Günter und Horst: Was mein Vater über seinen Schulkameraden Ehmke erzählte

Im Gymnasium saß er neben meinem Vater auf der Schulbank. Während des Unterrichts pfuschten beide miteinander; nach Schulschluss verprügelten sie einander. Mein Vater war damals oberster Pfadfinder von Danzig, Horst Ehmke oberster Hitlerjunge.
So jedenfalls berichtete mein Vater von seinem prominenten Mitschüler. Ehmke jedoch zeigte sich 2007 verwundert, als herauskam, dass er 1944 in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSdAP) aufgenommen worden war.
Ehmkes Position in der Hitlerjugend betrachtete mein Vater als „Jugendsünde“. An der Schule war Günter Hanke der Einzige, der diesem nationalsozialistischen Jugendverband nicht angehörte.
„Ich hätte da auch gern mitgemacht“, erklärte er seinen Kindern später freimütig; „aber mein Vater hat es mir verboten.“ Als konservativer Christ war mein Großvater überzeugter Nazi-Gegner.
Deshalb schloss sich mein Vater der Katholischen Pfadfinderschaft Sankt Georg an. Angesichts der geringen Zahl von nur einem Dutzend Pfadfinder stieg er dort schnell zum Führer auf.
Ehmke hingegen benötigte für seine Karriere als oberster Hitlerjunge Danzigs vermutlich mehr Durchsetzungskraft. In dieser Funktion war er am Gymnasium geachtet oder gar gefürchtet.
Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, seinen Banknachbarn Günter Hanke nach Schulschluss zu verprügeln. Im „Kampf Mann gegen Mann“ zeigten die beiden Gruppenführer dann, welche Organisation wohl die Stärkere war. Mein Vater war zwar ein Fan des Boxsports, doch beherrschte er selbst den Kampfsport eher schlecht.
Nach Kriegsende verschlugen Vertreibung und Flucht meinen Vater zunächst nach Rheinbach und dann nach Bonn. Dorthin kam gut 15 Jahre später auch Ehmke.
In Deutschlands erster Großer Koalition unter Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger wurde der promovierte und habilitierte Jurist zunächst Justizminister. Als Willy Brandt 1969 zum Bundeskanzler gewählt wurde, übernahm Ehmke die Leitung des Kanzleramts. Brandts „Ostpolitik“ hat der gebürtige Danziger – nicht zuletzt auch wegen seiner persönlichen Erlebnisse im Zweiten weltkrieg – maßgeblich mit geprägt.
Nach Brandts Rücktritt 1974 gab auch Ehmke seine Funktion auf. Als Bundesminister für Forschung und Technologie sowie als Postminister blieb er noch einige Jahre im Kabinett von Helmut Schmidt, bevor er sich schließlich auf sein Bundestagsmandat und Funktionen in der SPD zurückzog.
Nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik verfasste Ehmke einige politische Kriminalromane. Außerdem veranstaltete er Führungen durch das Bonner Regierungsviertel, nachdem zwischenzeitlich Berlin zur deutschen Hauptstadt avanciert war.
Die Geschichten, die mein Vater mir und meinen Geschwistern über seinen Mitschüler erzählt hat, kann ich nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Dafür spricht allerdings, dass Ehmke offenbar kein Interesse an einem Kontakt zu meinem Vater hatte. Andersherum jedoch hegte mein Vater keinen Groll gegen Ehmke.
Im Gegenteil: Seinem vierten Sohn hat Günter Hanke den Vornamen Horst gegeben. Offenbar hegte er heimliche Sympathien mit jenem Mitschüler, von dem ihn politisch ganze Welten trennten, der ihm in mancher Schulstunde aber über manche Wissenslücke hinweggeholfen haben mag.
Ehmke wurde am 4. Februar 1927 geboren. Gestorben ist er am 12. März 2017 im Alter von 90 Jahren. Mehr als 70 Jahre lang war er ein überzeugender Verfechter von Demokratie, Aussöhnung und Friedenspolitik.

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