Fluthelfer mit Fluppe: Ruhe in Frieden, Helmut Schmidt!

Mein Vater nannte ihn „Schmidt Schnauze“. Spätestens seit der Flutkatastrophe 1962 in Hamburg imponierte ihm Helmut Schmidt als Politiker, der im Zweifel tut, was „vernünftig“ ist.
Seit ich politisch denken kann, räucherte Schmidt die Mattscheiben deutscher Fernsehzuschauer ein. Der einstige Hamburger Innensenator, Verteidigungsminister und Bundeskanzler sowie spätere Mitherausgeber des Wochenmagazins „Die Zeit“ ist im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Hamburg gestorben.
Persönlich erlebt habe ich ihn am 27. Februar 2007. Damals nahm Schmidt in der Alten Aula der Philipps-Universität die Ehrendoktorwürde entgegen. Der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften würdigte ihn als „den Philosophen im Politiker“.
Diese Ehrung war äußerst umstritten. Meine Kollegin Ulrike Eifler (ule) berichtete bei marburgnews von harscher Kritik bei einer Veranstaltung am Vorabend.
Mein eigener Bericht bei marburgnews fiel etwas weniger kritisch aus. Zwar teile ich die Kritik an Schmidts Härte bei der Verfolgung der Roten Armee Fraktion (RAF), an seinem Atomkurs und vor allem am sogenannten „Doppelbeschluss“ der NATO, doch hätte ich diejenigen noch schärfer zu kritisieren gehabt, die ihm den Doktorhut aufsetzen wollten. Während Schmidt frei flüssig und pointiert sprach, stammelten die versammelten Professoren so stümperhaft herum, dass seine geschliffene Sprache trotz mancher unangenehmer Aussagen einfach erfreute.
Immerhin war Schmidt damals schon 88 Jahre alt. Doch gegen ihn sahen die ein gutes Vierteljahrhundert jüngeren Professoren echt alt aus.
Unverschämt fand ich, dass Schmidt selbst in der Alten Aula rauchte wie ein Schlot. Aber das kannte ich ja von meinem Vater, der sich das Rauchen in der Zeit des Mangels nach dem Zweiten Weltkrieg angewöhnt hatte, um den Hunger zu verdrängen, und der es nie wieder aufgegeben hat.
Während ich Willy Brandt bewunderte, sah ich in Schmidt von Anfang an nur einen Verwalter der Regierungsmacht der SPD. Seine Atom-, Kriegs- und bürgerrechtsfeindliche Innenpolitik haben meines Erachtens das Aufkommen der Grünen maßgeblich möglich gemacht. Was Gerhard Schröder mit seiner „Agenda 2010-“ und Hartz IV für die Linke, das war Schmidt für Die Grünen.
Schmidt war scharfsinnig, aber nicht tiefsinnig. Ihm fehlte mitunter der Blick in die Tiefe, wenngleich viele ihn als „Philosophen“ achteten. Das galt selbst für einige Aktive in der Humanistischen Union (HU), die seine Bücher über Rechte und Pflichten geradezu verschlangen.
Dennoch werde ich Schmidt vermissen. Gegen die heutigen Dünnbrettbohrer an den Schalthebeln sozialdemokratischer Parteipolitik war er dann vergleichsweise doch ein Philosoph.

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10 Kommentare zu “Fluthelfer mit Fluppe: Ruhe in Frieden, Helmut Schmidt!

