Tschernobyl: Wolke, Molke, Vernebelung und Bewegung

„In der Sowjetunion soll es einen GAU gegeben haben“, sagte der Bundestagsabgeordnete Walter Schwenninger. Den anderen Grünen am Tisch blieb das Essen im Hals stecken. Mit einem Gast aus Afrika waren wir am 28. April 1986 ein Lokal gegangen, um dort gemeinsam zu Abend zu essen.
Tschernobyl kannte damals keiner von uns. Doch innerhalb weniger Tage sollte der Ort in der Ukraine zum Inbegriff der Gefahren der Atomenergie werden. Am 26. April 1986 gab es dort den „Größten anzunehmenden Unfall“ (GAU), den die Atomindustrie zuvor immer für sehr unwahrscheinlich erklärt hatte.
1986 war ich aktives Mitglied der Grünen. Am 27. Mai nahm ich an einem Treffen der Grünen im Deutschen Bundestag teil. Beim anschließenden Abendessen hörte ich erstmals von einem möglichen Gau in der Nähe von Kiew.
Beim Atomkraftwerk Forsmark in Schweden war ein Alarm ausgelöst worden. Die erhöhte Radioaktivität ging offenbar aber nicht auf einen technischen Defekt in dieser Anlage zurück, sondern auf Strahlung, die eine Wolke aus dem Osten dorthin geweht hatte.
Genaueres wussten wir damals noch nicht; aber wir machten uns Sorgen. Diese Sorgen sollten in den folgenden tagen und Wochen jedoch noch stark wachsen.
Erst am Dienstag (29. April) wurde bekannt, dass eine Havarie im Atomkraftwerk Tschernobyl stattgefunden hatte. Erste Luftbilder des beschädigten Reaktors zeigte die Tagesschau dann am Mittwoch (30. April).
Am 1. Mai ging ich nachmittags mit meiner Schwester auf dem Venusberg spazieren. Fast zwei Stunden lang genossen wir das herrliche Wetter im Wald, wobei wir allerdings auch schon von der Atomkatastrophe sprachen. Ihre Auswirkungen hatten wir da jedoch noch nicht voll verstanden.
In den nächsten Tagen nahm der Vorfall immer dramatischere Auswirkungen an. Bei der Veranstaltung „Rhein in Flammen“ standen noch Tausende im radioaktiv verseuchten Regen am Rheinufer, was in den folgenden Tagen zu eftiger Kritik führte, da die Behörden bereits eine Warnung erhalten hatten.
Cäsium 137 war der Stoff, aus dem die Alpträume sind. Vor allem dieses Isotop wurde überall in Deutschland in gefährlich hoher Konzentration nachgewiesen. Aber auch andere Zerfallsprodukte aus der nuklear verseuchten Wollke waren überall in der Natur nachweisbar.
In Marburg hatte der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) einen Geigerzähler besorgt. Besorgt gingen Studierende der Physik damit umher und kennzeichneten alle Stellen, wo die gemessenen Werte die erlaubten Grenzwerte überschritten. Bald prangte das gelbe Symbol für Radioaktivität auf den Tischen vor der Mensa, auf den Bänken am Marktplatz und vielerorts auf dem Straßenpflaster.
Völlig überfüllt war wenige Tage später das Auditorium Maximum (AudiMax) der Philipps-Universität. Vor über 1.000 Interessierten referierten die Professoren Horst Kuni und Hans Ackermann über Atomenergie und trugen ihre Einschätzung der Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl vor. Weitere Veranstaltungen der beiden sowie mehrere Demonstrationen folgten in den anschließenden wochen.
Milch war besonders belastet. Deshalb wurde stillenden Müttern geraten, Milchpulver zu füttern statt selber zu stillen.
Ein engagierter Marburger kaufte für 1 Million DM Trockenmilchpulver ein, das bereits vor der Atomkatastrophe verpackt worden war. Es fand reißenden absatz. Die zweite Lieferung blieb dann später allerdings in seiner Garage liegen.
Unsicherheit und Wut waren vorherrschende Regungen. Besorgte Mütter ängstigten sich um die Ernährung ihrer Kinder. wer zuvor gesund leben wollte und deshalb vorwiegend frisches Gemüse gekauft hatte, stieg jetzt lieber auf Dosenprodukte um.
Eilig versuchten sowjetische Behörden, den Brand in Tschernobyl zu löschen. Über dem havarierten Reaktor errichteten sie den sogenannten „Sarkophag“ als möglichst dichte Schutzhülle. Diese Hülle hält jedoch der gigantischen Belastung nicht dauerhaft stand und soll demnächst einen weiteren Außenmantel erhalten.
Lange noch blieb die Anti-Atom-Bewegung in Bewegung. Tschernobyl wurde zum Inbegriff der Gefahren einer nicht beherrschbaren Atomtechnologie.
Deren Befürworter allerdings beteuerten weiterhin, deutsche Kernkraftwerke seien sicher. Russische Reaktoren verfügten demgegenüber nur über weniger entwickelte Sicherheitssysteme und veraltete Technik.
Am 11. März 2011 wurde diese Behauptung gründlich ad Absurdum geführt: Im japanichen Fukushima explodierte erneut ein Atomkraftwerk. Wieder wurde ein ganzer Landstrich verstrahlt.
Wieder gingen in Marburg Tausende auf die Straße. Diesmal blieb die Forderung „Abschalten!“ nicht ohne Folgen. Dennoch laufen in Deutschland immer noch Atomkraftwerke; und ein sicheres Endlager für radioaktiven Müll ist noch nicht gefunden.
Belgien und Frankreich sind immer noch nicht von der Strahlenkrankheit geheilt. Marode Reaktoren stehen nahe der deutschen Grenze und bedrohen die Bevölkerung hier, zumal der vorherrschende Westwind im Fall einer Katastrophe kaum längere Reaktionszeiten zu ihrem Schutz zulässt.
Eine ernsthafte Aufklärung über das genaue Ausmaß der Folgen der Atomunfälle von „Three Mile Island“ bei Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima wird der Öffentlichkeit immer noch systematisch vorenthalten. Zahlen über Todesfälle und Krankheiten werden gezielt heruntergerechnet. Atomenergie wird immer noch heimtückisch verharmlost.
Deswegen bleibt noch viel zu tun, damit die Welt frei wird von den Gefahren der atomaren Verseuchung. Vor allem die Bedrohung von Atomanlagen durch terroristische Anschläge wird immer noch kleingeredet, obwohl der Zukunftsforscher Prof. Dr. Robert Jungk sie bereits vor mehr als 40 Jahren vorhergesagt hat. Deswegen gilt nach wie vor die Forderung: „Abschalten, und zwar jetzt und zwar alle und für immer!“

