egegnung der dritten Art: Die Blindheit gegenüber Blinden

„Behindert ist man nicht, behindert wird man.“ Dieser Spruch hat etwas Wahres. Zugleich stellt er jedoch auch eine Aufforderung dar, niemanden unnötig zu behindern und sich selbst nicht unnötig behindern zu lassen.
Leider erlebe ich jedoch immer wieder, dass viele in mir nicht in erster Linie den Menschen mit all seinen Ecken und Kanten sehen, sondern den Blinden. Das gibt sich allerdings, wenn mich die Menschen näher kennen.
Drei kleine Geschichten mögen verdeutlichen, wie Menschen mich sehen, wie ich Menschen sehe und was ich mir im Umgang miteinander wünsche. Ausdrücklich schließe ich Behinderte in meine guten Wünsche mit ein, denn auch sie dürfen noch das Eine oder Andere lernen.
Vor Jahren hatte eine Bekannte Ärger mit ihrem Vermieter. Sie bat mich, mit ihr zu ihm zu gehen und sie beim Gespräch mit ihm zu unterstützen. Dieser Bitte kam ich dann auch nach.
Ihr Vermieter sprach mich mit „Herr Rechtsanwalt“ an. Für ihn war ich der blinde Rechtsanwalt Jochen Marthiensen, der damals die Rechtsberatung des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (AStA) machte. Er sah also in mir nur die Blindheit und achtete gar nicht weiter auf Aussehen und Persönlichkeit.
Dergleichen geschieht mir gelegentlich. Offenbar macht die Blindheit ihres Gegenüber manche Sehenden blind für das Aussehen desjenigen, der da vor ihnen steht.
Eine andere Begegnung veranschaulicht einen Vorteil der Blindheit: Im Sommer 2013 trat eine neue Praktikantin ihren Dienst bei mir an. Erst Tage später bekam ich mit, dass sie eine dunkle Hautfarbe hat.
Etwas nicht zu sehen, kann einen also vor Vorurteilen schützen. Natürlich haben auch Behinderte Vorurteile, denn auch sie sind keine besseren Menschen. Aber die Blindheit kann einen davor bewahren, alles von vornherein gleich nur nach dem Aussehen zu beurteilen.
Vorurteile bekomme ich selber als Mehrfachbehinderter aber gelegentlich auch von Behinderten zu spüren. Viele Blinde erwarten, dass jeder Blinde genau das können muss, was sie selber auch können. Mehrfachbehinderte werden auch in der Behindertenszene immer wieder mal an den Rand gedrängt.
Hier wünsche ich mir mehr Offenheit und Empathie. „Inklusion“ verstehe ich nämlich nicht als mitleidiges Hätscheln armer Behinderter, sondern als Offenheit für jeden Menschen in seiner ganz individuellen Ausprägung, ob er nun einfach oder mehrfach behindert ist oder nicht. Deswegen sollte man sich auch nicht durch die Behinderung eines Menschen behindern lassen, sondern auf den Menschen schauen, der vor Einem steht.

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