Ich bin all hier: Der Hasenfuß und der Terror im Journalismus

Das ist ein Dilemma: Angst vor terroristischen Attentaten treibt nicht nur Politiker um, sondern auch Journalisten. Wie aber sollen sich Medien verhalten, um die freiheitliche Gesellschaft zu verteidigen.
Haben wir in der Vergangenheit etwas falsch gemacht? Können wir in der Zukunft etwas besser machen?
Allein das schlechte Ansehen des Journalismus zeugt davon, dass die Medien nicht alles richtig gemacht haben können. Beschimpfungen wie der altbekannte Nazi-Kampfausdruck „Lügenpresse“ sind zwar fremdenfeindlich motivierte Versuche, gerade aufrechte Berichterstattung zu diskreditieren, doch dahinter steckt ein durchaus berechtigtes Misstrauen gegen die sogenannten „Mainstream-Medien“.
Vor allem sie sind teilweise zu einer Art „Populismus-Presse“ verkommen: Im Heischen um Quote und Auflage haben viele Redaktionen nicht nur getreu dem Spruch von Martin Luther „dem Volk aufs Maul geschaut“, sondern dem Pöbel nach dem Maul geschrieben. Unkritisch haben viele Journalisten zudem die irreführenden Selbstetikettierungen „besorgte Bürger“ oder „Asylkritiker“ übernommen, ohne ihre erwünschte Funktion als verharmlosende Verbrämung menschenverachtender Gewalt zu bedenken oder gar zu problematisieren.
Etliche Kollegen freilich haben das getan. Viele Journalisten haben durch die Darstellung erschütternder Einzelschicksale das gemacht, was des Journalisten wichtigste Aufgabe ist: Sie haben der Nachricht ein Gesicht gegeben und dabei wahrheitsgemäß und mit Empathie berichtet über das, was die Leserschaft, Zuhörende oder Zuschauende wissen sollten.
Viele Medien indes kupfern einfach ab, was die Deutsche Presseagentur (DPA) verbreitet. Schon die Diktion entspricht nicht der Alltagssprache und geht vielen Lesenden, Hörenden oder Zuschauenden einfach am Ohr vorbei. Zudem wirken die Medien dank dieser Agenturmeldungen gleichförmig, was häufig mit „gleichgeschaltet“ gleichgesetzt wird.
Zu oft hängen Journalisten auch am Mund prominenter Politiker: Jede ausfällige Bemerkung gegen die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel findet so sofort ihren Weg von bayerischen Kneipen-Hinterzimmern oder brandenburgischen Regionaltreffen in die Zeitung oder gar die Nachrichten. Damit machen sich die Berichterstatter zu Erfüllungsgehilfen des betreffenden Politikers und letztendlich der AfD, der vor allem derlei Aussagen bei ihrem weiteren Aufstieg zur Anti-Flüchtlings-Partei helfen.
Gleiches gilt auch für die Berichterstattung über Themen der sogenannten „Sicherheitspolitik“: Schon diese Bezeichnung ist nicht neutral, weil sie vorgaukelt, diese Politik könnte den Menschen Sicherheit verschaffen. Weitgehend unumstritten ist jedoch selbst bei den betreffenden Kreisen, dass es die absolute Sicherheit vor Terror in einem demokratischen Gemeinwesen nicht geben kann.
Doch anstatt einmal die Zahl der Terroropfer mit der der Verkehrstoten in Relation zu setzen oder die Zahl der Überwachten bei der Vorratsdatenspeicherung (VDS) mit der der bisher dadurch gefundenen Schwerkriminellen, plappern viele Journalisten nach, was ihnen Politiker, Polizei und Geheimdienste vorbeten. Auch hier machen sich viele zu Erfüllungsgehilfen von Interessen, die allein schon bei der Aufarbeitung des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) und seiner Morde eher in Vertuschung als in Aufklärung zutage traten.
Noch deutlicher wird das Versagen der meisten Medien bei der Darstellung des sogenannten „Islamischen Staats“ (IS): Lange wurde über ihn kaum berichtet, weil er ja in einem Gebiet aktiv war, wo die Nachrichtenlage unübersichtlich und das weit weg vom heimischen Stammtisch war. Zudem bestand das Hauptaugenmerk der Berichterstattung darin, den mörderischen Diktator Assat zu diskreditieren.
