Nicht lockerlassen: Ein Jahr #rettet2254 beim Deutschlandradio Kultur

Vor einem Jahr habe ich meinen meistgelesenen Beitrag in diesem Blog veröffentlicht. Mit ihm reagierte ich auf die Nachricht, dass das Deutschlandradio die „demokratischste Radiosendung Deutschlands“ einstellen wollte. Am 21. Juni 2014 lief die letzte Sendung „2254 – Nachtgespräche am Telefon“.
Meine Forderung lautete damals: 2254 muss bleiben. Ihr schlossen sich viele Menschen an. Mit 341 Kommentaren ist der Blogbeitrag vom 7. Juni 2014 Spitzenreiter in meinem blog.fjhmr.de.
Gemeinsam mit anderen Hörerinnen und Hörern der Nachtsendung habe ich am 19. Juni 2014 auch eineOnline-Petition für den Erhalt von „2254“ gestartet. Insgesamt 3.427 Unterschriften haben die Petenten dem Intendanten Willi Steul und dem Hörfunkrats-Vorsitzenden Frank Schildt am 12. September 2014 im Berliner Funkhaus des Deutschlandradios überreicht.
Leider hat die Sendeleitung des Deutschlandradios den Wunsch der Hörerschaft ignoriert. Wie viel Herzblut von Hörerinnen und Hörern an der Sendung hing, können die Verantwortlichen wohl nicht erahnen. Für manche Hörerin und manchen Hörer war sie die einzige Verbindung zu offenen Diskussionen über wichtige gesellschaftliche und politische Themen jenseits des platten Mainstream.
Immer noch erhalte ich Anrufe und Mails ehemaliger „2254“-Hörer. Auch ein Jahr nach der letzten Sendung vermissen viele die anregenden nächtlichen Diskussionen am Telefon und die oft sehr kenntnisreich vorgebrachten Argumente.
Allgemein geht der Trend bei den Medien zu mehr Interaktivität. Das Deutschlandradio hingegen widersetzte sich dem Wunch aus der Hörerschaft und beendete die – in 22 Jahren zu einem einzigartigen Juwel in der deutschen Radiolandschaft herangewachsene – Diskussionskultur.
Den – offenbar nur als Beruhigungspillle vom Hörfunkrat am 4. Dezember 2014 versprochenen – Ersatz durch mehr Mitsprachemöglichkeiten im laufenden Programm ist der Sender der Hörerschaft letztlich schuldig geblieben. Nach ein paar wenigen Alibi-Angeboten blieb es im Grunde bei der samstäglichen Vormittagssendung „Im Gespräch“, bei der die meiste Zeit ein Studiogast redet, die Hörerinnen und Hörer aber nur kurz zu Wort kommen.
Die vom Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in seinem Urteil vom 25. März 2014 geforderte Staatsferne und Transparenz des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks hat der Hörfunkrat des Deutschlandradios anscheinend auch nur widerwillig und weitgehend formal umgesetzt. Alle wesentlichen Themen behandelt das Gremium nunmehr in einer eigenen Strategie-Kommission, während in der öffentlichen Sitzung nur Nebensächlichkeiten erörtert werden.
Ohnehin finden dort kaum kontroverse Debatten statt. Ihren guten Willen beweisen die meisten Mitglieder des Hörfunkrats dort wohl eher dem Intendanten oder dem Programmdirektor als der Hörerschaft. Insgesamt präsentierte sich der Hörfunkrat in seinen öffentlichen Sitzungen bisher als ein Gremium zu Ab- und Einnicken denn als ein wirksames Kontrollorgan.
In der Sitzung des Hörfunkrats vom 12. Mai 2015 in Köln verwies Intendant Steul auf ein gestiegenes Anspruchsdenken der Hörerschaft. Angesichts des – von allen Bürgerinnen und Bürgern automatisch eingezogenen – Rundfunkbeitrags träten immer mehr Hörer dem Sender mit Ansprüchen und Forderungen entgegen.
Diese Haltung ist absolut richtig. Sie sollte man auch auf den Hörfunkrat ausweiten. Die Mitglieder dieses Gremiums sind nämlich der Hörerschaft verpflichtet und nicht dem Intendanten.
Diese Sicht werde ich dem Gremium auch künftig vermitteln. Weiterhin werde ich mich bemühen, dem Deutschlandradio und seinem Hörfunkrat kritisch auf die Finger zu schauen und darüber auf dem Blog 2254.fjhmr.de zu berichten. Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk gehört nämlich den Hörerinnen und Hörern, nicht aber den parteien oder irgendwelchen – von ihren Gnaden auserwählten – gesellschaftlichen Organisationen.

