Bus mit Buckel: Vor 50 Jahren im Anderthalbdecker durch Bonn

So etwas hatten wir noch nicht gesehen: Vorne war dieses Gefährt ein ganz normaler Bus, hinten hingegen ein Doppeldecker. Unterwegs war dieses Fahrzeug in der Bachstraße auf dem Weg zum Bonner Hauptbahnhof.
Gut 50 Jahre ist die Begegnung mit dem ersten Eineinhalbdecker meines Lebens inzwischen wohl her; und leider haben in den letzten 30 Jahren kaum noch derartige Busse meinen Weg gekreuzt. Dabei gehörten die „Buckel“, wie Bonner Busfahrer die Fahrzeuge nannten, sechs Jahre zu meinem Alltag wie die Schultasche und das große Gebäude des Helmholtz-Gymnasiums Bonn. Mit Anderthalbdeckern legte ich zwischen 1968 und 1974 nämlich meinen täglichen Schulweg vom Venusberg nach Duisdorf zurück.
Bei dem ersten derartigen Bus in der Bachstraße handelte es sich um einen Vorführwagen. Ihn testeten die Stadtwerke Bonn vor gut 50 Jahren, um festzustellen, ob solche Fahrzeuge auf der Linie 15 vom Bundeshaus über den Hauptbahnhof nach Duisdorf und Lengsdorf einsetzbar wären.
„Aero – Karosseriefabrik Gebrüder Ludewig, Essen-Altenessen“ lasen wir auf einem Schild am Heck des Vorführwagens. Das war der Hersteller der merkwürdigen Konstruktion, die uns später sehr vertraut werden sollte, uns vor gut 50 Jahren aber noch sehr erstaunte.
Fahrgestell und Motor der Bonner „Buckel“ stammten von Büssing. Diese Marke stand für robuste Lastwagen und Omnibusse. Bei den Stadtwerken Bonn gab es damals nur wenige Wagen der Konkurrenzfirma Mercedes-Benz sowie einige seltene Reisebusse der Marke „Setra“ von Käßbohrer.
Der Motor des Eineinhalbdeckers war unterflur zwischen der Vorder- und der Mittelachse eingebaut. Hinter der Triebachse besaß der „Rucksack“, wie Busfahrer den Bus auch nannten – noch eine Schleppachse, die allerdings nicht lenkbar war und im Gegensatz zur zwillingsbereiften Mittelachse auch nur einfach bereift war.
Vier derartige Busse des Typs „Präsident Verbund“ lieferte Ludewig 1965 an die Stadtwerke Bonn. Diesen Wagen mit den Betriebsnummern 101 bis 104 folgten ein Jahr später vier gleichartige Fahrzeuge mit den Nummern 105 bis 108 sowie 1967 der Wagen 109. Er unterschied sich von seinen acht Vorgängern äußerlich durch eine kantigere Frontpartie oberhalb des Fahrerfensters.
Im Dach der Eineinhalbdecker gab es einen Knick: In einer Stufe stieg es oberhalb der Mitteltür an, wobei die Fenster des Oberdecks nach vorne, zur Seite und nach hinten sehr viel niedriger waren als die des Unterdecks.
Drei doppelt breite Türen besaßen die Bonner „Buckel“. Betrieben wurden sie vom Anfang im „Einmannbetrieb“, bei dem der Fahrer die Fahrscheine verkaufte und abstempelte.
Ein breiter ovaler Spiegel befand sich direkt unterhalb der geteilten Frontscheiben des Oberdecks. Mit Hilfe eines Spiegels am Fahrerplatz und eines weiteren an der hinteren Seite der Mitteltür konnte der Fahrer so sowohl ins Oberdeck blicken wie auch zum Heckperron.
Während Vorder- und Mitteltür jeweils drei hohe Stufen besaßen, führte die Hintertür stufenlos auf die Heckplattform unterhalb des Oberdecks. In Heidelberg wurden Eineinhalbdecker von Ludewig – allerdings auf Fahrgestellen des Mercedes-Benz-Bustyps O317 – deshalb auch auf einer Verbindungslinie zwischen zwei Standorten der „Stiftung Rehabilitation“ eingesetzt, wo viele Rollstühle unterwegs waren. In gewisser Weise war der Heckperron des Eineinhalbdeckers ein früher Vorgänger der heutigen Niederflurbauweise.
Von der Heckplattform aus führten drei Stufen zum Mittelgang. Auf der Fahrerseite führten weitere Stufen zum Oberdeck im rückwärtigen Teil des Busses. In der vorderen Fahrzeughälfte waren Doppelsitze rechts und links von einem Mittelgang angeordnet.
Ein Gang auf der Fahrerseite im Oberdeck führte von den Stufen gegenüber der Mitteltür bis zur Rückbank. Vier Sitzreihen mit durchgehenden Sitzbänken waren von hier aus über zwei weitere Stufen erreichbar. Während die erste Bank rückwärts zur Fahrtrichtung angeordnet war, befand sich die Zweite gegenüber und eine dritte sowie die fünfsitzige vierte in Fahrtrichtung.
Wollte jemand von einem Fensterplatz aus aussteigen, mussten alle anderen ihn vorbeilassen. Deshalb traf sich vor allem die Jugend im Oberdeck.
Hier saßen knutschende Paare und gelegentlich auch rauchende Schüler, was allerdings strengstens verboten war. Aber trotz des Spiegels schauten die meisten Fahrer kaum genauer hin, was am oberen Ende des Buses so vor sich ging.
Vom Oberdeck des Anderthalbdeckers hatte man eine gute Sicht auf Gehwege und Straßen unterhalb. Selbst wurde man auf der Rückbank allerdings nicht gut gesehen.
Sie war unser gewöhnlicher Aufenthaltsort. Angesichts der Typenbezeichnung „Präsident Verbund“ war die Bezeichnung „Präsidentenbank“ wohl durchaus treffend für diese Sitzreihe.
1965 ersetzten die Eineinhalbdecker in Bonn den Obus, der das Bundeshaus zuvor mit Duisdorf und Lengsdorf verbunden hatte. Später wurden die Bonner Anderthalbdecker auch auf der Linie 17 zur Hardthöhe eingesetzt, an deren Endhaltestelle sich das Verteidigungsministerium befand.
Diese beiden Buslinien sowie die Obuslinie 16 behielten die Stadtwerke Bonn damals einer besonderen Gruppe von Busfahrern vor. Da ich und meine Brüder auf dem Schulweg vom Venusberg nach Duisdorf sowohl die 16 wie auch die 15 benutzten, kannten wir bald all diese Busfahrer gut. Schließlich gab es nur eine Handvoll von Fahrgästen, die beide Linien täglich benutzten.
Viel haben die Fahrer uns erzählt über die „Buckel“. Einige Geschichten haben wir auch selber mit diesen Bussen erlebt. Schließlich haben wir natürlich auch manches in diesen Bussen erlebt.
Immer noch im Ohr habe ich das tiefe Brummen der Motorbremse. Der satte Sound der Büssing-Motoren war mir immer mindestens genauso lieb wie der Sound meiner Lieblingsbands.
Der Eineinhalbdecker hatte Carakter: Weder war er ein ganz gewöhnlicher Bus noch ein richtiger Doppeldecker. Gewissermaßen als Zwitter fuhr er die Alleen entlang, deren Straßenbäume ihm manchmal ihre Äste an die Fenster des Oberdecks hinstreckten und die Scheiben knarrend kitzelten.
Deswegen fuhr der Turmwagen der Stadtwerke Bonn, der zur Reparatur von Fahrleitungsschäden beim Obus und der Straßenbahn angeschafft worden war, auch regelmäßig die Strecken der Linien 15 und 17 ab. Bäume wurden beschnitten, bevor sie das Oberdeck der Eineinhalbdecker zu stark verkratzten oder gar Fensterscheiben beschädigten.
„Buckel“ prägten das Bild des Bonner Busverkehrs damals auf der Adenauerallee und der Rochusstraße in Duisdorf. Auch wenn es nur neun Wagen waren, fielen diese Fahrzeuge doch richtig auf, wenn sie durch die niedrige Nord- oder die noch niedrigere Südunterführung beim Hauptbahnhof oder das barocke Stockentor beim Hofgarten fuhren.
Wahre Massen derartiger Busse gab es damals auch im Ruhrgebiet und in Köln. Seinerzeit gab es gewissermaßen eine Konkurrenz zwischen dem Anderthalbdecker und dem Gelenkbus, die vilerorts zunächst der „Buckel“ für sich entscheiden konnte. Dabei baute Ludewig durchaus auch Gelenkbusse.
Auf Dauer aber verdrängten Gelenkbusse die merkwürdige Konstruktion mit dem Knick im Dach. Der „Rucksack“ wurde eingemottet oder ausrangiert.
Von ihm sind mir nur noch die Erinnerungen an meine Jugend geblieben, zu der der Bus mit dem Buckel ebenso gehört wie die erste Zigarette, der erste Tanz und der erste Kuss. Wahrscheinlich deswegen genießt er in meinem Herzen einen ähnlichen Kultstatus wie die Musik der Beatles und der Rolling Stones oder der VW Käfer und Willy Brandt.

