Weihnachten ist das Fest des Friedens: Zum Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin

Ich war schon am wegdämmern, als mich eine Nachricht im Radio wieder aufschreckte: Auf dem Breitscheidplatz in Berlin war ein Lastwagen in den dortigen Weihnachtsmarkt hineingerast und hatte Besucher und Buden niedergewalzt. Von neun Toten war die Rede und zahlreichen Verletzten.
Deutlich hörbar rang die Reporterin Nadine Lindner im Deutschlandradio um Fassung. Erinnerungen an die Terrorfahrt eines Lasters beim französischen Nationalfeiertag am 14. Juli 2016 in Nizza stellten sich fast automatisch ein. Auch auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche hatte der Lastwagen eine Schneise der Verwüstung und des Todes in das fröhliche Treiben geschlagen.
Nur Stunden vorher hatte ein 22-jähriger türkischer Polizist in Ankara den russischen Botschafter Andrej Karlow bei der Eröffnung einer Ausstellung erschossen. Nach Zeugenaussagen begründete er die Mordtat mit dem mörderischen Verhalten der russischen Regierung in Aleppo.
Trauer und Wut stiegen in mir auf. Mein letzter Besuch eines Weihnachtsmarkts liegt nur drei Tage zurück: Nach der Mahnwache gegen das Trauma von Krieg, Vertreibung und Flucht am Samstag (17. Dezember) habe ich anschließend noch einmal eine Runde über den Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus gedreht und eine Bratwurst gegessen.
Auch der Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin ist mir durchaus vertraut. Wann immer ich zur Adventszeit in Berlin war, habe ich ihn sowie meist auch den Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt oder den in Spandau besucht. Vielleicht ein halbes Dutzend mal bin ich über den Breitscheidplatz geschlendert und habe mich an den Buden mit Glühwein gelabt.
In mein Entsetzen mischte sich sofort der Gedanke, dass ich selbst hätte unter den Opfern sein können. Erinnerungen an meine Besuche auf dem Weihnachtsmarkt zwischen Kurfürstendamm, Tauenzienstraße, Budapester Straße und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurden wach.
Von einem möglichen Terroranschlag war schon früh die Rede. Am Dienstagmorgen wurde dieser Verdacht dann zur Gewissheit. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen.
Um 20.02 Uhr war am Montag (19. Dezember) ein polnischer Sattelschlepper 60 bis 80 Meter weit über den Platz gerast. Bis zur Budapester Straße kam er, bevor seine Fahrt endete und der Fahrer flüchtete.
Zurück blieben niedergewalzte Buden und Besucher des Weihnachtsmarkts. Unter den zwölf Toten und 48 Verletzten ist auch ein Pole, der an Schussverletzungen starb. Vermutlich ist er der rechtmäßige Fahrer des Lastwagens. Nach den Irritationen um das Weihnachtsverbot an der deutsch-türkischen Schule „Istanbul
Lisesi“ und zwei vergeblichen Versuchen eines zwölfjährigen Jungen in Ludwigshafen, eine Bombe auf dem dortigen Weihnachtsmarkt zu zünden, war das ein Anschlag mit Ansage. Offenbar ist Weihnachten für islamistische Ideologen Inbegriff für das Brauchtum christlicher „Ungläubiger“.
Mag man Weihnachtsmärkte vielleicht auch als kommerzielle Entgleisung des christlichen Fests kritisieren, so haben sie sich doch inzwischen einen festen Platz im vorweihnachtlichen Brauchtum der Deutschen erkauft. Weihnachtsmärkte gehören dazu wie Lebkuchen, Christstollen, Glühwein und der lichterglänzende Tannenbaum.
Deshalb werde ich meine Bekannten aus Syrien zu einem Rundgang über den Weihnachtsmarkt an der Elisabethkirche einladen. Vor dem Hauptportal der frühgotischen Kathedrale findet heute um 17.30 Uhr eine Gedenkminute für die Opfer des Berliner Anschlags stat. Rund herum ist einer der beiden Marburger Weihnachtsmärkte aufgebaut, die ich jedes Jahr mit ausländischen Bekannten besuche.
Terror und Hass dürfen nicht die Oberhand gewinnen. Weihnachten ist das Fest des Friedens und der Liebe. Weihnachtsmärkte werden für mich nun zu einem Ort der Begegnung mit Menschen, die sich auf dieses Fest freuen.
Zutiefst angewiedert bin ich von Äußerungen des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und seines Innenministers Joachim Hermann, die unmittelbar nach dem Attentat vom Breitscheidplatz ein „Umdenken“ in der Flüchtlingspolitik gefordert haben. Mit solchen Aussagen arbeiten sie sowohl den Terroristen und ihren Zielen als auch den rechtspopulisten der AfD und anderer rassistischer Organisationen in die Hände. Außerdem missbrauchen sie die Opfer des Attentats für ihre menschenverachtende Politik.
Möglicherweise mag es schwerfallen, sich vorzustellen, dass der Terror vom Breitscheidplatz noch vergleichsweise „harmlos“ ist gegenüber den Gräueln von Aleppo; aber Mitgefühlt trennt nicht zwischen „eigenen“ und „fremden“ Opfern. Wer Zustände wie in Aleppo hinnimmt, der darf sich über Folgen wie in Berlin oder Ankara nicht wundern. Dennoch rechtfertigen auch die mörderischen Gräueltaten des syrischen Regimes nicht den Terror und Attentate auf wehrlose Menschen.
Frieden muss umfassend sein. Wir sollten den ersten Schritt dazu so schnell wie möglich unternehmen. Gehen wir gemeinsam mit Geflüchteten auf den Weihnachtsmarkt und erklären wir ihnen das Fest des Friedens und der Liebe!

