Blind ist man nicht, behindert wird man: Der Rest ist Schweigen

Andere schreiben über Inklusion; ich praktiziere sie. Darum schreibe ich nur selten über Behindertenthemen. Ausnahmsweise mache ich meine Behinderung heute aber doch einmal zum Thema.
Mitunter gehen mir nämlich die Wortklauber ziemlich auf den Senkel. „Political Correctness“ wird dann wichtiger als die eigentlichen Probleme von Behinderten.
Unbestreitbar haben Behinderte im Alltag immer wieder Probleme. Nach wie vor gilt dabei auch die alte Erkenntnis: „Behindert ist man nicht; behindert wird man.“
Die Benachteiligung findet man im Alltag in Form unnötiger Barrieren und fehlender Rücksichtnahme. Ganz extrem tritt sie im Arbeitsleben auf. Gerade Schwerbehinderte finden nur selten einen Arbeitsplatz, der ihrer Qualifikation entspricht.
Häufig müssen Behinderte besser sein als Andere, um akzeptiert zu werden. Sie müssen also nicht nur ihre behinderungsbedingten Beeinträchtigungen ausgleichen, sondern sogar noch zusätzliche Fähigkeiten oder Fertigkeiten entwickeln und deutlich sichtbar praktizieren.
Das kostet Kraft. Kein Mensch hat aber immer nur Kraft und gute Laune. Wenn jedoch ein Behinderter einmal jammert oder einfach mal keine Lust hat, dann wird ihm das sofort negativ ausgelegt oder er wird von oben herab bemitleidet.
Man kann tun, was man will: Entweder wird man als „Superbehinderter“ betrachtet, der Übermenschliches vollbringen kann und muss, oder man wird als „armer Behinderter“ bemitleidet, den man an die Hand nehmen und dem man auch dann „helfen“ muss, wenn er gar nicht um Hilfe gebeten hat. Einfach nur Mensch sein kann man schon deswegen nicht, weil viele meinen, sie müssten bei Behinderten extra betonen, dass sie „behinderte Menschen“ sind.
Menschen zeichnen sich aus durch individuelle Stärken und Schwächen. Doch Nichtbehinderte scheren Behinderte häufig über einen Kamm.
Kennen sie einen Blinden, behandeln sie alle anderen Menschen mit Sehbeeinträchtigung genauso wie ihn. Dass Behinderte genauso unterschiedliche Charaktere sind wie Nichtbehinderte, müssen viele – auch wohlmeinende – Mitmenschen erst lernen.
Dass man den Umgang mit Behinderten lernen muss, ist nur natürlich. Auch an den Umgang mit alten Menschen oder Menschen aus fremden Kulturen muss man sich schließlich erst gewöhnen.
Wenn beim Umgang mit Behinderten jeder Fehlgriff sofort geahndet wird, dann führen wohlmeinende Hinweise zum richtigen Gebrauch der Sprache am Ende möglicherweise zu Hemmungen und der Furcht, überhaupt etwas zu sagen oder zu tun. Ergebnis ist letztendlich, dass Menschen lieber Abstand halten von Behinderten in der Sorge, sie könnten möglicherweise etwas falsch machen. Der Rest ist Schweigen.
Deswegen sehe ich die Wortklauberei mancher Behinderter als überaus problematisch an. Selbstverständlich ist eine Formulierung wie „an den Rollstuhl gefesselt“ grober Unsinn, doch werden häufig auch weit weniger misslungene Äußerungen heftig kritisiert. Angesichts solcher Verhaltensweisen fassen auch viele Journalisten Behinderte mit spitzen Fingern oder lieber noch gar nicht an.
Statt einer kontraproduktiven kleinkarierten Rechthaberei wünsche ich mir mehr Verständnis von Behinderten für Nichtbehinderte. Als Mehrfachbehinderter erlebe ich leider selber oft, dass viele Behinderte nicht einmal Verständnis für Mehrfachbehinderte haben.
Auf allzu viel Arroganz bei Korrekturen einer ausgrenzenden Sprache sollten sie deswegen besser verzichten und stattdessen mehr Miteinander mit allen anderen Menschen praktizieren. Letztlich sind solch überkritische Zurechtweisungen auch eine Art von Ausgrenzung.
Das gedeihliche Zusammenleben in gegenseitigem Respekt hingegen verlangt auch ein gegenseitiges Aufeinander-Zugehen. Was dabei herauskommt, nennt man übrigens „Inklusion“.