Erst als der IS sich gegen westliche Journalisten wandte und die gesamte Gegend zu überrennen drohte, wandelte sich das Bild der Berichterstattung: Nun waren die mörderischen Milizen das Inbild teuflischer Despotie. Allerdings wurden sie als „Islamisten“, als „Gihadisten“ oder gar „Gotteskrieger“ bezeichnet, obwohl einige ihrer Logistiker aus den Geheimdiensten und Armeen abgesetzter Diktaturen im Irak oder Libyen stammen.
Gleichartige erschreckende Details über die „Rechtsprechung“ in Saudi-Arabien, wo ebenfalls das „Köpfen“ und „Kreuzigen“ sowie Peitschenhiebe und Steinigungen häufig praktiziert werden, sind in deutschen Medien nur sehr selten zu finden. Nachrichten über Waffengeschäfte mit den Saudis werden zwar veröffentlicht, aber kaum in Beziehung gesetzt zur angeblich islamisch motivierten Gewalt, die das undemokratische Königtum seiner Bevölkerung antut. Noch weniger wird berichtet über die Zerstörung von Kulturgütern und die Beschädigung des Weltkulturerbes im Jemen durch saudische Luftangriffe.
Terro in Mali oder in der Türkei fanden zwar ihren Platz in deutschen Medien, doch gingen die Attentate in Paris den Zuschauern dank der ausführlichen und empathischen Berichterstattung deutlich näher. Schließlich liegt Paris ja auch näher als Bamaco oder Anatolien.
Doch der alteingebürgerte Grundsatz der räumlichen Nähe als wichtiges Kriterium für den Nachrichtenwert eines Ereignisses verliert angesichts der Globalisierung auch des Terrors deutlich an Gewicht: Der IS zeigt, dass der Terror innerhalb weniger Monate aus Syrien nach Europa kommen konnte und dort eine Metropole in Angst und Schrecken versetzte. Die belgische Hauptstadt Brüssel hat die Angst vor dem Terror mittlerweile schon tagelang lahmgelegt; und noch ist ein Ende der Einstufung in die höchste Gefahrenstufe nicht absehbar.
Absehbar aber ist, dass Journalismus über die Erfüllung seiner Aufgabe neu nachdenken muss: Neben der täglichen Berichterstattung vor Ort muss er künftig wohl mehr Augenmerk auf Entwicklungen überall auf der Welt legen und sie frühzeitig vorstellen und einordnen. Die Welt ist ein globales Dorf; und die Türkei wie auch Syrien und Afghanistan sind in Gestalt hunderttausender Menschen längst in Deutschland angekommen.
Kriege und Waffengeschäfte wie auch die Unterdrückung von Menschen irgendwo „am Ende der Welt“ sowohl durch diktatorische Regimes wie auch durch multinationale Konzerne können jederzeit direkte Auswirkungen auf die Menschen mitten in Europa zeitigen. Eine nachhaltige Berichterstattung kümmert sich frühzeitig um das, was später wichtig werden kann. Ohne sie ist eine nachhaltige Politik eher unwahrscheinlich.
Am Ende steht die Einsicht, dass viele Probleme, die zur massenhaften Flucht nach Europa geführt haben, hausgemacht sind durch die europäische oder US-amerikanische Politik und Wirtschaft. Eine kritische Berichterstattung über Waffenhandel, Freihandelsabkommen und das Paktieren mit diktatorichen Regimes ist deshalb notwendig.
Das Heißt allerdings nicht, dass jeglicher Kontakt mit Diktatoren zu rügen wäre; vielmehr geht es um die Unterstützung von Diktaturen durch Handel, Waffen oder andere Freundschaftsdienste bis hin zur Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Polizei. Gerade die Rolle der Geheimdienste im Dickicht von Terror, Bedrohung und Angst sollten demokratische Journalisten auch sehr kritisch begleiten.
Ganz am Schluss steht ein Lob: Investigative Berichterstattung sowohl etablierter Medien als auch von „Newcomern“ wie netzpolitik.org hat gezeigt, dass es auch sehr guten Journalismus gibt hierzulande. Mit diesem Pfund sollten wir wuchern und daraus ein Kilo oder noch mehr machen, damit Demokratie kein leeres Versprechen und Freiheit eine alltägliche Selbstverständlichkeit bleibt.

