Musik, Menschlichkeit und Gewaltlosigkeit: Erinnerungen an Kurt Masur

Er war nicht nur ein großer Musiker, sondern auch eine moralische Instanz. Im Alter von 88 Jahren ist Kurt Masur gestern gestorben.
Im Sommer 2002 habe ich ihn persönlich kennengelernt. Damals trat er mit dem New York Philharmonic Orchestra in Baden-Baden auf.
Dirigiert hat er im Festspielhaus Baden-Baden neben einer Symphonie von Gustav Mahler auch Songs aus Leonard Bernsteins „Westside Story“. Schließlich war Bernstein einer seiner Vorgänger im Amt als Dirigent dieses Orchesters.
Kurz hatte ich am Rande des Konzerts auch Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihm. Dabei äußerte er sich vor Allem zu den Komponisten, deren Werke er an diesem Abend aufführen wollte.
Ein Begriff war er mir schon als Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig vor der Wende gewesen. Während der Wendezeit wurde er für mich zu einer moralischen Instanz, weil er seine Popularität für den Schutz der Demonstrierenden vor Gewalt auf die Wagschale warf. Zudem folgte er nicht dem verlockenden Ruf, nach der Wende in die Politik zu gehen.
Bei all seiner Popularität wirkte er auf mich bescheiden und beinahe zurückhaltend. Bei mir erweckte er den Eindruck, die Musik sei seine Sprache zu den Herzen der Menschen, für die er allerdings ein großes Herz zu haben schien.
Als wir nach dem Konzert aus dem neugebauten Festspielhaus herauskamen, stiegen die Musiker des Orchesters gerade in ihren Bus ein. Mancher von ihnen – so dachte ich damals – mag Bernstein noch persönlich miterlebt haben. Heute wird neben diesen großen Komponisten und Dirigenten sicherlich auch die Erinnerung an seinen großen Nachfolger treten.
Die letzten Jahre litt Masur an Parkinson. Doch selbst das hinderte ihn nicht daran, im Rollstuhl zu dirigieren.
Gäbe es auf der Welt mehr Menschen wie Masur, dann wäre sie wirlich besser. Doch nicht nur in den Erinnerungen wird er bleiben, sondern auch in zahlreichen Aufnahmen seiner Konzerte.
Gestorben ist er übrigens in Amerika. Diesen Titel trug auch eines der Stücke von Bernstein, die er bei dem Konzert in Baden-Baden dirigierte. Aus der engen DDR ist er dorthin gegangen, wo das Land der Weite seines Geists und seines Herzens entsprach.

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