Böller für Böll: Mein mickriges Mahnmal für einen menschenfreundlichen Moralisten

„Ich bin ein Clown; ich sammle Augenblicke.“ Einen denkwürdigen Augenblick habe ich 1981 mit dem Autor dieser Zeilen gesammelt. Heute wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden.
Am 10. Oktober 1981 stand ich auf der Hofgartenwiese in Bonn neben Petra Kelly direkt an der Bühne. Gut eine Viertelstunde vor Beginn der Großdemonstration kam Böll auf uns zu. Freundlich begrüßte er die damaligen Grünen-Sprecherin und auch mich.
Mit freundlicher Neugier erkundigte sich Böll, wer ich sei und was mich zur Friedensemonstration geführt habe. Vielleicht eineinhalb oder zwei Minuten lang unterhielten wir uns miteinander. Dann ging er weiter.
Eine halbe Stunde später vielleicht hielt der Nobelpreisträger für Literatur eine Rede vor fast einer halben Million Menschen. Außer ihm sprachen auch Oskar Lafontaine und Erhard Eppler. Auch Eppler reichte mir die Hand, hatte es aber viel eiliger als Böll, weiterzukommen.
Erstmals kennengelernt hatte ich Böll etwa acht Jahre vorher im Deutschunterricht am Helmholtz-Gymnasium in Bonn in Form seiner Kurzgeschichten. Besonders angetan hatte es mir damals „Die ungezählte Geliebte“. Der Statistiker erfasst alle Autos, Pferdefuhrwerke, Radler und Fußgänger, die über die Brücke gehen, außer der Frau, die für ihn niemals zu einem Strich auf seinem Erfassungsbogen werden darf.
Weitere Kurzgeschichten wie die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von einem Fischer, der am Strand in der Sonne liegt und von einem Touristen bequatscht wird, doch nicht faul herumzuliegen, sondern noch einmal hinauszufahren und weiterzuarbeiten, bis er ein reicher Mann werde, der nicht mehr arbeiten müsse, weckten meine Begeisterung für Böll. Mit einfühlsamer Sprache beschrieb er ruhig das Alltägliche und den alltäglichen Wahnsinn, das Unfassbare und die Gefasstheit der – vielleicht schon abgestumpften – Zeitgenossen.
Bei einer längeren Bahnfahrt las mir eine Freundin aus Frankreich viele Jahre später mehrere Kurzgeschichten von Böll vor. „Über die Brücke“ hat mich dabei ganz besonders begeistert.
In verschiedenen Schichten erzählt Böll darin die Geschichte seiner Zugfahrt über die Brücke vor und nach dem Krieg und seine Erlebnisse dabei. Er war nur der Bote des „Reichsjagdhundeverbands“. Was in der Tasche war, die er transportierte, das wusste er nicht.
An der Strecke sah er eine Frau, die an unterschiedlichen Wochentagen immer unterschiedliche Fenster putzte. Dabei folgte sie immer genau dem gleichen Plan. Nach dem Krieg war es ihre Tochter, die eben diesen Plan ebenso exakt ausführte wie vor und während des Kriegs ihre Mutter.
Gezielt vermieden hatte Böll, während des 2. Weltkriegs Offizier zu werden. Lieber hielt er sich in der Wehrmacht zurück, was wohl auch das Ergebnis einer pazifistischen Einstellung seiner Eltern bewirkt hat. Auch mit der Kirche haderte der gläubige Katholik ebenso wie sein Vater Vincent Böll.
Die Nazi-Diktatur und der Krieg waren Bölls Themen. Eindringlich und zugleich unaufgeregt bemerkte er, dass sich nichts geändert hat in vielen Köpfen und oft sogar die Fassade die Gleiche geblieben ist.
Ein Klassiker ist sein „Nicht nur zur Weihnachtszeit“. Diese Kurzgeschichte entblößt die Gewohnheiten der Menschen, ihre Lügen und Lebenslügen sowie den Irrsinn des Alltags mit beißendem Spott.
Unvergessen bleibt auch „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“. Die Verfilmung mit Dieter Hildebrandt habe ich mir lange nach Bölls Tod am 16. Juli 1985 wieder und wieder angesehen. Eine gelungenere Persiflage auf den Rundfunk kenne ich nicht. Auch wenn Hildebrandt in dem Film durch die „Goldhalle“ des Hessischen Rundfunks (HR) in Frankfurt geht, steigt er doch in den Paternoster im Funkhaus des WEstdtutschen Rundfunks (WDR) am Wallraffplatz in Köln.
Waren seine Kurzgeschichten zunächst nur eine Notlösung, weil kein Verlag seine Romane über die Nazi-Zeit drucken wollte, so entwickelte er diese Form doch sehr schnell zu wahrer Meisterschaft. „Wunsiedels Fabrik“ ist ein Beispiel für beißende Satire mit Hintersinn. Dabei geht es um die nichtssagenden Sprachhüllen der Werbung und der Wirtschaft, die mit dem Satz „Es muss etwas geschehen“ in allen Abwandlungen von „Es wird etwas geschehen“ bis zu „Es ist etwas geschehen“ ohne jede konkrete Aussage unermüdliche Tätigkeit suggerieren.
