Am Steuer vom blau-gelben Wagen: Erinnerungen an Walter Scheel

Fünf Jahre lang war er für mich der passionierte Autofahrer aus der Nachbarschaft. Dann wurde er zum Bundespräsidenten gewählt. Im Alter von 97 Jahren ist Walter Scheel am Mittwoch (24. August) gestorben.
Geboren wurde das liberale Urgestein am 8. Juli 1919 im späteren Solinger Stadtteil Höhscheid. Als der erste Bundesminister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) von 1961 bis 1966 unter Bundeskanzler Konrad Adenauer bezog Scheel ein Haus auf dem Bonner Venusberg. Es lag nur etwa 50 Meter entfernt von dem Haus, wo ich von 1968 bis 1974 lebte.
Als Außenminister und Vizekanzler prägte Scheel die Politik unter Brandt wesentlich mit. Nach dem Rücktritt Erich Mendes vom Parteivorsitz wegen der IOS-Affäre wurde Scheel Vorsitzender der FDP.
Häufig sah ich den Außenminister Scheel auf der Fahrt von der Innenstadt nachhause. Im Gegensatz zu allen anderen Ministern steuerte er seinen Dienstwagen selbst, weil er gern Auto fuhr.
Da Willy Brandt auch während seiner Kanzlerschaft in der Dienstvilla des Außenministers am Kiefernweg wohnen blieb, wurde Scheels Haus an der Schleichstraße ausgebaut und mit Schutzeinrichtungen für Bewacher ausgestattet. So wohnte Scheel am einen und Brandt am anderen Ende des Venusbergs, wo auch ich ab 1968 aufwuchs.
Nachdem Scheel Bundespräsident geworden war, bezog ein Zahnarzt das Haus an der Schleichstraße. so habe ich – wenn auch nur ein einziges Mal – in diesem Haus mein Maul weit aufgerissen und dem Hausherrn die Zähne gezeigt.
Scheels Ehefrau Mildred war auf dem Venusberg wenig beliebt. Zwar gründete die Ärztin die „Deutsche Krebshilfe“ und errang dadurch zu Recht viel Anerkennung, doch wenn sie selber einkaufen ging, erwartete sie immer eine Vorzugsbehandlung. Nicht in allen Geschäften erhielt sie sie, wofür mitunter auch meine Mutter verantwortlich war, die Drängelei gar nicht leiden mochte.
Ihre Tochter Cornelia fuhr mit uns im Bus zur Schule. Ein Auto der Abteilung „Personenschutz“ beim Bundeskriminalamt (BKA) brachte sie zur Haltestelle „Casselsruhe“, wo sie den Bus bestieg, den sie am „Marienhospital“ gegenüber der Elli-Heuss-Knapp-Schule wieder verließ. Brav folgte das Auto mit dem Personenschützer am Steuer, der darauf achtete, dass die Ministertochter heil zur Schule kam.
Später hatte sie einmal eine Affäre mit einem ihrer Bodyguards. Das gab Ärger. Danach wandte sie sich der lesbischen Liebe zu; und das brachte ihr wahrschenlich noch mehr Ärger ein.
Ihr Stiefvater dagegen war sehr populär. Spätestens, seit er 1973 in der Fernsehsendung „Der große Preis“ zugunsten der „Aktion Sorgenkind“ (AS) das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ gesungen hatte, war das Gelb eindeutig die beliebtere Farbe der blau-gelben Partei.
Politisch bestach er durch seine Mitautorenschaft an den „Freiburger Thesen“ der Liberalen, die er gemeinsam mit anderen FDP-Politikern verfasst hatte. Wichtig war sein Beitrag zum Zustandekommen der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt, dessen Vizekanzler er bis zur Machtübernahme von Helmut Schmidt war. Auch war er ein Verfechter der sogenannten „Ostpolitik“, die vermutlich eine wichtige Voraussetzung für den Zusammenbruch des sogenannten „Ostblocks“ geschaffen hat.
Als Bundespräsident hingegen hat Scheel keine besonderen Akzente gesetzt. Der 1974 erfolglos gegen ihn angetretene Richard von Weizsäcker und Scheels Amtsvorgänger Gustav Heinemann waren da von ganz anderem Kaliber.
Bedauerlich ist Scheels Umgang mit der NSDAP-Mitgliedschaft, die er verschwiegen und verharmlost hat. Damit befand er sich in zahlreicher Gesellschaft, allerdings zumeist keiner guten.
So bleibt am Ende ein gemischtes Bild, das aber vor Allem durch Scheels Einsatz für die Aussöhnung mit Israel und Osteuropa gekennzeichnet ist. Mir bleibt er in Erinnerung als der freundliche Herr mit dem Haarkranz, der mich immer nett anlächelte, wenn er an mir vorbeifuhr.

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2 Kommentare zu “Am Steuer vom blau-gelben Wagen: Erinnerungen an Walter Scheel

  1. Ja aber wo denn? Da iss nix:
    „““
    @lagebesprech
    14. Sep.
    28: @radiojens, E. Fuchs, @fjhmr und Marco zu #Paralleluniversen, #AfD und allem, was in den Ferien wichtig war lagebesprech.de
    „““

  2. fjhmr@twitter: „Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling bedankt sich bei der #BliStA für die Aufnahme in ihrer Wohngruppe.“
    Ach, das ist ja interessant.
    Und schreiben Sie in Ihrer Funktion als Journalist dann auch einen Artikel auf Marburg News zu dieser erfolgreichen Integration?
    Oder vielleicht doch lieber in der Funktion des Humanisten auf der HU-Web-Seite?
    Oder interessiert das ausser mir niemanden, weder von Ihren Marburg-News-Lesern, noch die humanistischen Kollegen?
    Also ich haette da schon ein paar Fragen bzgl. des Minderjaehrigen, bzgl. der Unterbringung und bzgl. der Kostenuebernahme nicht zuletzt fuer den Fachbetreueranteil…
    Es ist also nicht so, dass man dazu keinen Artikel schreiben koennte… nech…

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