Interessant und investigativ: Happy Birthday, Spiegel!

Jahrzehntelang war „Der Spiegel“ für mich der Inbegriff des investigativen Journalismus. 1986 habe ich sogar einmal einen Text für das Hamburger Nachrichtenmagazin verfasst. Wiedergefunden im Blatt habe ich von meinem Manuskript über den dubiosen Konkurs des Heidenheimer Busunternehmers Wilhelm Wahl zwar kaum etwas, aber das Honorar von 500 D-Mark war damals nicht nur für einen Berufseinsteiger durchaus üppig.
„Der Spiegel“ feiert heute Geburtstag. Die erste Ausgabe des Wochenmagazins unter der Leitung seines langjährigen Herausgebers Rudolf Augstein erschien am 4. Januar 1947 noch in Hannover.
Vor allem nach der „Spiegel-Affäre“ genoss das Blatt bei kritischen Geistern einen legendären Ruf. Am 10. Oktober 1962 hatte „Der Spiegel“ unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ eine kritische Betrachtung der Einsatzkraft der Bundeswehr veröffentlicht. Spiegel-Redakteur Conrad Ahlers wurde daraufhin am 26. Oktober 1962 in Spanien unter flagrantem Bruch des deutschen und internationalen Rechts verhaftet und nach Deutschland überstellt. Augstein stellte sich selbst. 103 Tage lang blieb er in Haft.
Einen „Abgrund von Landesverrat“ nannte Bundeskanzler Konrad Adenauer damals als Grund für die Inhaftierung. Vor allem viele jüngere Leute sahen in dem Vorgehen der Bundesregierung und insbesondere des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß hingegen einen massiven Angriff auf die Pressefreiheit. Nach heftigen Protesten zugunsten des Spiegel und allmählichem Zusammenbruch des Straußschen Lügengebäudes musste der Bayer als Bundesminister zurücktreten.
Seither war „Der Spiegel“ zumindest unter freiheitlich gesinnten Zeitgenossen ein Mythos. Die aufrechte Haltung seines Herausgebers auch bei der Debatte um die Notstandsgesetze hat viele davon überzeugt, den Spiegel zu abonnieren.
Seinerzeit erschienen die meisten Artikel ohne Namensnennung. Ein „Namensartikel“ im Spiegel adelte den betreffenden Autor, weil er damit bewusst aus der Autorenriege des Edel-Blatts herausgehoben wurde.
Gründliche Recherche und ein einheitlicher Schreibstil prägten den Spiegel damals. In aller Regel wurden Artikel von mehreren Autoren recherchiert, verfasst und redigiert.
Spiegel-Herausgeber Augstein galt als „die graue Eminenz“ des deutschen Journalismus. Als er 1994 Stefan Aust zum Chefredakteur berief, war diese Entscheidung nicht unumstritten. Doch trotz seiner Vergangenheit bei den St.-Pauli-Nachrichten hatte ich Aust als seriösen und verlässlichen Kollegen kennen und schätzen gelernt.
Als Augstein 2002 starb, gab es noch einmal Berührungspunkte mit ihm, weil Menschen aus meinem persönlichen Umfeld sich mit Erfolg dafür einsetzten, dass sein letzter Wille erfüllt wurde und er eine weltliche Trauerfeier erhielt. Persönlich kennnengelernt habe ich ihn zwar nie, aber ich respektierte ihn trotz mancher Kritik in Einzelfragen als lieberalen und aufrechten Publizisten und Journalisten.
Augstein hat den Spiegel maßgeblich geprägt und zum Flaggschiff des deutschen Journalismus gemacht. Auch 70 Jahre nach seiner ersten Ausgabe ist das Nachrichtenmagazin immer noch eine herausragende Marke. Angesichts der Debatte um Fakenews und postfaktische Politik ist seriöser Journalismus von hoher Qualität heute wichtiger denn je.

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4 Kommentare zu “Interessant und investigativ: Happy Birthday, Spiegel!

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