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4 Kommentare zu “Tschernobyl: Wolke, Molke, Vernebelung und Bewegung

  1. Die Informationspolitik der damaligen Sowjetregierung war ebenfalls eine Katastrophe. Im kalten Krieg vergisst man schon mal die Bevölkerung. Es kann natürlich auch sein, dass die Politiker damals auf beschwichtigende Atomwissenschaftler hereingefallen sind. Als das wahre Geschehen dann sichtbar wurde, war es zu spät und tausende Menschen haben das mit ihrem Leben bezahlt.
    Die Arroganz des Westens mit seiner „überlegenen“ Sicherheitstechnik ist ebenfalls eine Katastrophe. „Bei uns ist das nicht möglich“ sagen Politiker und Wissenschaftler.
    Wirklich ? Wie dumm ist denn die Menschheit eigentlich ? Das heute immer wieder neue Atomkraftwerke gebaut werden zeigt doch, das Gier Hirn frisst. „Vielleicht haben wir in 100 Jahren das Wissen den Reaktor von Tschernobyl in Griff zu bekommen“ sagte heute ein Journalist im Radio. Das Zeug brennt immer noch ?!
    Der große Verdienst der Kanzlerin wird es sein, diesen Wahnsinn für einen Augenblick erkannt zu haben und tatsächlich Maßnahmen eingeleitet zu haben. Dafür werde ich als straffer Linker ihr ewig danken.
    Meine Tochter war 1986 vier Jahre alt. Nach der verspäteten Medieninformation haben wir sie nicht mehr im Freien spielen lassen, einige Monate lang ging das so.
    Die Kindergartengruppe ist auch im Haus geblieben. Aber was nutzt so was, wenn Radioaktivität überall ist ?

