Zum Tod des erfolgreichen Weltverbesserers eGon Bahr: Friede sei mit ihm!

„Wandel durch Annäherung“ lautete seine Devise. Dafür wurde Egon Bahr Anfang der 70er Jahre vor allem von konservativen Kreisen heftig kritisiert. Heute hingegen ist dieses Motto offizielle Politik der CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Im Alter von 93 Jahren ist Bahr in der Nacht zum Donnerstag (20. August) an den Folgen eines Herzinfarkts verstorben. Persönlich begegnet bin ich ihn nur ein einziges Mal, aber immer wieder begegnete ich in meinem Leben den Wirkungen seiner Arbeit.
Schon als Schüler hat mich die Ostpolitik des SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt beeindruckt. Bald wurde mir klar, dass Bahr einen nicht unwesentlichen Anteil hatte an diesem Konzept einer friedlichen Annäherung an Deutschlands östliche Nachbarn. Früh schon war ich davon berzeugt, dass genau diese Politik die einzig zukunftsweisende Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz mit der DDR, Polen und Russland eröffnen konnte.
Als Unterhändler der Brandt-Regierung handelte Bahr für die Bundesrepublik den Moskauer Vertrag, den Warschauer Vertrag und den Grundlagenvertrag aus. Insbesondere diese drei Abkommen haben die Welt nachhaltig verändert und einen unumkehrbaren Friedensprozess eingeleitet, der schließlich den „Kalten Krieg“ beendet hat.
Umso ernster nahm ich Bahrs Warnungen anlässlich des Ukraine-Kriegs. Der erfahrene Politiker betonte, die einseitige Schuldzuweisung des Westens an Vladimir Putin könnte den Frieden mit Russland gefährden. Europa habe in diesem Konflikt keine rühmliche Rolle gespielt, stellte Bahr zu recht fest.
Bahrs Kompetenz in der Ost- und Friedenspolitik stand für mich nie in Frage. Nicht nur als Praktiker hat er hier aufgezeigt, wie eine echte Entspannungspolitik Frieden schafft; auch als Theoretiker und Berater hat er Wege zu gewaltfreien Lösungsansätzen ausgekundschaftet.
Von 1984 bis 1994 war Bahr Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit dort hatte ich mit Doktoranden seines Instituts zu tun, die ihn als scharfsinnigen und zugleich freundlichen und hilfsbereiten Doktorvater beschrieben.
Bahrs journalistische Tätigkeit für das „Radio im Amerikanischen Sektor“ (RIAS) Berlin habe ich nicht mehr bewusst miterlebt. Allerdings habe ich im Deutschlandradio Kultur mehr als einmal Archivmaterial gehört, das der Nachfolgesender in seiner Serie „Aus den Archiven“ ausstrahlte.
Persönlich begegnet bin ich Bahr im Mai 2000 bei der Vorstellung des Grundrechte-Reports der Humanistischen Union (HU). Gemeinsam mit dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Jens Reich hat er den „alternativen Verfassungsschutzbericht“ von vier Bürgerrechtsorganisationen vorgestellt und einige Beiträge kommentiert. Sein Hauptaugenmerk richtete er dabei auf den Kosowo-Krieg und die Unterschiede der Lebensbedingungen in Ost- und Westdeutschland.
In Erinnerung behalten werde ich Bahr als blitzgescheiten und weitsichtigen Denker, der seine Sicht sehr genau auf den Punkt bringen konnte. Erinnern werde ich mich an ihn aber auch als freundlichen älteren Herrn, der ruhig und bescheiden auftrat und dabei doch ganz genau wusste, was wichtig war.
Letztlich gehört er zu den wenigen Menschen, die durch ihre Beharrlichkeit und ihre Klugheit, ihr Einfühlungsvermögen und ihr besonnenes Auftreten die Welt zum Positiven hin verändert haben. Der von ihm immer angestrebte Frieden möge uns wie ihm erhalten bleiben: Friede sei mit ihm!

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