Im Fulda Gap hat er die Wiedervereinigung erkämpft: Peter Krahulec wird heute beigesetzt

Prof. Dr. Peter Krahulec wird am Freitag (14. Juli) um 14 Uhr auf dem Friedhof Fulda-Frauenberg beigesetzt. Der engagierte Friedensforscher und Pädagoge ist am Dienstag (27. Juni) in Fulda gestorben. Leider kann ich nicht zu seinem Begräbnis fahren.
Seine herausragenden Verdienste würdigt ein Nachruf der Osthessen-News nur sehr unzureichend. Zum Einen gingen seine Verdienste weit über das hinaus, was dort beschrieben ist; zum Anderen hatte er zahlreiche Mitstreiter, die gemeinsam mit ihm gegen die Pläne zur Vorbereitung eines „3. Weltkriegs“ im „Fulda Gap“ protestierten.
Als Landesvorstand der Grünen habe ich ihn Ende 1982 kennengelernt. Nach dem Einzug der Grünen in den Hessischen Landtag war ich im ehrenamtlichen Landesvorstand zuständig für Friedensarbeit. Die Landtagsabgeordnete Gertrud Schilling vertrat das Thema gleichzeitig im Parlament.
An dem – von uns beiden vorangetriebenen – Aufbau eines Landesfriedensausschusses der Grünen Hessen beteiligten sich auch Vertreter der Osthessischen Friedensinitiativen. Als Sprecher tat sich dort Gerald Flinner hervor, der aber in eine Gruppe kluger und aktiver Mitstreiter eingebunden war. Zu ihnen gehörte auch Krahulec.
Sie überzeugten uns, das Thema „Fulda Gap“ vorrangig auf die Tagesordnung zu setzen. Damals war die Zeit der großen Friedensdemonstrationen in Bonn; doch das „Fulda Gap“ kannte kaum einer.
Als „Fulda Gap“bezeichneten US-Militärstrategen das osthessische Gebiet zwischen Bad orb und Hanau im Süden sowie Bad Hersfeld im Norden. Dort ragte der „Thüringer Balkon“ weit in die Bundesrepublik hinein.
Bei mehreren sogenannten „Grenzlandfahrten“ besuchten wir militärische Einrichtungen in diesem Gebiet. Die Dichte der Waffenlager, Raketen-Abschussrampen und Radarstationen war im Vogelsberg so hoch, dass man nur Minuten von einer Anlage zur nächsten fahren musste. Zudem waren überall in den Straßen Sprengschächte eingelassen, die mit wasserdichten Abdeckungen gegen eine Einnässung dort versteckter Minen geschützt waren, sonst aber aussahen wie harmlose Kanaldeckel.
Solche „Kanaldeckel“ ohne Loch für einen Regenabfluss gab es auch unter der Brücke der Stadtautobahn B3A vor dem Marburger Hauptbahnhof. Sie waren überall.
In Flinners Briefkasten fand sich eines Tages das Militärhandbuch „Field Manual 100-100“, das die Militärstrategie „Air Land Battle“ darlegte. Sie bestand zum Einen aus einem „Deep Strike“ als Angriff ins thüringische Hinterland und zum Anderen aus dem „Cebra Package“, das in Sprengschächten überall in der Region kleine Atomminen als Panzersperre gegen vordringende Truppen aus dem Osten vorsah.
Der Fotograf Christoph Krackhardt fand auf dem Sperrmüll bei Housing Areas der amerikanischen Militärs ein brettspiel mit dem Namen „Fulda Gap – win the first Battle of the next War“. Der Spielplan zeigte die Landkarte von Hessen. Spielzüge fußten auf der Zündung von Atomminen in Sprengschächten und dem Rückzug in entferntere Gebiete wie den Odenwald.
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Ulrich Fischer sah in Österreich einen Fernsehbeitrag, in dem der US-General Fullweiler die amerikanischen Bürger beruhigte: Der 3. weltkrieg werde entweder am Golf stattfinden oder im Fulda Gap. Bei Hattenbach habe die US-Army vorsorglich schon Atomminen gelagert, um das Hattenbacher Dreieck bei einem Angriff sowjetischer Truppen notfalls nuklear in die Luft zu sprengen und so unpassierbar zu machen.
Eine Luftaufnahme zeigte die Gegend. Darauf erkannte Uli sein eigenes Haus. Es gelang ihm, den Film zu besorgen und danach in Bad Hersfeld und an weiteren Orten in Osthessen vorzuführen.
All diese Mosaiksteinchen setzte Krahulec gemeinsam mit den anderen zu einem Gesamtbild zusammen. Osthessen war das vorgesehene Aufmarschgebiet für den 3. Weltkrieg. Darauf bereitete sich das US-Militär vor.
Meinen Mitstreitern und mir gelang es, das Thema in die Friedensbewegung hineinzutragen. Beim Treffen der hessischen Friedensgruppen im Herbst 1983 in Frankfurt waren wir nur vier Vertreter, die für Friedensaktionen zum „Fulda Gap“ plädierten; bei der Abschlusskundgebung Ende Oktober 1984 waren wir mehr als 30.000 Menschen.
Auch diese Proteste haben mit dazu beigetragen, den „Kalten Krieg“ und den damaligen Ost-West-Konflikt zu überwinden. Einer der vielen Wegbereiter der Deutschen Einheit ist somit auch Peter Krahulec.
Glücklich indes kann man angesichts der derzeitigen Entwicklung mit dem Erreichten nicht sein. Auch Peter hat sich weiter engagiert für Frieden und Gewaltfreiheit, aber auch für Soziale Gerechtigkeit.
Beim 40. Geburtstag unseres Marburger Leuchtfeuer-Mitstreiters Jochen Schäfer traf ich Krahulec nachfast 30 Jahren wieder. Erst da erfuhr ich, dass er Jochens Patenonkel war.
Fortan saß Peter bei den weiteren Leuchtfeuer-Preisverleihungen. 2016 erklärte der Preisträger Lutz Götzfried, Krahulec sei sein Lehrer gewesen. Deshalb wird er heute auch mit dem Motorrad zum Begräbnis nach Fulda fahren.
An der Preisverleihung 2017 konnte Krahulec wegen seiner Erkrankung bereits nicht mehr teilnehmen. Nicht nur mir wird der unermüdliche Vorkämpfer für Frieden und Soziale Gerechtigkeit fehlen.

