Schlimme Nacht: Mein Besucher wurde überfallen

Diese Nacht habe ich kaum geschlafen. Der Grund dafür ist nicht gerade angenehm: Mein Besucher wurde an der Einmündung des Leckergäßchens in die Ketzerbach überfallen.
Gegen 2.15 Uhr hörte ich Schreie. Zunächst dachte ich, das Kind der Nachbarn weine. Dann verstand ich wiederholt das Wort „Hilfe“.
Die Hilferufe wurden lauter. Die Stimme kam mir bekannt vor. Ich war mir nicht ganz sicher, aber es schien mir, als riefe da mein Bekannter um Hilfe, den ich zu dieser Zeit zu Besuch erwartete.
Wenige Minuten später stand er dann vor meiner Tür. Er stellte sein Gepäck in den Flur und berichtete, er sei überfallen worden. Allerdings habe der Räuber den Koffer, den er ihm entrissen hatte, wieder fallengelassen, als ihn mehrere Zeugen verfolgten.
Mein Besucher ging wieder hinaus, um die Polizei zu erwarten. Erst gut drei Stunden später stand er wieder vor meiner Tür. Diesmal begleiteten ihn zwei Polizeibeamte.
Die Polizisten nahmen seinen Koffer mit, nachdem er ihn leergeräumt hatte. Sie wollten die Spuren daran sichern. Sie berichteten mir, die Polizei habe einen Verdächtigen festgenommen.
Gegen 5.40 Uhr verließen die freundlichen Polizeibeamten meine Wohnung. Aufgewühlt setzten mein Besucher und ich mich in die Küche. Er berichtete mir, was er in der Nacht erlebt hatte.
Kurz vor 2 Uhr war sein Zug im Marburger Hauptbahnhof eingetroffen. Über den Bahnhofsvorplatz machte er sich zu Fuß auf den Wegt zu meiner Wohnung.
Als er bei einem Restaurant vorbeikam, standen dort vier Leute und disputierten in einer fremden Sprache miteinander. Offenbar war das kein freundliches Gespräch.
Nachdem er vorübergegangen war, folgten zwei der vier Männer meinem Bekannten. Einer von ihnen sprach ihn in gebrochenem Englisch an. Mein Besucher reagierte darauf mit der Antwort, er spreche ausschließlich Deutsch.
Anschließend wandte sich der Fremde von ihm ab und sprach einen Chinesen an, der hinter ihm herging. Auch dieser Mann war wohl mit dem Zug von Frankfurt am Hauptbahnhof angekommen und nun auf dem Weg zur Innenstadt.
Mein Besucher ging schnell weiter. Die Bahnhofstraße und die Elisabethstraße ging er entlang und bog dann vor der Elisabethkirche in die Ketzerbach ein.
Als mein bekannter dann von der Ketzerbach ins Leckergäßchen abbog, packte ihn plötzlich jemand von hinten. Ein Mann nahm ihn in den Schwitzkasten, während er mit der anderen Hand seinen Körper nach der Geldbörse abtastete. Auf Anhieb fand er sie jedoch nicht.
Dafür begann mein Bekannter nun, laut um Hilfe zu rufen. Diese Hilferufe habe auch ich gehört.
Ein Nachbar öffnete sein Fenster und rief zu dem Angreifer hinunter, er solle sofort den Mann loslassen. Daraufhin ließ der Angreifer sein Opfer los und griff sich dessen Koffer.
Mit der Tasche flüchtete er die Ketzerbach entlang in Richtung Elisabethkirche. Mein Bekannter rannte hinterher und rief, der Fremde habe seinen Koffer gestohlen.
Unverzüglich eilten ihm nun ein Radfahrer und ein Fußgänger zu Hilfe. Alle drei verfolgten nun den Räuber. Der Täter ließ darum den Koffer fallen, um schneller wegrennen zu können.
Der Fußgänger alarmierte die Polizei. Mein Bekannter kam kurz zu mir in die Wohnung, um sein Gepäck zu deponieren; dann ging er wieder zur Bushaltestelle „Wilhelm-Roser-Straße“.
Dort trafen die Funkstreife und ein Rettungswagen ein. Das Opfer des Raubüberfalls wurde kurz untersucht und dann auf der Polizeistation in Cappel vernommen.
Mit ihm gemeinsam fuhren die Beamten zu dem Restaurant am Bahnhofsvorplatz, wo der Besucher die beiden fremden Männer zum ersten Mal gesehen hatte. Das Personal des Restaurants berichtete, die beiden Männer hätten die Bediensteten in französischer Sprache beschimpft und beleidigt.
Auf der Fahrt im streifenwagen durch die Stadt erkannte mein Besucher einen der beiden Verdächtigen. Er folgte gerade einem Paar, das er wohl zuvor vergeblich angesprochen hatte.
Die Polizisten nahmen ihn fest. Von seinem Komplizen fehlt jedoch weiterhin jede Spur.
Mein Besucher ist nun ins Klinikum gefahren. Seine Rippen schmerzen und er fühlt sich sehr schlecht.
Hätte der Angreifer ein Messer gezückt und damit zugestochen, dann wäre er möglicherweise nicht mehr am leben. Dieser Gedanke hat ihn und mich sehr stark aufgewühlt.
Beruhigt bin ich aber darüber, dass die Polizei Marburg offenbar sehr engagiert ermittelt hat in diesem Fall. Tröstlich finde ich auch, dass gleich drei Mitbürger eingegriffen und so Schlimmeres verhindert haben.
Dennoch bleibbt ein ungutes Gefühl. Erst am Vortag hatte die Polizei berichtet, dass jemand in den Keller eines Hauses am Leckergäßchen eingebrochen war und leere Getränkekisten gestohlen hatte. Das scheinbar friedliche Marburg ist leider kein Ort der Ruhe und des Friedens.
Allerdings endet meine Geschichte mit einem unglaublich schönen Ereignis: Heute mittag klingelte es an meiner Tür. Der Fußgänger, der den flüchtigen Räuber verfolgt hatte, erkundigte sich besorgt nach dem Befinden des Opfers.