„Der Engel schweigt“ war seine Auseinandersetzung mit dem zerstörten Köln. Diese „Trümmerliteratur“ wurde jedoch erst nach seinem Tod veröffentlicht.
Erste Erfolge erzielte Böll 1951 nach seinem Sieg beim Wettbewerb der „Gruppe 47“. Seine Kurzgeschichte „Die schwarzen Schafe“ überzeugte die anwesenden Literaten und Kritiker.
Das „Irische Tagebuch“ beschreibt Bölls Beziehung zu Irland. In seinem einstigen Haus leben heute Stipendiaten, die den Ausblich genießen und die Atmosphäre meist als überaus anregend empfinden.
„Haus ohne Hüter“ gehört ebenso zu Bölls bekannten Romanen wie „Frau vor Flusslandschaft“. Darin rechnet Böll mit meiner Heimatstadt Bonn ab, wo er für wenige Monate eine Buchhändlerlehre aufgenommen hatte.
Vor Allem für „Gruppenbild mit Dame“ erhielt Böll 1972 den Nobelpreis für Literatur. Schon damals würdigte das Nobelpreiskomitee seine Weitsicht und sein Einfühlungsvermögen.
Böll war ein Moralist. Was er in seinen Texten schrieb, das setzte er auch in Taten um. Er erhob seine Stimme, wenn er Unrecht und Unterdrückung bemerkte.
So gehörte er 1968 zu den Begründern des „Politischen Nachtgebets“. Mehr als fünf Jahre lang trafen sich Katholiken und Protestanten zu solchen Gottesdiensten in der Kölner Antoniterkirche. Initiator war der Ökumenische Arbeitskreis Köln, in dem unter Anderem Dorothee Sölle, Fulbert Steffensky, Marie Veit und Böll mitwirkten.
Übel mitgespielt wurde Böll, weil er 1974 öffentlich über Menschlichkeit für Ulrike Meinhof nachdachte. Eine beispiellose Rufmordkampagne nicht nur der BILD-Zeitung sägte an seinem Ruhm. Doch sein Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, worin er seine Erfahrungen damit aufarbeitet, ist mit mehr als 2,7 Millionen verkaufter Exemplare und einer Verfilmung von Volker Schlöhndorf Bölls persönlicher Bestseller.
Das eingenommene Geld setzte Böll nicht für eigenen Wohlstand ein: 1975 schenkte er der Sozialistischen Selbsthilfe Köln (SSK) ein Haus. Dieses „Böll-Haus“ bewohnen die einstigen Heimzöglinge, Psychiatrie-Insassen und Geflüchteten noch heute.
All das hatte ich 1981 im Kopf, als Böll mich ansprach. Was ich indes nicht wusste, war sein persönliches Engagement für politisch Verfolgte Menschen und dessen ganz handfestes Ausmaß. Nicht nur Alexander Solschenizyn und Lew Kopelew beherbergte Böll in seinem Haus, sondern auch andere Exilanten.
Konsequent war auch sein Wirken als Präsident des Deutschen und des Internationalen Pen-Zentrums. Dass seine guten Kontakte vor Allem nach Osteuropa von der Central Intelligence Agency (CIA) abgeschöpft wurden, wusste Böll freilich nicht.
Gut im Gedächtnis ist mir noch ein Gespräch, das Wolfgang Niedecken im WDR mit Böll über Stadtsanierung führte. Zwischendurch sangen die „Bläck Fööß“ ihr Lied „mir losse der Dom in Kölle. Die Nord-Süd-Fahrt bezeichnete Böll als „NS-Fahrt“, weil diese Schnellstraße mitten durch die Kernstadt die Umsetzung nationalsozialistischer Bauplanung nach Kriegsende gewesen sei.
Straßen führen in Bölls Geschichten ein Eigenleben. Hier herrsche ein Gesetz, das älter und wirkmächtiger sei als staatliche Gesetze. „Auch Ganoven halten sich hier an dieses Gesetz“, schrieb der Autor.
Für mich ist Böll nach wie vor ein Leuchtturm der Literatur und der Menschlichkeit. Handeln und Schreiben gehörten für ihn untrennbar zusammen. Mut musste er immer wieder beweisen, weil er sich auch durch polizeiliche Hausdurchsuchungen nicht von seinem klaren Kurs gegen die Hysterie im „Deutschen Herbst“ abbringen ließ.
Böll und Sölle persönlich gekannt zu haben, ist für mich eine ganz große Freude. Bölls Romane und Kurzgeschichten sind ein Reichtum für alle. Immer noch sind viele Texte aus den 50er Jahren brandaktuell und bewegend.
Stimmen wie Böll und Günther Grass fehlen heute. Vor allem aber fehlt jene Haltung, die Mutbeweist darin, eigene moralische Überzeugungen tatkräftig auch gegen Widrigkeiten umzusetzen. „Moralist“ ist für mich kein Schimpfwort, sondern ein Ehrentitel, den ein Mensch sich angesichts des großartigen Vorbilds Böll sehr schwer verdienen muss.