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3 Kommentare zu “Bus mit Buckel: Vor 50 Jahren im Anderthalbdecker durch Bonn

  1. Erinnerungen ….die Musik der Beatles und der Rolling Stones oder der VW Käfer und Willy Brandt.
    Und dann Freitagabend ein par Kölsch mit Schulkollegen weil Mittwochabend das
    ZDF – Magazin mit G. Löwenthal gezeigt wurde und Samstag auch noch Schule war.

    Mit freundlichen Grüßen
    Herbie

    • Ja, samstags hatten wir Schule. Und wie reimte damals ein Kabarettist auf das „ZDF-Magazin“: „Die Milch wird sauer, das Bier wird schal; im Fernsehen kommt Löwenthal.“ fjh

      • Der Reim charakterisiert treffend die „geistig vor eilende“ Art der Sendung. Bei unseren “ Biergesprächen “ über die deutsche Ostpolitik als „das Thema“, sorgte ein Hinweis auf diese Sendung selbst bei Gegnern der Ostpolitik für
        entspannte Heiterkeit. Die von der damaligen Opposition getätigten Vorwürfe
        ( Verrat, Verrat ) wurden nur noch durch die absurden Untergangsszenarien
        Löwenthals überboten. Samstags war die Schule immer um 11 Uhr 15 vorbei. Manchmal haben wir danach gemeinsam der entspannten Heiterkeit gefrönt.
        ( Nachbetrachtung, na ja.. )

        mfg

        Herbie

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