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2 Kommentare zu “Schlimme Nacht: Mein Besucher wurde überfallen

  1. Heutte vormittag klingelte es erneut an meiner Tür. Ein Kriminalbeamter brachte den Koffer meines Besuchers zurück. Außerdem nahm er eine Speichelprobe, um sie mit den DNA-Spuren am Koffer vergleichen zu können. Über den Raub hatte die Polizei gestern berichtet. Diese Polizeimeldung habe ich auch auf marburgnews veröffentlicht. Der gestern festgenommene 29-jährige Algerier wurde vom Haftrichter wieder auf freien Fuß gesetzt. Vorwürfe weiterer Straftaten in Biedenkopf gegen ihn konnte die Polizei nicht hinreichend erhärten. Der Mann hat Asyl beantragt und lebt in einer Einrichtung in Biedenkopf. Die Polizeibeamten, die ich im Rahmen dieses Vorfalls kennengelernt habe, waren alle drei sehr freundlich und überaus engagiert. Sowohl sie wie auch die Passanten, die meinem Bekannten in der Tatnacht zu Hilfe geeilt sind, nähren mein Vertrauen in die Erwartung, dass man in Marburg einigermaßen sicher leben kann. All ihnen danke ich dafür ganz herzlich. Meinem Bekannten, der einen Teil eines Schneidezahns verloren hat und Quetschungen erlitt, wünsche ich gute Besserung. Sein Trauma wird er so schnell wohl nicht loswerden. Ärgerlich ist, dass Vorfälle wie dieser denjenigen schaden, die vor Krieg oder Hunger flüchten und hier Sicherheit suchen. Kriminelle Elemente und ihr menschenverachtendes Handeln schaden vor allem gerade den Flüchtlingen, die unsere Solidarität dringend benötigen. fjh

    • Heute war mein Besucher noch einmal auf der Polizeistation. Die Herren von der Kriminalpolizei engagieren sich wirklich sehr, um den Fall zu lösen. Sie sind dabei freundlich und hilfsbereit. fjh

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