Die Wahrheit hat nur eine Alternative: Anpassung an „Alternative Facts“ ist Aufgabe

Gestern war der Holocaust-Gedenktag: Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit ist und bleibt unvergesslich.
Umso betrübter bin ich ob des aufkeimenden Rechtspopulismus in Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Hass und Hetze greifen nach den Grundlagen der Menschlichkeit; und viele stehen sprachlos dabei und wwissen nicht, was sie tun können.
Im Eiltempo baut Donald Trump demokratische Rechte ab: Mit einem Federstrich tilgt er alle Hinweise auf den Klimawandel, auf Schwule, Lesben und Behinderte von der Internetpräsenzt der US-Regierung. Nur eine Woche nach seinem Amtsantritt hat er Amerika nachhaltiger verändert als jeder US-Präsident vor ihm in seiner gesamten Amtszeit.
Dreist fuhr Björn Höcke gestern nach Buchenwald, um dort an einer Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus teilzunehmen. Erst der Hinweis der Polizei auf ein „Hausverbot“ zwang ihn zur Umkehr. Dabei hatte die Leitung der KZ-Gedenkstätte dem thüringischen AfD-Landesvorsitzenden zuvor schriftlich mitgeteilt, dass er bei der Feier als „Persona non grata“ unerwünscht sei.
Viele fordern, mit der Erinnerung an die Shoa müsse „endlich Schluss sein“. Sie bezweifeln entweder den Holocaust oder wollen nichts mehr davon hören.
Andere kritisieren das Gedenken als „sinnentleertes Ritual“. Allerdings blenden sie bei ihrer – nicht in jedem Fall völlig grundlosen – Kritik aus, dass Menschen Rituale brauchen, um Unfassbares überhaupt begreifen zu können.
Notwendig ist angesichts des zunehmenden Zeitabstands und der immer kleiner werdenden Zahl von Zeitzeugen die möglichst umfassende Dokumentation der Geschehnisse. Das kann durch Akten, Gerichtsprotokolle und aufgezeichnete Aussagen von Zeitzeugen ebenso geschen wie durch konkrete Nachforschungen vor Ort. Besonders wichtig ist dabei auch die möglichst genaue Darstellung alltäglicher Veränderungen vor der Machtergreifung von Adolf Hitler sowie danach.
Die Tagebücher von Viktor Klemperer wurden vor Jahren schon verfilmt. Sie zeigen, wie das Gift des Antisemitismus allmählich in die Gesellschaft eindrang und die Mitmenschlichkeit lähmte. Solche Berichte braucht die Welt angesichts der aktuellen Ereignisse gerade jetzt.
ich kann verstehen, dass brennende Flüchtlingsheime – nicht nur in Sachsen, sondern auch in Hessen – sowie Berichte über bewaffnete Reichsbürger und der Gedanke an Trump als Träger des Atomkoffers viele Menschen ängstigen. Mir geht es da nicht anders als Jens Bertrams in seinem Blogbeitrag über Die Angst, die Wahrheit und die Geschichte.
Allerdings würde ich meine Gefühle nicht als „Angst“ bezeichnen, sondern als „Sorge“: Angst ist ein archaischer Urinstinkt, der sich tief einnistet; Sorge hingegen ist die begründete Skepsis gegenüber Entwicklungen, die schlimme Folgen haben können.
Ich möchte mir keine Angst machen lassen. Aufrecht möchte ich stehen für Werte wie Humanität und Mitgefühl, Weltoffenheit und Toleranz, Neugier und Respekt.
Mit Nazis zu diskutieren, lohnt sich allerdings nicht. Jede Debatte bedarf des gegenseitigen Respekts und des Hörens auf die Argumente des Kontrahenten. Nazis zeichnet aber gerade die Respektlosigkeit gegenüber Kritikern aus, die in einer menschenverachtenden Geringschätzung Andersdenkender, Andersgläubiger und „Andersartiger“ begründet ist.
Der demokratische Diskurs hingegen muss offen stattfinden. Dabei muss jeder die Bereitschaft mitbringen, sich auch von anderen Positionen überzeugen zu lassen. Zuhören ist die erste Tugend der Demokraten.
Begründen und belegen sollte man seine Einschätzung oder Bewertung anhand von Quellen. Das muss nicht in jedem Blogbeitrag oder Kommentar sein, aber zumindest in journalistischen Texten. Das siebte W sollte seriösen Journalismus unterscheiden von Fake News und „Alternative Facts“.
Die Warnung von Marina Weisband vor einem Gewöhnungseffekt an rechte Propaganda ist wichtig: Wir müssen Wege finden, wie wir die Demokratie schützen vor Angriffen, Brandstiftern und vor einer Aufweichung durch den steten Tropfen der Ignoranz und des Nicht-wissen-Wollens. Dabei müssen wir einen Balanceakt vollführen, weil wir weder alles ignorieren können, noch „über jedes Stöckchen springen“ dürfen, das Rechtspopulisten – genauer benannt als „Nazis“ – uns hinhalten. Da hat Katharina Nocun alias „Kattascha“ recht.
Demokratie muss jeden Tag wieder von Neuem erkämpft werden. Diese alte Erkenntnis schien beinahe schon zur Floskel verkommen; jetzt jedoch erweist sie sich als brandaktuell und außerordentlich wichtig.
Beim nächstenLagebesprech werden wir wohl über Donald Trump und „Alternative Fakten“ sowie den Umgang mit einer derartigen Rechthaberei sprechen müssen. Wichtig ist dabei, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Wer vor den Angriffen auf seine Freiheit zurückweicht, der hat sie damit bereits verschenkt.

