Standhaft, scharfsinnig und spitzzüngig: Heiner Geißler ist mit 87 Jahren gestorben

Er war ein Querdenker im besten Sinne des Wortes. Heiner Geißler ist am Dienstag (12. September) im Alter von 87 Jahren gestorben.
Einmal bin ich ihm persönlich begegnet. Damals hat er den Grundrechte-Report vorgestellt. Nicht mit Allem in diesem „Alternativen Verfassungsschutzbericht“ sei er einverstanden, aber die Herausgabe eines solchen Berichts über den Stand der Grundrechte in Deutschland sei nötig, erklärte Geißler.
Berührungsängste hatte er keine. Vielmehr lobte er die Vertreter der Humanistischen Union (HU) und der anderen Herausgeberorganisationen für ihr Engagement zugunsten der Bürgerrechte und der Demokratie.
Eine Beamtin des Bundesministeriums für Familie und Soziales habe ich einmal gefragt, wer von all ihren Ministern der Beste gewesen ist. Ohne zu zögern, erklärte die eher ökologisch angehauchte Ministerialbeamtin, das sei zweifellos Heiner Geißler gewesen.
Als er Minister wurde, habe er die Beschäftigten im Ministerium gefragt, welches Projekt er vorrangig umsetzen solle. In ausgiebigen Diskussionen einigte man sich damals auf die Einführung einer Pflegeversicherung. Sie war ohnehin ein Herzensanliegen Geißlers gewesen.
Nun aber sei er zu jedem der Mitarbeiter im Ministerium hingegangen und habe mit ihm über die Notwendigkeit einer Pflegeversicherung diskutiert. Vom Ministerialdirektor bis zum Pförtner überzeugte er fast jeden in oft durchaus auch einmal stundenlangen Diskussionen. Am Ende habe das gesamte Ministerium hinter dieser Forderung gestanden und sie nach Kräften durchzusetzen versucht.
Was schließlich herauskam, war für Geißler nur ein magerer Kompromiss. Aber immerhin ist es ihm gelungen, überhaupt eine Pflegeversicherung einzuführen. Kein anderer Minister vor oder nach ihm habe ein dermaßen solidarisches Verhältnis mit dem Personal gehabt wie Geißler, berichtete mir meine Bekannte.
Als er die Schlichtung im Streit um das Tunnelbauprojekt „Stuttgart 21“ übernommen hat, hat Geißler Maßstäbe für Transparenz und Öffentlichkeit bei der Planung von Großprojekten gesetzt. Einige der schlimmsten Fehler der Planungsunterlagen konnte er entschärfen; die milliardenschwere Baupleite indes hat er nicht verhindert.
Sein Wechsel zum globalisierungskritischen Netzwerk „ATTAC“ bei gleichzeitiger CDU-Mitgliedschaft ist ein Beleg für Geißlers innere Unabhängigkeit. Er war scharfsinnig und spitzzüngig. Vor allem aber war er ein Politiker mit Rückgrat.
Persönlichkeiten mit Rückgrat fehlen heutzutage in der Politik. Auch Helmut Kohls einstiger Generalsekretär ist kaum zu ersetzen Mehr solche Individualisten mit Verstand und Herz wünsche ich mir nicht nur in der Politik.

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