Vor 85 Jahren geboren: Meine Erinnerungen an Gudula Hanke

Heute würde meine Mutter 85 Jahre alt, wenn sie noch am leben wäre. Die Gedanken an sie erfüllen mich mit Trauer, Bewunderung, Mitleid und Scham. Gewiss hatte Gudula Hanke kein einfaches Leben und hat viel davon ihren acht Kindern geopfert.
Einige Erinnerungen an meine Mutter habe ich bereits vor zwei Jahren in dem Blogbeitrag Acht Kinder und zwölf Geschwister: Gudula Hanke (31. Januar 1931 – 6. Juni 2008) niedergeschrieben. Doch langen diese wenigen Sätze kaum aus, um ein wirklichkeitsnahes Bild von dieser starken und zugleich doch mitunter auch schwachen Frau zu erlangen.
Geboren wurde Gudula Esser am 31. Januar 1931 in Rheinbach als Tochter des Postbeamten Josef Esser und seiner Ehefrau Kunigunde. Insgesamt hatte das Ehepaar 13 Kinder.
Mit 14 Jahren ging Gudula als Haushaltshilfe in eine fremde Familie. Einer Kriminalbeamtin und ihrer alten Mutter führte sie den Haushalt.
Dann lernte sie Günter Hanke kennen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er aus Danzig vertrieben worden. Mit seinen Eltern und zwei älteren Schwestern kam er in die kleine Voreifel-Stadt Rheinbach bei Bonn.
Günter und Gudula verliebten sich ineinander und heirateten. mit 20 Jahren gebar Gudula Hanke ihr erstes Kind, und in den 17 Jahren danach folgten sechs weitere Söhne und eine Tochter.
Mit den knappen Einkommen eines kleinen Angestellten haben unsere Eltern uns alles gegeben, was wir brauchten. Üppig war es zwar nicht bei uns daheim, aber an allem Wichtigen hat es nie gefehlt.
Auch ihre Zuwendung musste meine Mutter auf viele Köpfe verteilen. Nicht immer empfand ich es als gerecht, dass die Kleinen bevorzugt wurden und ich mitunter zwischendurchrutschte zwischen dem Lob für die Großen und den Streicheleinheiten für die Kleinen. Heute aber weiß ich, dass meine Mutter mir mehr Liebe gegeben hat als viele andere Eltern ihren Kindern.
Manchmal bekam meine Mutter Wutanfälle; manchmal war sie phlegmatisch oder gar depressiv; meist aber krempelte sie die Ärmel hoch und tat, was getan werden musste. Dabei war sie meist voller Humor und rheinischen Mutterwitz.
Wenn wir unser Kinderzimmer nicht aufgeräumt hatten, dann konnte sie schon einmal den Tisch umkippen, auf dem wir unsere Legosteine aufgebaut hatten. Dann fürchteten wir ihren Zorn und benahmen uns schnell wieder ganz brav wie die Engel.
Manchmal lag sie stundenlang auf der Wohnzimmercouch und wollte einfach nur ihre Ruhe. Dann störten wir sie möglichst nicht und beschäftigten uns mit unserem Spielzeug.
Wenn sie in der Küche stand, dann dauerte die Arbeit oft Stunden. Fertiggerichte gab es vor 50 Jahren kaum; und Kartoffeln schälen für neun oder am Wochenende zehn Personen verursachte ziemlich viel Arbeit.
Kochen, Putzen, Waschen und Hausaufgaben Abfragen für acht Kinder kostete viel Zeit und Mühe. Für ihre Familie musste meine Mutter auf mancherlei Annehmlichkeiten verzichten. Das tat sie jedoch, ohne zu murren oder zu klagen.
Obwohl sie selbst waschechte Rheinländerin war, engagierte sich meine Mutter im Vertriebenenverband. Mein Vater hatte sie dorthin mitgenommen und ihr bald zum Amt der Frauenbeauftragten verholfen. Diese Aufgabe erfüllte sie mit Einsatzbereitschaft, Eifer und Witz.
Zwar hatte meine Mutter „nur“ einen Volksschulabschluss; dennoch bereitete sie für ihren Verein Vorträge vor oder verfasste selbst gereimte Gedichte. Zu Karneval hielt sie Büttenreden und war dabei ganz in ihrem Element.
Sie kümmerte sich um die alten Damen, die in Pflegeheimen wohnten und nicht mehr zu den Vereinstreffen kommen konnten. Mit der Bahn fuhr sie dafür sogar von Bonn bis nach Köln oder Leverkusen.
Als die Kinder aus dem Haus waren, half sie ehrenamtlich im benachbarten Altenheim mit. Dort arbeitte sie meist auch in der Küche oder brachte die Speisen denjenigen Bewohnern, die nicht in den Speisesaal kommen konnten.
Als sie selbst in ein Pflegeheim musste, ging sie genau dorthin, wo sie die Nonnen kannte und die meisten Bewohner sie kannten. Im Haus „Maria Einsiedeln“ auf dem Bonner Venusberg wurde sie bald zur Heimsprecherin gewählt.
Am 3. Juni 2008 besuchten meine Ehefrau Erdmuthe Sturz und ich sie dort. Wenige Tage zuvor hatte sie eine Herzoperation abgelehnt, nachdem der Arzt auf ihre Frage, ob er diese OP auch seiner eigenen Mutter empfehlen würde, erschreckt reagiert hatte.
Wir wussten alle, dass ihre Tage nun gezählt waren. Bei unserem Besuch erzählte meine Mutter uns, dass sie am Tag zuvor noch ihre Bekannten in Köln und Leverkusen besucht hatte. Am Nachmittag wolle sie sich von einem Zivildienstleistenden zum Pfarrfest der Kirchengemeinde bringen lassen, wo sie seit 40 Jahren aktiv war.
Gemeinsam tranken wir Sekt. Es herrschte eine heitere Stimmung. Das war mein letztes Zusammentreffen mit ihr.
Am 6. Juni 2008 ist Gudula Hanke gestorben. In meinen Erinnerungen hat sich vor allem diese friedliche Heiterkeit erhalten, mit der sie ihr Leben aufgeräumt und zufrieden abgeschlossen hat. Angesichts ihrer Lebensleistung als achtfache Mutter und tausendfache Trösterin so vieler bedürftiger Menschen hatte sie garantiert großen Grund zu dieser Zufriedenheit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s