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4 Kommentare zu “Ich bin all hier: Der Hasenfuß und der Terror im Journalismus

  1. Was für ein klarer und analytischer Beitrag. Ich bin begeistert. Danke FJH.
    Gruß aus dem Vogtland

  2. Den Ausdruck der Lügenpresse gibt es übrigens schon seit dem 1.Weltkrieg. In der DDR haben wir ihn auch für die „Westmedien“ verwendet. Meistens haben wir da aber nur an Springers Gazetten gedacht.Vielleicht fällt es deswegen besonders den Ossis so leicht ihn zu benutzen. Natürlich ist er pauschalisierend und ungerecht, gibt es doch viele engagierte und ehrliche Journalisten .Es ist aber eine Tendenz, die den erfahrenen DDR-Bürger ahnen lässt, dass es eine „Order“ von „Oben“ gibt. Natürlich Quatsch, aber die Einseitigkeit in der Berichterstattung bei bestimmten Themen erinnert erschreckend eindeutig an die gleichgeschalteten DDR-Medien. Ich bekomme jeden Tag eine Presseübersicht aus Europa und stelle jedes mal fest, wie vielseitig doch manche Themen beleuchtet werden können und wie die Spanne der Meinungen von links nach rechts ausschlagen kann. Dieser Interessenbogen kommt bei einigen Themen in der deutschen Informationslandschaft nicht vor. Da wundern sich dann die Journalisten vom ND bis zur FAZ, warum das Vertrauen in die Medien gesunken ist. Vom Fernsehen brauchen wir gar nicht erst zu reden.
    Wie die Bürger in den öffentlich rechtlichen Anstalten behandelt werden haben wir bei der Abschaltung von 2254 gesehen. Vor einigen Wochen habe ich an den Deutschlandfunk eine normale E-Mail-Anfrage gestellt und nie eine Antwort bekommen. Die Frage war „Warum sind ihre Beiträge so eindeutig antirussisch. Gibt es Vorgaben oder ist das die ehrliche Meinung ihrer Journalisten ?“ Es war nicht als eine Provokation oder Vorwurf gedacht, ich wollte zumindest die Bestätigung, dass die Journalisten hinter den Beiträgen stehen. Da es keine Antwort gab, muss ich wohl weiterhin nur Vermutungen anstellen.
    Zum Glück gibt es noch das Netz.
    Als langjähriger Zeitungsausträger macht es mich traurig den Verfall der Printmedien zu erleben.
    Gruß aus dem Vogtland
    Ronald

    • Lieber Ronald, ein Grund für die Übereinstimmung der meisten Medien in Deutschland bei vielen Themen ist die Dominanz der Deutschen Presseagentur (DPA). Ihre Meldungen werden einfach einkopiert und kaum mehr redigiert. Zudem orientieren sich viele Journalisten an dem, was dort erscheint. Der größeren Bandbreite bei der Berichterstattung in anderen Ländern steht nun eine sehr gefährliche Bereitschaft französischer Medien und der dortigen Öffentlichkeit gegenüber, den Präsidenten angesichts der Terrorattentate von Paris mit einer gefährlichen Machtfülle auszustatten. So etwas ist hoffentlich in Deutschland nicht so schnell möglich, hoffe ich. Liebe Grüße fjh

  3. Schade, dass die Journalisten so einem Druck ausgesetzt sind. Ich habe ein Buch von angehenden Journalisten, die richtig Zeit bekommen hatten nachzuhaken und es ist eine Meisterleistung des freien Journalismus geworden. Es heißt „Skandal – Die Macht der öffentlichen Empörung“ und ist 1992 erschienen. Leider ist die Zeit heute so schnelllebig und die Recherche bleibt auf der Strecke.
    Auch liebe Grüße und Dankeschön für die Antwort.
    Ro

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