Advertisements

3 Kommentare zu “Blind ist man nicht, behindert wird man: Der Rest ist Schweigen

  1. Ein wunderbarer sachlicher Beitrag, wie gewohnt ! In meinen jungen Jahren hatte ich einen Kumpel, der durch einen schrecklichen Mopedunfall sein Augenlicht verlor. Natürlich besuchte ich ihn, nach dem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Mein Kamerad hatte eine erstaunliche Stärke und Gelassenheit – ich habe mehr gejammert und geklagt als er. Er ist einen tollen Weg gegangen , wir sind uns immer mal wieder über den Weg gelaufen. Ich selbst war nicht in der Lage mit der Situation umzugehen und habe feige den Kontakt einschlafen lassen. Was ist da in mir abgelaufen ? Heute bereue ich mein merkwürdiges Verhalten, denn mit zunehmenden Alter und vielen Erfahrungen weiß ich, dass vielleicht eine feste Freundschaft eine kleine Hilfe gewesen wäre.
    Grüße aus dem Vogtland

    • Lieber Ronald, ich finde Dein Eingeständnis mutig und erfreulich. Oft haben Nichtbehinderte mehr Probleme mit einer Behinderung als die Betroffenen selbst, weil sie sich vorstellen, wie sie mit der betreffenden Behinderung umgehen würden, wenn sie selber betroffen wären. Allerdings kennen sie die wirkliche Situation ja nicht und machen sich deshalb oft überzogene falsche Vorstellungen. Letztlich muss jeder wissen, ob und wie er mit Behinderten umgehen kann. Inklusion – gemeinsames Aufwachsen vom Kindergarten an – würde wohl viele Probleme lösen helfen. Ein Allheilmittel ist sie aber auch nicht. Wichtig ist gegenseitiger Respekt aller Menschen ohne Ansehen ihrer Behinderung, sei sie körperlich, seelisch, geistig oder auch gar nicht merkbar. Aber kaum jemand ist überhaupt nicht irgendwie behindert, stelle ich immer wieder fest. Oft sind sichtbar Behinderte aber stärker als die anderen. Letzlich muss man im Leben aus Allem immer das Beste machen oder das wenigstens versuchen. Viel Glück dabei! fjh

  2. Du hast mir das sicher angemerkt ,wie ich mich über mein damaliges Verhalten ärgere. Man muss aber im Leben immer lernen, eventuell festgefahrene Ansichten ändern und ständig wieder daran arbeiten , seine Menschen- und Weltsicht auch zu hinterfragen. Meine Frau hatte mal einen Zoobesuch in Nürnberg orgamisiert, da waren einige Rollstuhlfahrer dabei. Das hat mich sehr geprägt, der Zoo in Nürnberg ist Rollstuhlgerecht und trotzdem sind mir viele Dinge aufgefallen, die unsere „Rollis“ behinderten. Einen älteren Herrn schob ich die ganze Zeit durch das schöne Areal und wir konnten uns gut unterhalten, da habe ich dann allerhand erfahren.
    Die damalige Reise hat mich im Umgang mit Rollstuhlfahrern verändert. Wo es angebracht ist und ich helfen kann tue ich das jetzt viel sicherer. Manchmal gibt es sogar eine Abfuhr (“ Ich brauche keine Hilfe“), aber es ist genauso wie Du schreibst, jeder Mensch ist anders, hat seinen eigenen Kopf und wir sind doch alle Menschen !
    Grüße aus dem Vogtland

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s