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9 Kommentare zu “Nicht lockerlassen: Ein Jahr #rettet2254 beim Deutschlandradio Kultur

  1. „… verwies Intendant Steul auf ein gestiegenes Anspruchsdenken der Hörerschaft. Angesichts des – von allen Bürgerinnen und Bürgern automatisch eingezogenen – Rundfunkbeitrags träten immer mehr Hörer dem Sender mit Ansprüchen und Forderungen entgegen.
    Diese Haltung ist absolut richtig. Sie sollte man auch auf den Hörfunkrat ausweiten. Die Mitglieder dieses Gremiums sind nämlich der Hörerschaft verpflichtet und nicht dem Intendanten.“
    Genau.
    Nur Herr Steul senkt die Ansprüche. Wieso fällt mir da die FIFA ein: Für Polizei- und Hubschraubereinsätze sowie zerschlagenes Stadtmobiliar muss ich mit meinen Steuern finanzieren und dieses sinnentleerte Programm mit Musik-CD einlegen, Käffchen aufbrühen und Beine auf den Schreibtisch.mit meinen GEZ: Danke, GEZ noch?
    Ja, mit dem Wegfall der Sendung und Ersatz durch eine weitere Musiksendung fällt wirklich eine wichtige, aber was schreibe ich, neben den Musiksendungen DIE einzige sinnvolle Sendung und gleichzeitig Verbindung mit der Außenwelt weg. Kritische Sendungen gibt es überhaupt nicht mehr. Da könnte oder müsste man ja womöglich sogar etwas ändern. Aber erste Anzeichen aus heutiger Sicht war schon, dass nach der Wende das Neuererwesen in Ostdeutschland wegfiel, Mitsprache und Empfehlungen der Mitarbeiter immer weniger erwünscht, dann geduldet, dann ganz abgeschafft wurden. Komisch auch: Alle Musiksender bekommt man klar und deutlich, ohne Rauschen, während Gespräche, Reportagen usw. immer gestört werden und was Hörspiele sind, weiß schon keiner mehr. Dabei ließ man doch in der DDR nichts unversucht, den Westen zu empfangen. Die ganzen Übungen und Verrenkungen auch nur für Musik?
    Wer vereinigt sich also mit so einem bankrotten Staat wie der DDR? Und auch das nur, um das Niveau der Medien zu senken, an Bildungswesen, KiTa, Gesundheitswesen zu sparen? Dann ist Deutschland eines Tages sowieso selbst ein Entwicklungsland und benötigt dringend Hilfe. Denn wer hat eines Tages noch so eine Arbeit, um GEZ, Steuern, Mieten, Benzin und die Diäten überhaupt noch finanzieren zu können? Vorwärts Genossen, es geht zurück – mit Hilfe der Macht der Medien … .

  2. Nein, die Medien selbst sind der Horror, denn einen Film mit Sinn, Geist, und womöglich noch positiver Handlung oder sinnvollen Humor sucht man stundenlang. In einen Pistolen- oder Gewehrlauf, Kriegs- oder Hitlerfilm sieht man alle Nase lang. Im Radio nur noch Horrornachrichten oder Musikgeträller klar und deutlich. Gute Nachrichten sind Mangel- = BückDichWare – wie vor der Mauerfall(€). Bis auf vier Sprach- und alle Musiksender werden alle gestört und Hörspiele verlangen wohl schon zu viel Aufwand: An Zeit, Geist und Geld, was das Publikum dort draußen nicht wert zu sein scheint. Statt dessen wollen alle nur unser Bestes: Unser Geld. Aber wofür? Für diesen Müll, das ist wohl hier und heute der pure Antagonismus. Die Medien sollen unterhalten und bilden. Statt dessen Aufklärung über Markt-, Medien- und Medizinfallen. Anstatt es zu vermeiden, ersetzt es wohl das heutige Bildungssystem – natürlich privat finanziert wie die Privatschulen. Schon mal VORgedacht: Vielleicht ist man ja selber schuld am fehlenden Fachkräftenachwuchs. Privatisiere und Du bist Verantwortung(s)los.

  3. Ich vermisse diese Nachtsendung sehr und höre seit der Abschaltung von 2254 das Deutschlandradio nicht mehr. Natürlich ändert und bewegt das gar nichts. Irgendwie muss ich aber mit meiner Enttäuschung umgehen. Da ich sehr gerne Infosender und längere Beiträge höre (bin die ganze Nacht unterwegs),, merke ich seit einem Jahr erst mal so richtig, wie gleichgeschalten die Medien sind.
    Über die ägyptischen Staatsjournalisten rümpften kürzlich die Deutschen arrogant die Nase, aber bei Pressekonferenzen wird auch von den deutschen Journalisten keine wesentliche Kritik kommen oder prickelnde Fragen gestellt. Das Gros der Berichterstattungen ist katastrophal tendenziell staatsnah. Erschreckend !
    Kritiker werden als Sonderlinge und Querulanten abgetan.
    Zum Glück gibt es noch das Internet. Das ist die Zukunft der Information. Was zahlen wir Rundfunkgebühren für Regierungssender ?
    Danke für Ihre Initiativen und Aktionen Herr Hanke. Gut das es Menschen gibt die nicht aufgeben.
    Ich bin jeden Abend traurig, weil mir diese eine so kontroverse Hörersendung so sehr fehlt.