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5 Kommentare zu “Die Wahrheit hat nur eine Alternative: Anpassung an „Alternative Facts“ ist Aufgabe

  1. Traditionell gehe ich am Holocaust-Gedenktag auf die Internetseite von Yad Vashem. Das tut zwar weh, denn zu sehen wozu Deutsche fähig sind und welche Grausamkeiten sie entwickelten, dass ist hart. Mir egal ob andere von einer Ritualisierung des Gedenkens sprechen. Für mich ist die Ehrung und die Erinnerung an die vielen Opfer deutschen Massenmordes ein Bedürfnis. Für meinen Verstand ist es unerträglich, dass es Leute gibt die davon nichts mehr wissen wollen oder es gar leugnen. Gerade im „Net“ sieht man leider sehr oft, welcher Ungeist in manche Köpfe gefahren ist. Wo kommt das her ? Welches Zeitdenken herrscht denn vor, wenn etwa 15% eine rechte Partei wählen. Gerade hier im Osten kann ich es mir am wenigsten erklären, denn die meisten „Ossis“ sind durch ordentliche Schulen mit einer modernen und einer guten Geschichtsaufarbeitung gegangen [auch wenn die Westdeutschen das nicht glauben wollen]. Die Mär von einem verordnetem Antifaschismus ist mehr eine Diffamierung der DDR, als eine wirkliche Ursache für den Ostradikalismus. Das muss im Heute liegen !?! Wie die Aufarbeitung der Nazizeit im Westen stattfand hat man in der Dokumentation über Fritz Bauer gesehen. „Wenn ich aus meinem Büro gehe bin ich in Feindesland“ sagte der Staatsanwalt, weil er Altnazis und und Antidemokraten en mas sah. Die modernen Medien sind aber schon antifaschistisch und klären wirklich gut auf und berichten zu mindest in diesem Fall sehr ordentlich. Leider wird das Zeitungslesen immer mehr zum Auslaufmodell und die Internetspinner gewinnen immer mehr Oberhohheit über bestimmte Deutungen und Auslegungen. Da wären wir bei Fake-News und Lügen, das wird wohl zunehmend den öffentlichen Diskurs beeinflussen. Da sehe ich schwarz für die nächsten Jahre. Danke Dir lieber FJH für den tollen Artikel. Grüße aus dem kalten Vogtland. Ronald

  2. Vielen Dank für den Kommentar. Ich stimme euch zu. Das einzige Problem ist, dass das Gefühl, das ich zu beschreiben versuchte, tatsächlich über die Sorge, die fast ein verstandesmäßiges Seufzen nach reiflicher Überlegung ist, hinausgeht. Mehr dazu schreib ich drüben, besten Dank.

  3. Pingback: Reden ist Silber, Schweigen fatal: Merkel einig mit Trump? | Franz-Josef Hanke

  4. Sehr schöner Artikel, danke dir! Auch mein letzter Artikel handelt von dem dreisten Verhalten Höckes, dem Gedenken des Holocausts und unserer Demokratie. Die Toleranz und die Mitmenschlichkeit gegenüber allen anderen, das sind die Dinge die ich bedroht sehe durch Äußerungen wie denen von Höcke. Dass er damit nicht alleine steht, sondern einen ganzen Saal voller geneigter Zuhörer vor sich hat wenn er redet, das will noch nicht so ganz in meinen Kopf rein. Schau doch mal vorbei und hinterlasse mir auch deine Meinung, würde mich freuen!

  5. Klar: Und in „stillem“ Gedenken verlegt man wieder mal Eine Panzerbrigade der US-Streitkräfte nach Polen und rollenl demnächst auch durch Brandenburg, während Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) das kritisch sieht und zum Dialog mit Russland aufruft. Die brandenburgische CDU zeigt sich irritiert.
    Komisch: 40 Jahre lang war einigermaßen Frieden und kaum hat man die Mauer zu Fall(€) gebracht, „Sind wir wieder soweit“? Ist Krieg wieder und überall Thema. Mein Gott, wo soll das wieder hinführen? Genau wieder 25 Jahre nach dem 1. Weltkrieg nun auch 25 Jahre nach Mauerfall(€) schon wieder Nato-Einsatz im Baltikum und verlegt die Bundeswehr Leopard-2-Panzer nach Litauen. Gleicher Zeitraum, gleiches Land. Passt doch! 45 Milliarden für den Verteidigungshaushalt und 22 Milliarden für die Flüchtlinge, die auf Grund der US-intervention im nahen Osten auf die Reise gegangen sind. Also USA führt Krieg und Deutschland finanziert die Aufräumaktion. 45 Milliarden + 22 Milliarden = 67 Milliarden und die restlichen 8 bezahlen wir aus der Portokasse bzw. die werden für die Reparaturen von Banzer-Uschis Airbus A400M gebraucht. Wie beteiligt sich die Rüstungs- und SPI€LZ€UG-Waffen-Industrie mit ihren Profiten und Gewinnen neben dem Steuerzahler an Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge. Man darf sich gar nicht ausmalen, dass sie sogar von den Fachkräften unter den Flüchtlingen profitiert. Makabrer ginge es wohl nicht, nachdem sie womöglich u. A. auch vor deutschen Waffen und Banzern fliehen!

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