Inklusion als Bumerang: Leistung lohnt sich nur normalerweise

„Inklusion“ ist das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Mitunter aber wird die Forderung nach Inklusion zum Bumerang, wenn sie als Vorwand für Einsparungen genutzt wird. Wirkliche Inklusion bedarf auch der notwendigen Unterstützung Behinderter sowie der freien Wahl, ob jemand sich dem Leben, Lernen und Arbeiten innerhalb „normaler“ Strukturen gewachsen fühlt oder geschützter Bereiche bedarf.
Leider haben manche Inklusion zu einer Ideologie verkürzt, die den eigentlichen Grund für diese richtige Forderung verkennt: Wahre Inklusion ist gelebte Mitmenschlichkeit. Wirkliche Inklusion berücksichtigt immer die Bedürfnisse der Menschen, die davon betroffen sind.
Im Alltag, beim Lernen oder am Arbeitsplatz müssen Behinderte häufig mehr Energie aufbringen, um zum gleichen Ergebnis zu gelangen wie Nichtbehinderte. Dieser zusätzliche Aufwand kostet Kraft. Diese Kraft kann aber niemand auf Dauer immer einfach so aus dem Ärmel schütteln.
Auch wenn Kinder an der Schule Hilfe bekommen, müssen sie bei einer inklusiven Beschulung oft mehr Zeit einsetzen und mehr Mühe aufbringen als die nichtbehinderten Kinder. Das ist dann keine wirklich gerechte „Inklusion“, sondern lediglich eine formale. Alle Kinder werden zwar zusammen beschult, aber sie haben icht die gleichen Chancen und einen vergleichbaren Aufwand zur Erreichung des gleichen Erfolgs.
Noch schwerwiegender wird dieses problem am Arbeitsplatz: In einer neoliberal geprägten „Leistungsgesellschaft“ ziehen Behinderte oft den Kürzeren, wenn sie nicht mit wesentlich mehr Energie und Zeitaufwand an ihre Arbeit herangehen. Behinderte müssen immer besser sein, um gleich geachtet zu werden.
Diejenigen, die das schaffen, werden als „Superbehinderte“ geradezu bewundert. Alle anderen aber stehen vor dem Dilemma, dass sie letztlich als Versager abgestempelt oder von oben herab als „arme Behinderte“ gnädig mit durchgeschleift werden.
Niemand aber hat immer nur gute Tage. Niemand hat ununterbrochen die Kraft, zusätzlich zu den Mühen der Anderen die Benachteiligung seiner Behinderung auszugleichen.
Behinderung geht auch mit gelegentlichen Schmerzen einher: Wenn niemand die notwendige Hilfe leistet und etwas deswegen nicht gelingt, dann steht der Behinderte schlecht da. Wenn man ihm „sein Gnadenbrot“ großzügig zuweist, dann tut das ebenso weh wie die physischen Schmerzen, wenn ein Blinder irgendwo anstößt oder ein Rollstuhlfahrer sich wundgesessen hat.
Wenn die Gesellschaft Inklusion wirklich ernst nähme, müsste sie ganz persönlich zugeschnittene Arbeitsbedingungen für alle schaffen. Einerseits ist die Grenze zwischen Behinderung und „Normalen“ fließend; andererseits kann jeder am besten wirken, wenn er oder sie die individuell richtigen Bedingungen vorfindet.
Tele-Heimarbeit könnte hier einen möglichen Lösungsansatz bieten. Könnte jemand die Arbeit im persönlich passenden Maß an seinem individuell eingerichteten Arbeitsplatz daheim leisten, so wäre das in vielen Fällen für alle von Vorteil.
Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre ebenfalls hilfreich. Es würde zumindest finanziell Bedingungen schaffen, die die Abhängigkeit von Arbeit verringern und so auch eine niedrigere Stundenzahl ermöglichen.
Der überdurchschnittlich hohe Anteil erwerbsloser Behinderter spricht jedenfalls dafür, dass derzeit am Arbeitsmarkt vieles nicht stimmt. Die Missachtung so vieler menschlicher Talente und Hoffnungen auf gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Reichtum stimmt traurig. Inklusion ist wohl erst dann verwirklicht, wenn jede und jeder seinen Platz innehat, ohne dafür ständigem Leistungs- und Anpassungsdruck ausgesetzt zu sein.

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3 Kommentare zu “Inklusion als Bumerang: Leistung lohnt sich nur normalerweise

  1. „Der überdurchschnittlich hohe Anteil erwerbsloser Behinderter spricht jedenfalls dafür, dass derzeit am Arbeitsmarkt vieles nicht stimmt. Die Missachtung so vieler menschlicher Talente und Hoffnungen auf gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Reichtum stimmt traurig. Inklusion ist wohl erst dann verwirklicht, wenn jede und jeder seinen Platz innehat, ohne dafür ständigem Leistungs- und Anpassungsdruck ausgesetzt zu sein.“
    Und da sich das Problem der gesellschaftlichen Teilhabe durch den Wegfall des Teils Deutschlands, dem man immer beweisen wollte/musste – siehe Sozialer Wohnungsbau und Kommunaler Wohnungsbau -, dass man besser ist, hat sich das Problem des sozialen Teils doch wieder verschärft, indem jetzt z. B. auch Nichtbehinderte immer öfter mit Burnout nach Hause gehen, Gefahr laufen, dadurch ihren Arbeitsplatz zu verlieren und wieder durch ausländische „Fachkräfte“ ersetzt zu werden, wie Gastarbeiter in Deutschland „50 Jahre Anwerbeabkommen“
    „Vor 50 Jahren begann sie – die massenhafte und organisierte Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften. Möglicht gemacht hatte es das erste Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien. Weitere sollten folgen.“
    Der freie Lauf des Turbokapitalismus macht’s doch wieder möglich. Der Mauerfall(€) hat die Büchse der Pandora auch auf diesem Gebiet geöffnet, so dass es die Schwachen wieder um so stärker trifft. Dieser Mauerfall(€) war kein Fort-, sondern ein Rückschritt.
    Frohe Weihnachten

    • Hören Sie endlich auf, bei jeder Gelegenheit gegen Flüchtlinge zu hetzen! Ihre fremdenfeindlichen und vor Selbstmitleid triefenden Beiträge hier sind unerwünscht. fjh

  2. @FJH
    Das sollte Sie im Rahmen des OT doch sehr interessieren:
    Sie fanden es doch auch sehr dufte, dass Henriette Reker in Koeln mit 57,2% oder so gewaehlt wurde und fanden es doch auch supi, dass die „Betroffenheitswaehler“ auf diese Weise ein „Zeichen gegen Rechts“ setzten… Nun, haben Sie schon von der Anfrage gehoert, ob bei diesem … naja Anschlag der Verfassungsschutz involviert war. Falls es Ihnen entgangen sein sollte:
    //In einer Anfrage an den Bundesinnenminister wird die Frage gestellt, ob der Attentäter, der Henriette Reker in Köln niedergestochen hat, Verbindungen zum Verfassungsschutz hatte. Die Antwort unter Punkt 14c ist ernüchternd:
    “Die Bundesregierung ist nach sorgfältiger Abwägung zu der Auffassung gelangt, dass eine Beantwortung der Frage nicht erfolgen kann. Der Informationsanspruch des Parlaments findet eine Grenze bei geheimhaltungsbedürftigen Informationen, deren Bekanntwerden das Wohl des Bundes oder eines Landes gefährden kann.”//
    .
    „Haben Sie Ihre Frau geschlagen?“ – „Diese Frage kann ich nicht beantworten, da das mein Wohlergehen einschraenken wuerde.“
    LOL!

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