Posaune, Politik und Poesie: Der Freesenhof trauert um Knut Kiesewetter

Mit „Fahr mit mir den Fluss hinunter!“ veröffentlichte er 1972 ein originelles Lied gegen Rassismus. Vor allem in den späten 70er Jahren hat Knut Kiesewetter meinen musikalischen Geschmack maßgeblich mit beeinflusst. Der Liedermacher, Schlagersänger, Musiker, Komponist und Schriftsteller war im Jazz ebenso zuhause wie beim Blues, Chanson, Rock und Klassik.
Das musikalische Multitalent ist am Mittwoch (28. Dezember) im Alter von 75 Jahren im norddeutschen Garding gestorben. Dort lebte er auf seinem 300 Jahre alten „Freesenhof“, den er in seinen plattdütschen Liedern auch sehr malerisch besang.
Geboren wurde Kiesewetter am 13. September 1941 in Stettin. Er hatte die gleiche angeborene Augenkrankheit wie ich. Das verband mich natürlich mit ihm.
Seine Radiosendung „Neues von den Liedermachern“ im Westdeutschen Rundfunk (WDR) habe ich in den späten 70er Jahren nur selten versäumt. Dort hörte ich neben Ulrich Roski, „Schoberth und Black“, Reinhard May und Hannes Wader zum ersten Mal auch Udo Lindenberg, der kurzzeitig auch zu Kiesewetters Schützlingen zählte. „Sie spielte Cello“ und „Andrea Doria“ zeigten seinerzeit auch bei Lindenberg eine fast genauso große musikalische Bandbreite, wie Kiesewetter sie immer gepflegt hat.
Kiesewetters Songs „Es senkt sich der Abend über die Stadt“ und die Fortsetzungsgeschichte „Da liege ich nun“ waren damals regelrechte Hits. Noch mehr Erfolg hatte er mit seinen plattdeutschen Liedern, die wider Erwarten auch außerhalb Norddeutschlands auf fruchtbaren Boden fielen.
1973 schrieb er sein erstes Lied zum Thema Umweltschutz. Bei der Gründung der ersten Grünen Liste in Schleswig-Holstein war er folgerichtig auch mit dabei, wenngleich er sich später enttäuscht von der Partei Die Grünen wegen ihrer zu starken Ausrichtung auf Machterwerb und Karrierismus abwandte.
Politisch wie musikalisch war Kiesewetter ein Pionier. Mit 18 Jahren spielte er mit seiner Band auf der selben Bühne im Hamburger „Intra“, wo auch die Beatles auftraten. Alle unterschiedlichen musikalischen Stilrichtungen sog er begierig in sich auf und zeigte dabei keine Berührungsängste.
Als Jazzmusiker trat er mit Größen wie Chet Baker, Dizzy Gillespie, Chris Barber oder Albert Mangelsdorf auf. Als Gospelsänger tourte er mit dem „Golden Gate Quartett“. Im Duett sang er mit Bill Ramsey, Gitte Henning oder Alexis Corner.
Für die „Sesamstraße“ lieh er Eberhard Freitag seine Ausdruckskraft. Keiner hat mich richtig lieb, sangdie Puppe mit seiner Stimme.
Angeeignet hatte Kiesewetter sich sein musikalisches Können überwiegend als Autodidakt. Aus Bewunderung für den Posaunisten Jack Teagarden brachte er sich zunächst das Posaunespielen bei. Da sein Idol auch ein hervorragender Sänger war, versuchte auch Kiesewetter sich mit Gesang und erlernte dazu das Gitarrenspiel.
Die meisten Texte schrieb er selbst. Zudem verfasste er Kurzgeschichten und Musikkritiken.
Außerdem komponierte er mehrere hundert Lieder. In den 80er Jahren vermittelte er diese Fertigkeiten als Professor der Hamburger Musikhochschule an junge Talente.
Zu Tränen gerührt hat mich seine „Ansprache an meinen Sohn“. In diesem Lied setzte er sich mit seiner eigenen Erziehung zum „harten deutschen Mann“ auseinander. „Doch meinem Sohn soll das nicht widerfahren; er soll die Welt erleben völlig ohne Zwang“, sang Kiesewetter, „und tu, was ich nicht durfte, Junge, weine!.“
Diesem wunderbaren Menschen verdanke ich meine Offenheit für unterschiedliche musikalische Stilrichtungen und das Interesse für Liedermacher. Fehlen wird mir ein Mensch, der Neugier und Einfallsreichtum in politische Lieder wie Die Macht im Staat ebenso hineingepackt hat wie in einfühlsame lyrische Beschreibungen der Winterstürme, Wenn der Wind durch die Bäume geht oder das eher augenzwinkernde Liebeslied Komm aus den Federn, Liebste. Darauf nehmen wir alle jetzt „schnell noch ´n Schnaps und ´n Bier“.

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Ein Kommentar zu “Posaune, Politik und Poesie: Der Freesenhof trauert um Knut Kiesewetter

  1. Viel profunder als Wikipedia . In den letzten Jahren habe ich nicht mehr viel von ihm gehört. Für mich war er ein wichtiger und ehrlicher Liedermacher.. Gruß aus dem Vogtland Ro

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