe. Natürlich tat sie das immer handschriftlich.
Die Pflege von Bekanntschaften nahm sie sehr ernst. Bereits in der dritten Generation hielt sie Kontakt mit der Familie der Vermieter ihrer Studentenbude in Leipzig.
Höhen und Tiefen des Lebens waren ihr nicht fremd. Noch als 89-jährige hat sie ihre krebskranke Tochter gepflegt. Auch wenn ihr das nicht leichtgefallen ist, hat sie ihr doch so viel Zuwendung und Zuversicht mitgegeben, dass Erdmuthe friedlich gehen konnte.
Nach Erdmuthes Tod haben wir einander adoptiert: Ebenso wie ich Erdmuthe versprochen hatte, ihre Mutter wie meine zu behandeln, hatte sie auch ihrer Mutter ein ähnliches Versprechen abgenommen. Während unserer gemeinsamen Weihnachtsfeiern führten wir stundenlange persönliche Gespräche vor allem über Irmgards Leben und die Erlebnisse ihrer Jugend.
Für Frieden und gegen Faschismus hat sie sich eingesetzt. Ansonsten wollte sie von Politik wenig wissen. Ideologische Verblendung war ihr jedoch zuwider.
Jahrzehntelang aktiv war Irmgard Sturz in der katholischen Kirche. Ihr christlicher Glauben gab ihr Halt.
Ganz fest glaubte sie daran, dass nach dem Tod etwas kommen wird. Dort, wohin sie nun gehen wird, wird sie wohl ein leichteres Dasein haben als hier.

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3 Kommentare zu “Zum Tod von Irmgard Sturz: Immer wieder Zähne zusammengebissen und weiter!

  1. Das Begräbnis von Irmgard Sturz findet am Mittwoch (15. April) um 14 Uhr auf dem Friedhof Darmstadt-Arheilgen statt. Anschließend gibt es eine Totenmesse in der Pfarrkirche Heilig Geist.

  2. Pingback: Ich werde sie nie vergessen: Erdmuthe Sturz starb am 28. September 2010 | Franz-Josef Hanke

  3. Pingback: 2. Oktober 2015: Keine Geburtstagsfeier mehr von Irmgard Sturz | Franz-Josef Hanke

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