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6 Kommentare zu “Im Fulda Gap hat er die Wiedervereinigung erkämpft: Peter Krahulec wird heute beigesetzt

  1. Respekt vor solchen starken und unbeugsamen Menschen !
    Die historischen Hintergünde zum „Fulda-Gap“ waren mir unbekannt. Wieder etwas erfahren und gelernt. Man soll nicht pauschalisieren, aber mal ehrlich, Militärs sind doch (fast) alle gleich.
    Gruß aus dem Vogtland

    • Lieber Ronald, es ist noch witziger: Einige Kollegen von den Osthessischen Friedensinitiativen sind um 1984 einer Einladung ins Grenzgebiet der DDR gefolgt. Allein vom äußeren Erscheinungsbild her konnten sie den dortigen Kommunalpolitikern sagen, welche Funktion die örtliche Militäranlage hatte. So ähnlich sahen sich Atomwaffenbunker, Radarstationen und Raketenabschussrampen in Ost und West, dass es dazu nur der Kenntnis der osthessischen Anlagen bedurfte. Im Übrigen war die Friedensbewegung der 80er Jahre eine gemeinsame Bewegung in Ost und West. Nur gemeinsam konnte sie so stark werden, dass in der DDR daraus die Bürgerbewegung entstehen konnte. Was nach der Wiedervereinigung dann geschhen ist, ist leider ein eher trauriges Kapitel: Der hervorragende Verfassungsentwurf des „Runden Tisches“ wurde von Kohl einfach mit einem Anschluss nach Artikel 123 vom Tisch gewischt. Das war schändlich und einer von vielen Gründen, warum der Ost-West-Konflikt heute wieder in anderer Form aufbricht. So viel einstweilen. Herzlichst fjh

      • Das ist wirklich hochinteressant und erklärt hervorragend die damalige politische Situation. Über den Zusammenhang der DDR- Bürgerbewegung und der Friedensbewegung muss ich jetzt erst mal intensiv nachdenken. Die damaligen Widerständler und Bürgerrechtler stehen nicht neben mir auf den Anti-Nazis-Demos.
        Grüße aus dem Vogtland

      • Lieber Ronald, die ersten Bürgerrechtsgruppen der DDR waren Friedens- und Umweltgruppen. Einige der damals Aktiven sind dann in Verkennung der Tatsachen der CDU beigetreten, weil sie sie für christlich hielten. Andere gingen in die SPD oder in NGOs. Viele wären inzwischen wohl schon zu alt für aktive Demo-Beteiligung. Einige sind aber immer noch aktiv. Manche haben der Politik jedoch ganz den Rücken gekehrt. In den 80er Jahren hatten wir von der West-Friedensbewegung und Umweltgruppen Kontakte in die DDR-Bürgerbewegung. Beispielsweise habe ich die Umweltbibliothek in Eisenach besucht. Die Kollegen aus Osthessen waren in Thüringen unterwegs. Die DDR-Behörden haben uns sehr kritisch beäugt, weil wir nicht zur DKP gehörten. Das brachte mir meine – bislang einzige aufgefundene – Stasi-Akte ein. fjh

      • Ich lerne wirklich viel von Dir und die Toleranz und Herangehensweise von Dir beeindruckt mich sehr. Bin auch überzeugt , dass Deine Erlebnisse und Erfahrungen genauso stattgefunden haben ! Mit den Bürgerrechtlern habe ich trotzdem so meine Probleme und innere Zweifel. Als die DDR weg war , waren auch die Kämpfer gegen die Diktatur weg ( mein Empfinden). Mein Geschichtslehrer war auf einmal ein verfolgter des SED-Regimes ,dabei hat er uns Kindern die m.l.Geschichtssicht beigebracht und dafür gesorgt, dass wir auf “ Linie waren“. Diese Inkonsequenz und diese Verwandlung von vielen solchen Typen hat mich erschüttert. Für etwas Luxus haben viele Leute ihre Ideale verraten oder vergessen. Ich bin 60 Jahre und bei den Anti-Nazis-Demos könnten viele Widerstanskämpfer gegen die DDR dabei sein, da leben fast alle noch. Ich habe da schon so eine Idee wo die geblieben sind…

      • Lieber Ronald, Wendezeiten sind immer gute Zeiten für das politische Chamäleon. Ich glaube, dass viele, die heute in den fünf jungen Bundesländern größeren Einfluss haben, früher auch schon an ihrer Karriere im sogenannten „Sozialismus“ gearbeitet haben. Sozialismus war das zwar nicht, aber mit der Demokratie ist es auch nicht weit her, wenn unsere Bürgerrechte einfach mal so einer anlasslosen Massenüberwachung geopfert werden. Demokratie muss immer wieder von Neuem erkämpft werden. Da gibt es viel zu tun. fjh

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