  4. Lieber Herr Wolf,

    was investigativen Journalismus betrifft, ist das Internet eben keine Alternative. Diese Frage wurde vor Kurzem aus Anlaß von 50 Jahren Monitor erläutert.
    Es bedarf auch in Zukunft sorgfältiger Recherche von Journalisten, die aber eben auch über ein Budget verfügen müssen !

    D-Radio hat sich selbst ins Knie geschossen, weil es glaubt, Debatten könnte man vom Radio ins Internet, wie Facebook und Twitter verlagern.
    Dann wundern die sich, daß da ein rüder Ton herrsche ! Überraschung !
    Außerdem stellen sie damit ihr eigenes Medium Radio natürlich auch in Frage.
    Am Telefon kann der Redakteur den Hörer gewissermaßen etwas vorfiltern, schreiben kann jeder in der Anonymität.

    Zum aktuellen Stand einer evt. Nachfolgesendung von „2254“ bekam ich kürzlich vom Hörerservice die Mitteilung, daß eine solche Sendung weiterhin geplant ist. Nur sind der Sendestart und die Sendeform noch unklar !

    Da der Hörerprotest nun sehr nachgelassen hat, glaubt D-Radio nun auch gewissermaßen, daß kein Bedarf mehr besteht.
    Darum ist es wichtig, weiter den Hörerservice und weitere Möglichkeiten zu suchen, diese Sendung ständig im Bewußtsein zu halten !

  5. Was nutzt sorgfältige Recherche, wenn es eine Hofberichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien gibt ? Will sagen, die politische Richtung steht vorher schon fest und lässt zumeist andere Sichtweisen oder wenigstens Nuancen nicht zu.
    Klar tummeln sich im Internet Spinner, Trolls und durchgeknallte Typen. Aber immer noch besser als die peinlichen Beiträge der Staatsjournalisten, deren mitunter Vorausgehorsam verdammt an den Journalismus der DDR erinnert. damals hatten wir immer zwei propagandistische Wahrheiten . Man konnte sich so ganz gut seine eigene Sichtweise erarbeiten. Dank Internet geht es so nun wieder. Um die Pentagon-Nato-Sichtweise zu begreifen schaue ich ARD/ZDF und um die russische Wahrheit zu kennen schaue ich im Net Russia Today. Beide Informationsquellen sind abhängig.
    Man muss also wieder mal selber denken und schlussfolgern. Soviel zum „unabhängigen“ Journalismus.
    Übrigens wurde gestern im Deutschlandfunk in einer Diskussionsrunde durch Medienvertreter gesagt, „dass wir mehr Sendungen mit Hörerbeteiligung brauchen“.
    Aha – und warum wurde dann 2254 abgeschaltet ?
    Gruß aus dem Vogtland

  6. Ich denke, die haben es schon irgendwie bereut, die „Debatte“ um 15.50 und die Nachttalksendung „2254“ abgeschaltet zu haben. Um ihr Gesicht zu wahren, muß scheinbar erst eine gewisse Zeit ins Land gegangen sein, um es für sich wieder legitimieren zu können. „Domian“ hört ja auch mit seiner Nachtsendung auf, vielleicht folgt darauf sowas wie „2254“ ?!

  7. Das wäre schon prima ! Die Diskussion vorgestern lief zwischen 2 und 3 Uhr in der Nacht auf DLF.. War aber bestimmt eine Wiederholung. Bitte hören Sie es mal nach. Das war hochinteressant. Leider waren keine Entscheidungsträger dabei. Es gab aber einige interessante Sichtweisen und Informationen.
    Gruß aus dem Vogtland

  8. Es ist schon eine Ironie in der Geschichte, daß jetzt ausgerechnet der DLF eine Sendung über mehr Hörerbeteiligung im Rundfunk macht !
    Das heißt für mich schon, daß man sich hinter den Kulissen mit diesem Thema befaßt, nur noch für sich Argumente sucht, ähnliche Formate wieder einzuführen. Heißt, die Programmleitung hat nicht den Mum einzugestehen, daß es vor 1 Jahr eine Fehlentscheidung gab, die Sendung „2254“ einzustellen.

  9. Pingback: ohoje | leblandlebland

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