Aus Danzig vom Jahrgang 1927: Persönliches zum Tod von Günter Grass

Gewissermaßen gehörte er zur Familie. Auch wenn unsere Verwandtschaft so weitläufig war, dass sie kaum einer Erwähnung wert wäre, war er doch immer mal wieder präsent in den Erinnerungen meines Vaters. Zudem trug er den gleichen Vornamen wie Günter Hanke.
Im Alter von 87 Jahren ist Günter Grass heute früh in Lübeck gestorben. Ebenso wie mein Vater wurde auch er 1927 in Danzig geboren.
Gemeinsam gingen beide zum Sportunterricht. Sonst trennte die beiden jedoch sehr Vieles: In seiner Jugend war mein Vater der einzige an seiner Schule, der nicht in der Hitler-Jugend war, während Grass damals ein begeisterter Jung-Nazi war.
Später drehte sich das Ganze gewissermaßen um: Grass unterstützte die SPD und Willy Brandt, während mein Vater im Bund der Danziger und im Bund der Vertriebenen aktiv war. Einig jedoch waren sich beide wohl in ihrer strikten Ablehnung von Faschismus und Krieg.
Persönlich getroffen habe ich Günter Grass nur ein einziges Mal recht kurz am Rande der Leipziger Buchmesse. Leider ergab sich damals keine Möglichkeit, mit ihm über meinen Vater zu reden. Ob er sich wohl noch an ihn erinnert hätte?
„Die Blechtrommel“ hat mir mein Vater nahegebracht. In diesem ersten großen Meisterwerk hat Grass die Geschichte des 2. Weltkriegs, des Sturms auf die Westerplatte und des Kampfs um die Polnische Post in Danzig hochliterarisch verarbeitet. Mit diesem Buch hat er die Grundlage gelegt für seinen Ruhm als Schriftsteller, der ihm erst spät den Nobelpreis eingebracht hat.
„Katz und Maus“ in einer Verfilmung mit Wolfgang Neuss habe ich gemeinsam mit meinem Vater im Fernsehen angeschaut. Da waren dann gleich drei „Günter“ mit von der Partie, heißt mein ebenfalls anwesender jüngerer Bruder doch auch Günter.
Gerne gehört habe ich immer Lesungen, in denen Grass seine Texte selber vortrug. Seine mitunter sehr verschachtelten Sätze konnte er wunderbar betont wiedergeben.
Grass war ein Intellektueller mit Sprachgewalt, Tiefgang und Rückgrat. Leider fehlen solche Menschen heutzutage weitgehend.
Streitbar war Grass und auch bereit, für ein unliebsames Wort geradezustehen. „Was noch gesagt werden musste“, hat er schonungslos zu Papier gebracht. Wer diesen Text heftig angegriffen hat, der kann ihn kaum gelesen oder verstanden haben.
Meine letzte Begegnung mit Günter Grass hatte ich erst am Sonntagvormittag beim Familientrefffen der Hankes im Nachgang zu meiner Geburtstagsfeier. Da kam die Sprache auf Grass und dit Äußerungen meines Vaters über ihn und Horst Ehmke. Betroffen bin ich heute darüber, dass er nun nicht mehr Stellung nehmen wird und nicht mehr sagen kann, was noch gesagt werden müsste.

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3 Kommentare zu “Aus Danzig vom Jahrgang 1927: Persönliches zum Tod von Günter Grass

  1. Seine Statements und seine konsequente Einmischung in politische Themen werden diesem Land fehlen. Seine Bücher aber werden bleiben – Weltliteratur !!!
    Grüße aus Sachsen

  2. Ich bin durchaus zwiegespalten, was Grass angeht. Er wird sicher fehlen, und natürlich sind seine Bücher Weltliteratur. Aber gerade dieses Gedicht „was gesagt werden muss“ ist ein schwieriges Kapitel. So sehr ich es verteidigt habe, so sehr muss man aber kritisieren, dass Grass die Lebensberechtigung der Nachfahren der Holocaust-Opfer auf die etwas zu leichte Schulter nimmt. Damit will ich keinem Krieg das Wort reden, aber ich will, dass wir uns nicht aus der geschichtlichen Verantwortung stehlen und in Israel den alten semitischen Feind sehen, den die Väter und jene Söhne hassten, die gegen die Väter rebellierten. Natürlich darf man die kriegshetzende israelische Politik beim Namen nennen, was Grass sich zu tun scheute um zu sagen, wie sehr Kritik an Israel ein Tabu geworden sei. Damit rückt er Israel in die Nähe des Faschismus, und da enden unsere Gemeinsamkeiten.
    Trotzdem ist sein Tod ein Verlust.

  3. Pingback: Vor 85 Jahren geboren: Meine Erinnerungen an Gudula Hanke | Franz-Josef Hanke

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