Nach dem Tod von günther Grass: Wir brauchen Warner und Mahner

Wie politisch soll ein Schriftsteller sein? Diese Frage ist nach dem Tod von Günther Grass wieder wichtig geworden. Schließlich verlor die deutsche Literatur mit ihm ihren – trotz aller umstrittenen Äußerungen – wichtigsten Warner und Mahner.
Wie politisch soll oder müssen Journalisten sein? Auch diese Frage stellt sich neu angesichts der Zeitläufte, in denen Massenüberwachung und Freihandelsabkommen die Demokratie heimlich – aber nachhaltig und möglicherweise unwiderruflich – untergraben.
Natürlich will die Leserschaft keine Journalisten, die zu jeder Äußerung ihren besserwisserischen Senf dazugeben. Aber Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung (SZ) zeigt, dass kluge Kommentare einen weitsichtigen Journalisten zur weithin respektierten „Edel-Feder“ machen. Auch bei der Themenauswahl und -bearbeitung erweist sich Prantl als überzeugter Kämpfer für Demokratie und Freiheitsrechte.
Leid sind viele Menschen jene übliche Berichterstattung, die Politik anhand der Köpfe von Kanzlerin, Vizekanzler und Oppositionsführer personalisiert und nicht anhand der Schicksale Betroffener. Leid sind viele die Hofberichterstattung, die Pressemitteilungen von Firmen, Behörden und Parteien unbearbeitet weiterreicht und niemals nachhakt.
Gewiss ist Nachhaken nicht immer leicht; aber mitunter ist es notwendig. Notwendig ist zudem die Einhaltung des alten journalistischen Grundsatzes „Audeatur et altera Pars“: Fairer Journalismus lässt in der Regel auch die Gegenseite zu Wort kommen.
All das sind eigentlich Eulen, die nicht mehr nach Athen getragen müssten, sähe die tägliche Wirklichkeit anders aus. Aber die allgegenwärtige Hektik und der Arbeitsdruck in den Redaktionen hat die hinderlichen Eulen auf´s Regal für Nippes und Kitsch verbannt, weil sie bei der zügigen Erledigung der Alltagsgeschäfte stören.
Mut und Bescheidenheit wären die richtigen Eigenschaften, mit denen guter Journalismus gepaart sein sollte: Mut haben sollten Journalisten dazu, auch einmal unbequem zu sein. Bescheiden sollten sie sein, nicht ihren eigenen Ruhm zum Erstrahlen zu bringen, sondern die Sache, mit der sie sich gerade beschäftigen.
Gleiches gilt auch für Schriftsteller. Zwar können sie zusätzlich die Reputation einbringen, die ihnen durch ihr literarisches Werk zugewachsen ist, doch werden nur die wenigsten heutzutage noch die herausragende Stellung erreichen können, die der Nobelpreisträger Grass sich in Jahrzehnten unermüdlichen Engagements für die Demokratie erarbeitet hat.
Damit beantwortet sich auch schon die Frage nach den Werten, denen guter Journalismus und aufklärerische Literatur verpflichtet sind: Das Eintreten für Demokratie, Menschlichkeit und Soziale Gerechtigkeit sowie für eine lebendige und niveauvolle Sprache sollten jedem guten Autoren am Herzen liegen.
Selbstverständlich sind sie auch der Wahrheit und der Fairness verpflichtet. So merkwürdig sich das anhören mag, gilt das auch für Schriftsteller: Auch erfundene Geschichten bis hin zur Fantasy sollten Wahrheiten enthalten, die bei der Bewältigung des Lebens weiterhelfen.
Am Ende bleibt die Frage nach der Leserschaft: Was können die Konsumenten tun, damit solche Journalisten und Schriftsteller im öffentlichen Diskurs überhaupt eine wahrnehmbare Stimme erhalten? Die Antwort, ihre Texte zu lesen, ist zu einfach, setzt sie doch voraus, dass das Publikum sie überhaupt findet.
Wichtig wäre, Rückgrat immer wieder einzufordern und dort zu würdigen, wo es feststellbar ist. Leserbrief und Kommentare sollten gute Berichterstattung durch entsprechendes Lob stärken.
Lob zieht nämlich weit mehr als Kritik. Kritik erhält jeder Autor alle Tage tausendfach. Lob hingegen ist leider sehr selten.
Ehrliches Lob ist also angesagt. Ehrlichkeit sollte die Medien durchziehen wie ein roter Faden. Dann könnte aus faden Medien eine lebendige Darstellung des Lebens werden, die spannend zu lesen, hören oder anzuschauen ist.

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