  1. Ich finde die Kritik, die teilweise gerade bei Linken an Schmidt geübt wird, übertrieben, oder nicht eigentlich die Kritik, sondern das Absprechen von Verdiensten, das daraus folgt. Ihm die Ehrendoktorwürde der Uni nicht zu verleihen, weil er kein Marxist war, fand ich eine engstirnige und ideologisch intolerante Meinung. Ich finde: Man konnte durchaus anderer Meinung sein als Helmut Schmidt, aber ich habe ihm nie abgesprochen, dass sein Wirken dem Wohl des Volkes galt. Selbst seine misslungene Sozialpolitik geschah, das nehme ich ihm immer noch ab, aus Sorge, weil er eben anders dachte über das Funktionieren von Wirtschaft. Viele sagen, der Doppelbeschluss war ein Fehler, andere sagen, er hat funktioniert. Schmidt war, daran besteht kein Zweifel, Antifaschist, er hat den Krieg verabscheut. All sein Wirken, auch in der Zeit des Doppelbeschlusses, geschah, um Krieg, den er selbst erlebt hat, künftig auszuschließen. Das war fehlgeleitet, aber nicht unehrlich und nicht unredlich, auch wenn ich heute anderer Meinung bin, aber nicht immer war. Wir sollten aufhören, die Wertschätzung für Politiker an die Zugeneigtheit zu unserer eigenen Meinung zu koppeln.
    Helmut Schmidt war ein Politiker, der ehrlich war, man wusste immer, woran man mit ihm war. Ich fand seine harte Haltung gegenüber der RAF sogar gut, denn es muss auch Grenzen der Erpressbarkeit geben. Nach der Lorenz-Entführung waren Terroristen freigepresst worden, die dann entgegen ihrer Zusagen doch in die BRD zurückkehrten und weiterhin Menschen ermordeten. Man musste eine gewisse Härte zeigen, denn kein noch so intellektuelles Mitleiden mit Menschen in der dritten Welt rechtfertigt Gewalt. Im Gegensatz zu den romantischen Vorstellungen vieler Linker halte ich die führenden RAF-Köpfe, auch aufgrund eigener Aussagen, aufgrund des Umganges mit Aussteigern, Kindern und Gegnern, nicht für moralisch überlegen. Sie waren Gewaltverbrecher, und ihre Gewalt, ihr bewusstes Aussteigen aus menschlicher Gesellschaft und den Regeln menschlichen Zusammenlebens, durfte man nicht mit Nachgiebigkeit belohnen. Aber das ist ja nur meine Meinung.

    • Lieber Jens, was beim „Deutschen Herbst“ aus heutiger Sicht unvorstellbar klingt, war das Durchgreifen schwer bewaffneter Polizei in den Alltag. Drei Tage hintereinander habe ich damals in Syddeutschland in die Läufe von Maschinenpistolen bewaffneter Polizisten geblickt. Das war sehr Angst einflößend. Demokratie zieht Grenzen für den Polizeistaat. Damals wurden wir gefilzt, weil mein Bruder Fotos von Bussen machte oder wir vor einem Gastank standen, was reiner Zufall war. Dieser „deutsche Herbst“ war natürlich das Ergebnis einer menschenverachtenden Terrorserie. Die RAF war eine Mörderband, die auch so behandelt gehörte. Was Schmidts Ansichten zur Atompolitik und dem NATO-Nachrüstungesbeschluss betraf, waren sie geprägt von Härte und Arroganz. Die Hunderttausenden Demonstrierender nahm er nicht ernst, weil sie „gefühlsduselig“ und „vom Osten gesteuert“ waren. Letzteres stimmte zwar zum Teil, aber nur zu einem sehr kleinen. Schmidt war gescheit und ein geschliffener Rhetoriker. Dafür habe ich ihn bewundert. Fehlen werden mir seine Kommentare zur aktuellen Politik, weil sie meist weitaus klüger waren als das, was manche jüngeren Politiker so absondern. „De Mortuis nihil nisi bene“ ist ein ungeschriebenes uraltes Gesetz. Aber ein bisschen Kritik finde ich nötig, um einem Toten gerecht zu werden. Schließlich war er auch nur ein Mensch. fjh

  2. Ein Menschenleben ( und wenn es gar noch so lang ist wie bei Helmut Schmidt) hat natürlich Facetten, Hoch und Tiefs. Die Kanzlerin wertete den Doppelbeschluss als Leistung von Schmidt, das sehe ich total anders. Hier war die Natostrategie, den Osten totzurüsten, in Reinkultur Programm. Für einen friedliebenden Kriegsgegner wohl etwas merkwürdig. Klar kann man heute sagen „hat ja funktioniert“, denn der Ostblock ging krachen. Insofern schon ein Mitverdienst. Kommt halt auf die Betrachtungsebene an.
    In der DDR haben wir damals keine romantischen Vorstellungen von den RAF-Spinnern gehabt, wir wussten, dass dies kein Klassenkampf war, sondern einfach nur brutaler Terrorismus und das die Regierenden das nutzen würden, den Staat stärker zum Machterhalt auszubauen. So ist es dann auch geschehen. Noch heute muss der „Herbst“ dafür herhalten, wenn irgendwelche Dumpfbacken Linke denunzieren wollen oder einen starken Staat herbeirufen. Also muss man schon fragen „wem hat
    die RAF genutzt ?“. Schmidt war wie wir alle beeinflusst von Zeitgeist, Umfeld und ökonomischen Zwängen. Also auch nur ein einfacher Politiker ? Nö.
    Er hatte Aura und seine Reden waren einfach nur genial. Vielleicht hat er alles richtig gemacht und das Beste für die Deutschen erreicht ? Ich hatte schon in den 80ern ein Originalautogramm von ihm und war damals unheimlich stolz darauf.
    Irgendwie wird er mir fehlen…
    PS: Glaubt Ihr wirklich, dass die großartigen Demonstrationen gegen den Doppelbeschluss vom Osten gesteuert wurde ?

