Keine Sternstunde des Journalismus: Hamburg stimmt gegen Olympia

Offenbar haben einige es noch nicht begriffen: Der Ausgang des Referendums über eine Olympia-Bewerbung Hamburgs war eine schallende Ohrfeige für Gigantomanie und überbordenden Kommerz im Spitzensport. 51,6 Prozent der Bürger haben dort am Sonntag (29. November) gegen die Durchführung Olympischer Spiele 2024 in Hamburg gestimmt.
Kritisch hinterfragen sollten sich neben den Verantwortlichen in Politik und Sport nun auch die Medien. Zu viele Journalisten machen sich gemein mit Großkonzernen des Sports wie dem Deutschen Fußballbund (DFB), der korrupten FIFA, dem Internationalen Olympischen Kommitee (IOC) oder dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) wie auch mit Vereinen und Sportlern. Parteiisch „berichten“ sie über „Leistungen“, die häufig durch Doping und vereinzelt vielleicht sogar durch Schiebung zustandegekommen sind, als sei die Unterstützung des betreffenden athleten oder des jeweiligen Vereins selbstverständlich.
Glücklicherweise gibt es auch andere, die Doping anprangern und sauber nachrecherchieren. Solche Journalisten haben es aber schwer, weil sie oft sogar von Kollegen und Redakteuren angefeindet werden. Eine kritische Haltung zum kommerzialisierten Spitzensport betrachten viele als „Nestbeschmutzung“, wenn der eigene Verein oder die eigene Nationalmannschaft davon betroffen ist.
Mit großem Aufwand haben Hamburger Unternehmer für die Olympia-Bewerbung Hamburgs geworben. Doch trotz ihrer gigantischen finanziellen Übermacht haben die Olympia-Gegner am Ende in Hamburg obsiegt.
Besonders perfide war das Argument, mit der Durchführung der Olympischen Spiele und den damit verbundenen Paralympics könne Hamburg einen großen Schritt hin zu mehr Barrierefreiheit unternehmen. Bei vielen Behinderten stieß diese Strategie auf fruchtbaren Boden und sie warben vehement für Olympia in Hamburg.
Dabei stellt diese Argumentation einen Missbrauch behinderter Menschen für die kommerziellen Interessen der Sportkonzerne dar. Das Versprechen einer barrierefreien Umgestaltung der Stadt wird an die Durchführung der Spiele geknüpft, als sei Barrierefreiheit ohne Olympia unmöglich.
Milliardenbeträge sollte die Allgemeinheit in das Großereignis investieren. Mit einem Bruchteil der betreffenden Summe wäre Hamburg innerhalb weniger Jahre vollständig barrierefrei. Die Verknüpfung von Olympia mit den Interessen Behinderter ist eine besonders unverschämte Art der Tränendrüse, auf die „wohlmeinende“ Spendenwerber gerade vor Weihnachten alle Jahre wieder drücken.
Statt immer wechselnder Veranstaltungsorte und immer teurerer Gigantonomie bei Olympia sollte man die Spiele alle vier Jahre in ihrem Ursprungsort durchführen. Olympische Sommerspiele und Paralympics in Olympia oder wenigstens in Griechenland wären ein geeigneter Weg, die viel zitierte „Olympische Idee“ mit Leben zu füllen und den Griechen wirtschaftlich auf die Beine zu helfen. Zudem würden nicht alle vier Jahre neue Großstadien gebaut, die danach meist weitgehend leerstehen.
Auch für die Winterspiele könnte man einen dauerhaften Veranstaltungsort finden. Vielleicht böte sich da Nepal an, das von Erdbeben gebeuetelt und von Massen touristischer Bergsteiger ökologisch bedroht wird.
Olympische Spiele dienen bislang nur dem Kommerz. Angesichts verbreiteten Dopings sind sie durchzogen von Betrug und Korruption. Bauwirtschaft und Werbeträger profitieren davon, dass die Allgemeinheit im Zweifel die wirtschaftlichen Risiken übernimmt.
Dem hat sich eine Mehrheit der Abstimmenden in Hamburg verweigert. Gut wäre, wenn nun auch die Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten diese Haltung in ihren Umgang mit dem Spitzensport einbezöge und kritischer darüber berichtete als bisher. Einen entsprechenden Wunsch scheint es in der Bevölkerung ausweislich des Hamburger Votums ja durchaus zu geben.