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2 Kommentare zu “Böller für Böll: Mein mickriges Mahnmal für einen menschenfreundlichen Moralisten

  1. Die verlorene Ehre der Katharina Blum und der Spiegelartikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit“, der übrigens aus dem Jahre 1972 stammt, ein halbes Jahr vor der Festnahme von Ulrike Meinhof, waren meine ersten Begegnungen mit Heinrich Bölls Schreibekunst. Vorher kannte ich ihn nur als politischen Denker, Gegner der Notstandsgesetze, Redner auf der Friedensdemo, von der du gesprochen hast. Als ich die verlorene Ehre las, war er gerade gestorben. Dabei habe ich etwas faszinierendes kennengelernt. Unsere Deutschlehrerin nahm mit uns das Buch, unsere Gesellschaft, die Bildzeitung und den Terrorismus ein halbes Jahr lang durch, voller Engagement und Vielseitigkeit. Am Ende bekannte sie mir gegenüber privat, dass sie mit dem Schreibstil des Buches überhaupt nichts anfangen könne, und dass es eine Qual für sie sei, dass sie das Thema aber extrem wichtig fand.

  2. Danke für den wunderbaren Beitrag. Böll war das Gewissen der Bundesrepublik, vielleicht sogar ganz Europas. Wir im Osten haben ihn gerne gelesen und zutiefst bewundert. So ohne Rücksicht für nachteilige Konsequenzen immer seine ehrliche Meinung zu sagen und quasi auch ohne Berücksichtigung der Mainestreammeinungen seine Ideale zu propagieren, dass kenne ich nur von wenigen Persönlichkeiten. Absoluten Respekt vor diesem Mann. Er hat sich nie vereinnahmen lassen, immer sein Ding gemacht. Klasse !!! Gerade heute fehlt er diesem Land.
    Trinken wir ein Glas Sekt auf den Querdenker ( ist er ja nicht wirklich, sondern ein Direktdenker) und lassen zum 100. die Böller krachen.

    Grüße aus dem Vogtland
    Ronald

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