  2. Ich erinnere mich gut daran, dass wir in Marburg in der Schule auch Vorsichtsmaßnahmen trafen. Schuhe und Mäntel mussten draußen bleiben, im Regen sollte man das Haus nicht verlassen. Aber – was für ein Unsinn – man durfte sehr wohl die Schuhe und Mäntel wieder anziehen, wenn man wieder hinaus musste oder wollte. Dekontaminiert oder so wurde da nichts.

  3. Na da sind wir uns ja ausnahmsweise mal vollkommen einig: Dieses Zeug saubere Energie zu nennen ist unglaublich. Solannge nichts passiert und solange der Muell irgendwo verscharrt werden kann, mag es ja so aussehen; es war aber nur eine Frage der Zeit bis irgend einem Land so ein Ding mehr oder weniger um die Ohren fliegt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das wieder passiert. Dann darf man auch nicht vergessen den radioaktiven Muell, der im Meer versenkt wurde und bei dem die Behaelter bedrohlich verwittert sind, sodass man sie schon deshalb nicht bergen kann, weil man fuerchtet, dass die dann etwas vom Inneren freisetzen. Also selbst wenn alle AKWs heute noch abgeschaltet wuerden, haetten wir noch „Spass“ fuer tausende Jahre. Radioaktive Panzerbrechermunition ist noch so ein Dreck.
    Es gibt uebrigens eine „Verschwoerungstheorie“, von der ich auch nicht genau weiss, was ich davon halten soll, ist aber nicht uninteressant: die besagt naemlich, dass die Zuwachsraten an Krebs (ich weiss nicht mehr genau, moeglicherweise auch speziell der Lungenkrebs) in unserer heutigen Zeit weniger mit den Schadstoffen oder mit dem Rauchen zu tun haetten als mit den Atombombenversuchen, denn seit dieser Zeit stiegen die Raten so enorm an, heisst es. Wenn man bedenkt, dass es tausende solcher Versuche gegeben hat, unterirdisch, aber auch ueberirdisch, oberhalb der Atmosphaere, unterwasser und wer weiss wo im geheimen noch alles, ist das vielleicht gar nicht soooo abwegig, dass es zumindest einen Einfluss auf die Raten hat.

  4. Treffend beschrieben, die damalige allgemeine Hilfslosigkeit

    „Diesmal blieb die Forderung “Abschalten!” nicht ohne Folgen. Dennoch laufen in Deutschland immer noch Atomkraftwerke; und ein sicheres Endlager für radioaktiven Müll ist noch nicht gefunden.“

    Ist die Welt, wenn auch nur lokal, dadurch sicherer geworden? Als Bonus verbuche ich, dass die vom Netz getrennten AKWs kein zusätzliches spaltbares Material benötigen. Der andere Rest der Energiewende ist politische perspektivlose Schön-
    färberei zugunsten sicherer Geldeinnahmen.
    Das letzte AKW soll 2022 vom Netz gehen und ein geeignetes Endlager 2031 gefunden sein. Warum wohl?
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/atomenergie-konzerne-wollen-ausstiegskosten-druecken-a-1089623.html
    http://www.n-tv.de/politik/Stand-der-Dinge-bei-der-Endlager-Suche-article17585886.html

    Mfg

    Herbie

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