Höchste Eisenbahn: Mein Bruder Uli und Märklin machten´s möglich

Heute hätte mein ältester Bruder Geburtstag. 66 Jahre würde Uli – wie die Familie ihn nannte – alt.
Leider ist Ulrich Hanke am 6. Februar 2016 gestorben. Viele Erinnerungen an ihn bleiben jedoch. Eine davon ist meine Würdigung seiner Bastelkünste beim Aufbau unserer großen und großartigen Modelleisenbahn.
Ursprünglich hatte mein Vater seinen Kindern den Wunsch nach einer eigenen Modelleisenbahn ausgeredet. Vor gut 50 Jahren kam er dann Weihnachten doch mit einer Holzplatte, zwei Spielzeugloks und mehreren Waggons an. Wer am eifrigsten mit der Eisenbahn spielte, war damals mein Vater.
Eine Tenderlok mit drei Güterwaggons und ein roter Schienenbus drehten ihre Runden auf einem Oval. Fahrzeuge und Schienen sowie der Trafo mit dem drehbaren Regulierungsschalter stammten von Märklin in Göppingen. Die Schienen waren aus Blech gefertigt und der punktierte Mittelleiter für die –
unter den Triebfahrzeugen angebrachten – Stromabnehmer in einem angedeuteten Schotterbett aus Metall kaschiert.
Selten dürften unsere Augen zu Weihnachten so gleuchtet haben wie damals. Dabei war Weihnachten in unserer Familie immer das Größte.
Im Februar 1968 zogen wir von Lessenich auf den Venusberg. Im größten Kellerraum unseres Hauses war dann endlich Platz für eine richtige Modelleisenbahn, die nicht mehr an die Wand hocgeklappt werden musste, wenn die Etagenbetten bezogen wurden.
Dem Aufbau der Anlage widmete sich fortan mein ältester Bruder. Nach und nach wuchs die Anlage. Immer raffinierter wurde die Eisenbahn, die Ulrich mit insgesamt zehn Zügen auf die Runden im Keller schickte.
Zum Fahrzeugpark gesellten sich nach und nach vor allem Lokomotiven und Waggons, die wir vom Betrieb der Deutschen Bundesbahn (DB) her kannten. Flaggschiff waren zum Schluss der S-Bahn-Zug „ET 420“ in Münchener Blau-Weiß und die Elok 103 mit den Wagen des legendären Trans-Europ-Express (TEE) namens „Rheingold“. In dem verglasten Aussichtswagen dieses Luxuszugs mit ausschließlich 1. Klasse-Plätzen fuhren wir einmal von Bonn am Rhein entlang nach Stuttgart, wofür wir an einem einzigen Tag unser gesamtes Taschengeld eines Monats hinblätterten.
Beim Basteln an der Eisenbahnanlage war Uli glücklich. Jedes neue Heft der Fachzeitschrift „Miniaturbahnen“ (MiBa) verschlang er sofort nach dem Erscheinen. Viele Ideen aus diesen Heften setzte er in unserem Hobbykeller gekonnt um.
Clou der Anlage war ein unterirdischer Abstellbahnhof für zehn Züge. Dafür hatte Ulrich unter der eigentlichen Bodenplatte eine tiefere Etage angebracht. Dorthin konnten Züge über eine Rampe hinabfahren, um dann über Weichen in eines der zehn Gleise zu gelangen.
Belegt wurde dabei immer das nächste freie Gleis. Zum Losfahren der unterirdisch geparkten Züge jedoch hatte Uli einen sehr ambitionierten Vorschlag aus der MiBA umgesetzt.
Über die Wählscheibe eines ausgemusterten Telefons konnte man Zahlen von 1 bis 0 wählen. Damit schaltete man das Signal des jeweils angewählten Gleises frei und der dort abgestellte Zug fuhr hinauf auf die obere Platte. Zum Staunen unserer Besucher führte Uli dann gerne die verschiedenen Züge vor, die er in einer sorgsam erdachten Choreografie nacheinander präsentierte.
Begeistern konnte sich Uli auch für die Spielzeugfiguren von Paul M. Preiser im Maßstab H0. Der Sohn des Firmengründers gestaltete mit den winzigen Figürchen jedes Jahr auf der Spielwarenmesse in Nürnberg ecchte Kunstwerke mit viel Witz und gelegentlich sehr realistisch nachgebildeten Szenen. Ein Lokführer mit Hitler-Bärtchen erhob die rechte Hand zwar nicht zum Gruß, sondern nur zu einem Schalter; aber der beleibte Politiker neben dem schwarzen Mercedes 600 von Wiking war unzweifelhaft eine Nachbildung meines bayerischen Namensgebers Franz Josef Strauß.
Die Belebung der Landschaft mit Häuschen und Figürchen indes vollendete Uli nicht mehr. Bald began er sein Studium und zog in eine eigene Wohnung, was ihn zunächst freilich nicht an weiteren Aktivitäten in unserem Eisenbahnkeller hinderte. Immerhin baute er noch einen Eheim-Trolleybus auf der Anlage auf und eine Straße mit fahrenden Modellautos.
Geschickt wie bei der Modelleisenbahn war Uli auch mit Musikinstrumenten: Er tüftelte und probierte so lange, bis der richtige Ton kam. Dieses Herangehen hat er später auch bei den Softwaretests für die Interessengemeinschaft sehgeschädigter Computerbenutzer (ISCB) an den Tag gelegt.
Schade ist, dass Modelleisenbahnen inzwischen den Computerspielen weichen und die meisten Hersteller aufgeben mussten. Vielleicht wird aber bald wieder eine Renaissance der H0-Eisenbahnen kommen, wenn „Künstliche Intelligenz“ (KI) die Steuerung unterirdischer Abstellbahnhöfe und 3D-Drucker die Herstellung der Modelle übernehmen. Ich jedenfalls erinnere mich bei jedem Besuch in Bonn daran, wie wir uns in der Adventszeit die Nasen am Schaufenster des „Puppenkönigs“ plattgedrückt haben, um die Nachbildung des Bonner Hauptbahnhofs und des benachbarten Viertels einschließlich der Münsterbasilika und des Spielwarengeschäfts im Maßstab 1:87 zu bestaunen.
Für meinen ältesten Bruder war die Modelleisenbahn unbestreitbar ein Testfeld zur Entwicklung und Erprobung seiner technischen Inttelligenz. Für mich war er damals zumindest in diesem Bereich ein Vorbild, wenngleich ich Ulis handwerkliche und technische Fähigkeiten nie auch nur ansatzweise erreicht habe.

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