    • Lieber Ronald Wolf, die Großdemos gegen die NATO-Nachrüstung wurden nicht vom Osten gesteuert, aber es gab maßgebliche Kräfte innerhalb der Friedensbewegung, die von der DDR finanziert wurden. Allerdings gab es vor allem Hundertrtausende, die sich einfach Sorgen gemacht haben. Dazu zählte auch ich. fjh

  3. Die DKP-Finanzierung durch die DDR war bekannt – aber das waren doch bestimmt keine maßgeblichen Kräfte ? Wir hatten damals ebenfalls große Sorgen und haben die
    Demonstrationen mit großer Symphatie gesehen. Ich denke, der Einfluß der DDR wird überschätzt. War wohl eher umgekehrt …
    Danke für die prompte Antwort.
    Gruß aus dem Vogtland

    • Der Einfluss der DKP und ihrer „Tarnorganisationen“ in der westdeutschen Friedensbewegung war vor allem organisatorisch relativ groß. Selbstverständlich war die übergroße Mehrheit der Aktiven unabhängig davon Aber es bedurfte auch bewusster Abgrenzungsprozesse und der Gründung unabhängiger Friedensnetzwerke, um diesem Einfluss etwas entgegenzusetzen. Das ist allerdings auch gut gelungen. Letztlich waren die wichtigen Kräfte der Friedensbewegung der 80er Jahre unabhängige Gruppen und Personen. fjh

  4. Interessant ! Du bist so ein kluger Mann, aber „die Angst des Westdeutschen“ vor Kommunisten ist permanent zu spüren. Ich staune da jedes mal, wenn man sich mit politikinteressierten Westdeutschen unterhält, dann spürt man da einen Hass oder Angst oder beides. Wie hat schon der gute Karl gesagt : „Der Mensch ist das Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse“. Erziehung oder Erfahrung bei Dir?
    Naja. Die kommunistische Gefahr ist vorbei. Jetzt werden wieder andere Gegner aufgeblasen /Russland, China etc.).
    Viele Grüße aus dem Vogtland
    Ronald W.

    • Lieber Ronald, ich habe keine Angst vor Kommunisten. Die Idee des Kommunismus halte ich für ein kluges Ideal. Den Antikommunismus, der in Deutschland viele engagierte Menschen mundtot zu machen versuchte, empfinde ich als Ausdruck einer geschürten Hysterie des „Kalten Kriegs“. Bis heute wurden kommunistische Häftlinge der Konzentrationslager als Gruppe nie rehabilitiert. Der Antikommunsismus wirkt so stark fort, dass ein Einsatz zur Rehabilitierung von Kommunisten in KZs immer denjenigen in Verruf bringt, der sich engagiert. Da wirkt das Prinzip der Kontaktschuld nach McCarthy immer noch. Allerdings habe ich mit der DKPP und Teilen der Deutschen Friedens-Union (DFU) auch persönlich schlechte Erfahrungen gemacht. Es gab und gibt sogar immer noch kluge und interessante Menschen in der DKP, aber es gab damals in der Friedensbewegung auch viele, die eine sehr rücksichtslose Machtpolitik zugunsten ihrer Partikularinteressen betrieben haben. Wahrscheinlich wäre es längerer Ausführungen nötig, die komplexe Gemengelage zu erklären; aber vielleicht reicht der Verweis, dass Marburg als Hochburg der DKP und ihrer Unterorganisationen von dogmatischen Leuten dominiert wurde, die die menschlichen Personen in den eigenen Reihen weitgehend zum Stillhalten verpflichtet haben. fjh

  5. Donnerwetter ! Superantwort ! Leider gibt es diese Fundamentalisten überall und machen eine Zusammenarbeit über ideologische und weltanschauliche Grenzen hinweg meist unmöglich. Schade, dass das Leben so läuft.
    Deine dialektische Betrachtungsweise ist einfach sensationell.
    Ich bin so ziemlich links, aber manchmal treffe ich Menschen, die in Parteien und Kircheninstitutionen engagiert sind, die ich normal ablehne, die mir aber näher stehen als meine ideologischen „Gesinnungsbrüder“. Um es mit Mel Brooks zu sagen „das Leben spinnt“ .
    Grüße aus dem Vogtland
    Ronald

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