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7 Kommentare zu “Keine Sternstunde des Journalismus: Hamburg stimmt gegen Olympia

  1. Ja FJH, Du hast natürlich absolut Recht. Alle Argumente stimmen – da beißt die Maus keinen Faden ab. Aber trotzdem, irgendwie ist die Olympiade (bei aller schmerzlichen Kommerzialisierung) immer ein Highlight, auch für die Amateure, die von Euphorie und Enthusiasmus getragen in den kleinen Dorf- und Stadtvereinen arbeiten.
    Ich selbst habe dieses Jahr das wunderschöne Hamburg kennenlernen dürfen und habe als Marathonläufer erlebt, wie diese Stadt locker und ohne Probleme so ein Großereignis meistert. Und erst die begeisterten Zuschauer. So muss ich jetzt mal ganz politisch unkorrekt sagen : Ich bin traurig..
    Gruß aus dem Vogtland
    RO

    • Lieber Ronald, Hamburg ist durchaus eine freundliche Stadt mit Flair. Mir gefällt vor allem die Weltoffenheit, die durch viele Jahrzehnte einer guten Tradition des Umgangs mit Fremden geprägt ist. Was den Sport betrifft, so sind leider die Amateursportler häufig die Leidtragenden der Korruption im Spitzensport. Die Kommerzialisierung hat nicht mehr tragbare Ausmaße erreicht. Mir gefiele es, wenn Amateure aus Vereinen überall in der Provinz zu Partnervereinen in einem anderen Land reisten und dort Turniere austrügen. Etwas Ähnliches gibt es in Marburg mit Sportturnieren für die Partnerstädte. Alle vier Jahre fände ich Olympische Spiele in Olympia richtig klasse, weil dort der Ursprung der „Olympischen Idee“ ist. Während der Spiele müsste übrigens jeder Krieg verboten sein und am liebsten in der Olympiade – den vier Jahren dazwischen auch. Wäre das nicht was? Liebe Grüße fjh

  2. Ja – das wäre toll. Aber wir Beide wissen leider, dass es nur ein schöner Traum ist.
    Im Grunde sind meine Marathonläufe schon nah dran am Ideal. Da starten meistens alle Altersklassen, Geschlechter und länderübergreifende Vereine und Sportler.
    In Hamburg und Dresden gibt es leider Prämien. Da kommen die Weltklasseläufer aus Afrika und zeigen uns Europäern wie es geht. Es ist toll diese wunderbaren Läufer mal aus der Nähe zu sehen, aber eigentlich auch Kommerz . Beim Rennsteiglauf in Thüringen starten nur Amateure. Das ist dann schon das olympische Ideal und viele Freundschaften oder Bekanntschaften entstehen. Deswegen kam ich dieses Jahr auch erstmals nach Hamburg. Entschuldigung, wenn ich Dich mit meinen Laufgeschichten langweile. Bei meinem Hobby finde ich nie ein Ende. Meine Töchter stöhnen da immer verzweifelt auf, wenn ich damit anfange.
    Danke für Deine Antwort.
    Gruß aus dem Vogtland
    Ro

  3. Ja. Ich erinnere mich. Beim Dialekt-Lagebesprech war so ’ne lockere lustige junge Dame. Echt cool für das junge Alter. Und die läuft Marathon ? Klasse !!!
    Gruß aus dem Vogtland
    Ro

  4. Bei geschätzten Kosten von etwa 11 Mrd. Euro war eine Finanzierungslücke von etwa 6 Mrd. zu bedienen. Ja, der Bund hatte seine Unterstützung zugesagt. Am
    Sonntag Abend, unmittelbar vor Bekanntgabe der Ergebnisse habe ich den Bundes-
    Finanzminister live gehört, der Bund werde sich beteiligen, allerdings nicht in der
    geforderten Höhe. Wie hoch die zugesagte Beteiligung auch immer gewesen sein
    mochte, ein Referendum unter diesen Umständen durchzuführen halte ich für ent-
    behrlich, sogar für fahrlässig.

    MfG

    Herbie

  5. Pingback: Angeblich gleichgeschaltet und „Lügenpresse“: Journalismus braucht Glaubwürdigkeit – Rettet 2254

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