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8 Kommentare zu “Weihnachten ist das Fest des Friedens: Zum Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin

  1. Danke für den Beitrag. Ich fürchte, die Rechten in Deutschland haben einen solchen Anschlag herbeibefürchtet. Seit 2001 warnen sie vor Anschlägen auf den Weihnachtsmarkt und andere festliche Ereignisse. Manchmal frage ich mich, ob sonst irgendwer auf diese Idee gekommen wäre.

  2. „Offenbar ist Weihnachten für islamistische Ideologen Inbegriff für das Brauchtum christlicher „Ungläubiger“.“
    Islamistisch? Ich denke, der Islam gehört zu Deutschland. Wie aber kommen solche Mörder überhaupt und dann noch völlig unregistriert ins Land???.Jeden Morgen stelle ich jetzt fest, dass der Albtraum wieder anfängt. Normalerweise hat man doch nachts Albträume.

    • Islamistisch hat mit dem Islam sowenig zu tun wie Evangelikale mit dem Evangelium: Sie benutzen die Religion für krude Ideologien. Wie kommen eigentlich Sie hierher?

      • Aha, und bis ich das weiß und nicht im Dunklen tappe, wie die Regierung, habe ich einen Nachbarn mit 1,5 kg hochexplosivem Sprengstoff, was ich hinterher und später erfahre und dessen Eltern die deutschen Justizangestellten verklagen, weil sich ihr Sohn nicht bei einem Attentat zusammen mit vielen Menschen umbringen konnte, sondern alleine in einer Zelle der Justiz – ohne Watteweste und fünffachem Personenschutz. Wie habe ich dann den Amts- bzw. Diensteid „Schaden vom Volk abwenden“ dann zu verstehen oder auszulegen? Eine Antwort ohne Hass oder Häme wäre auch hier angemessen.

  3. Irgendwie geraten wir alle (und so gar so kluge Leute wie Ihr) in die Falle des „Kampfes der Kulturen „. Den gibt es aber nicht (nachzulesen bei Amartya Sen „Die Identitätsfalle“).
    Menschen umzubringen hat nichts mit Religion, Weltanschauung oder sonst etwas zu tun. Die Irren und Mörder werden benutzt, aufgestachelt, geschickt und verbrannt um eine gewisse Botschaft unter die Menschen zu bringen. Die heißt, wir brauchen Waffen, Auseinandersetzungen und Gewalt um zu überleben. Genau das Gegenteil aber stimmt.
    Die Reaktionen von AFD, R.Ger und CDU/CSU geben leider den terroristischen Chaoten recht. Das Land wird kälter, härter und ungerechter. Die Botschaft der Gewalt wird umgesetzt.
    Ich trauere um die Opfer der sinnlosen Attentate und um die Toden der nächsten Kriege und Gewalttaten. Tja, was kann man da machen …??????????

    • Lieber Ronald, ich stimme Dir auf ganzer Linie zu: Hass und Hetze haben nichts mit Religion zu tun, denn alle bekannten Weltreligionen sind von ihrem Wesensgehalt her eine Friedensbotschaft. Allen Menschen, die in diesen Tagen um den Frieden fürchten, möchte ich Mut machen: Auf Dauer ist Mitmenschlichkeit stärker als Egoismus und Freundlichkeit stärker als Hass. Frohe Weihnachten! fjh

      • Und wofür den Mut? Das krude ist ja gerade, dass diese Mörder die Hilflosigkeit der echten Flüchtlinge ausnutzen und unerkannt mitkommen können. Dann sind die Opfer dieser Mörder und die noch Lebenden wohl nur Kolateralschäden, so lange man keine Maßnahmen zur kontrollierten Einreise ergreift oder ergreifen will? Wie soll das zu mehr Mitmenschlichkeit führen, wenn man sich vom eigenen Staat alleingelassen fühlt, bis es einen selber oder die Kinder/Enkel wirklich trifft? Was nützt der Mut hinterher? VORdenken ist mal angesagt ansonsten ist doch der Schwur auf Art. 56 GG einen … wert und das nützt den echten Flüchtlingen erst recht nichts. Zum VORdenken gehört auch endlich mal das Geschäft mit den Waffen und Panzern runter zu fahren und bisherige Gewinne daraus in die Versorgung der echten Flüchtlinge zu „spenden“.

  4. Pingback: Was ich mir zu Weihnachten wünsche: Frieden und seriöse Berichterstattung | Franz-Josef Hanke

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