Seit 40 Jahren in Marburg: Blind sein heißt Kämpfen

Vor 40 Jahren kam ich nach Marburg. Der Grund war damals meine fortschreitende Erblindung. Deswegen musste ich neu lesen und schreiben lernen.
Am Helmholtz-Gymnasium in Bonn hatte ich mein Abitur abgelegt. Mein schlimmster Alptraum danach war, noch einmal die Schulbank drücken zu müssen. Genau das musste ich wegen meines allmählichen Sehverlusts schließlich ab Herbst 1977 für ein Jahr an der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) tun.
Allerdings war es nicht so schlimm, wie mein Alptraum es ausgemalt hatte. Er verwies mich nämlich noch einmal zurück in den Unterricht meiner Französisch- und Englisch-Lehrerin. Sie war Sudetendeutsche und machte aus ihrer Nazi-Gesinnung kein Hehl.
„Rote Haare sind Zeichen eines schlechten Charakters“, sagte sie. Dabei schaute sie eine rothaarige Mitschülerin an. Ich war der Einzige, der den Mund aufmachte.
Fast alle Mitschüler klopften mir hinterher anerkennend auf die Schulter. Aber keiner wagte sich, ihr Widerworte zu geben. Ich jedoch konnte nicht anders.
Die Folge meiner Aufrichtigkeit waren gehässige Fragen der Nazi-Lehrerin und danach meist schlechte Noten. Während all ihre Kollegen Rücksicht nahmen auf meine Sehbehinderung, ließ sie mich mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht meine Hausaufgaben vorlesen. Nur zu genau wusste sie, dass ich wegen meines geringen Sehvermögens nicht flüssig vorlesen konnte.
Hatte ich in Englisch immer gute Noten gehabt, so drückte sie mich auf eine 4. Ich konnte machen, was ich wollte, sie würgte mir immer Eins rein. So sehr ich mich wehrte, so sehr versuchte sie, mich kleinzukriegen.
Abgrundtiefer Hass baute sich allmählich auf auf beiden Seiten. In mir hinterließ er noch einige Jahre nach dem Abitur jenen Alptraum, der mich ihr noch einmal ihrer Willkür auslieferte.
Glücklicherweise lief es an der BliStA dann besser. Dennoch war es auch dort nicht leicht, als Erwachsener wieder zur Schule zu gehen und gemeinsam mit 14- oder 15-jährigen Jugendlichen Schreiben und Lesen zu lernen. Vor allem der Drill beim Schreibmaschineschreiben regte mich so sehr auf, dass ich mich einmal beim Schulleiter über die altmodische Lehrerin beschwerte.
„Blind sein, heißt kämpfen“, schrieb José Sarmago in seinem Roman „Stadt der Blinden“. Mein Gespräch mit den Nobelpreisträger in Bonn werde ich nie vergessen. Meine Behinderung hat mich Kämpfen gelehrt und dadurch stark gemacht für die Widrigkeiten des Alltags.
Auch meine Nazi-Lehrerin hat mich stark gemacht. Das habe ich aber erst viele Jahre später begriffen.
Jedenfalls saß ich in Marburg plötzlich wieder auf eine r Schulbank. Schreiben und Lesen lernte ich hier die tastbare Brailleschrift. Daneben übte ich auch das Maschineschreiben im Zehn-Finger-System, ohne hinzugucken.
War die Stadt anfangs für mich mit der Erniedrigung verbunden, wieder wie ein Kind behandelt zu werden, so lernte ich hier allmählich auch, selbstbewusst aufzutreten und behindertenfeindlichen Verhaltensweisen zu trotzen. Wer nicht selbst behindert ist, kann sich kaum vorstellen, welche subtilen Formen oft unwissentlicher Behindertenfeindlichkeit Betroffenen im Alltag immer wieder begegnen.
„Wenn ich blind wäre, würde ich mir die Kugel geben.“ Solche oder ähnliche Sprüche begegnen Blinden immer wieder. Auch wenn dabei oft Anerkennung oder Bewunderung mitschwingt, kann man sie auch als Ausdruck eugenischen Denkens interpretieren: „Warum lebst Du mit dieser Behinderung überhaupt noch?“
Anfangs hatte ich genug zu tun damit, mich meiner Behinderung zu stellen. Der allmähliche Verlust des Sehvermögens war Problem und Segen zugleich. Kein abrupter Bruch zwang mich, mein Leben von einem Tag auf den Anderen umzustellen; aber solange es eben ging, tapste ich ohne Stock über Bordsteinkanten und in Baugruben hinein.
Lange hat es gedauert, bis mir egal war, dass mein weißer Langstock den Umgang meiner Mitmenschen mit mir beeinflusste. Lange brauchte ich, bis ich selbstbewusst genug war, mich von der Behinderung zu lösen und mich wieder überall einzumischen ins gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben.
Dabei hat Marburg mir enorm geholfen. Hier leben mehr Blinde als irgendwo anders in Deutschland. In Marburg sind Blinde so normal, dass man in dieser Stadt einigermaßen normal leben kann auch mit einer starken Beeinträchtigung des Sehvermögens.
40 Jahre Marburg sind für mich zu einer Phase der Normalität geworden. Erst hinzukommende weitere Beeinträchtigungen zeigen mir, dass Mehrfachbehinderte wie ich selbst unter Blinden noch nicht ausreichend respektiert werden. Viele Blinde in Marburg meinen: „Was ich kann, müssen andere Blinde auch können!“
So gibt es also immer noch viel zu tun. Aber letztlich hilft mir Saramagos freundliche Ermahnung: „Blind Sein heißt Kämpfen.“

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