Vor 75 Jahren: Beeindruckende Tapferkeit für Frieden und Mitmenschlichkeit

Ernst-Ulrich Wehle hatte zu seinem Geburtstag eingeladen. Seinen Gästen führte er Dias vor. Ein Bild zeigte das Haus seiner Großmutter in München.
„Vor dem Haus Franz-Josef-Straße 13 steht heute eine Gedenktafel“ erklärte er. „Sie erinnert an die Mieter meiner Großmutter. Meine Oma hat mir viel von Hans und vor Allem Sophie Scholl erzählt.“
Anfangs sei seine Großmutter eine völlig unpolitische Frau gewesen, berichtete Wehle. Nichts habe sie über den Widerstand ihrer beiden Mieter gewusst. Aber sie habe die Studenten sehr geschätzt wegen ihres lebensbejahenden Glaubens und ihrer Hilfsbereitschaft.
„Als die Nazis kamen und sie verhörten, keimte auch in meiner Großmutter der erste Funke des Widerstands“, berichtete Wehle. „Diese Haltung hat sie auch mir vermittelt. Deswegen zeige ich dieses Haus als das erste und wichtigste Dia in dieser Reihe von Bildern aus meinem Leben.“
Viel zu früh ist Wehle gestorben. Noch früher wurde Sophie Scholl aus ihrem Leben gerissen. Am 22. Februar 1943 wurde sie mit nur 21 Jahren gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und seinem Kommilitonen Christoph Probst hingerichtet.
Am 18. Februar 1943 waren Sophie und Hans Scholl beim Verteilen von Flugblättern „erwischt“ worden. Von einer Ballustrade aus hatten sie die Zettel in den Lichthof hinabgeworfen.
Eigens für den Prozess am 22. Februar 1943 war Roland Freisler von Berlin angereist. Vormittags verhandelte der berüchtigte Präsident des „Volksgerichtshofs“ gegen die drei Angeklagten; bereits um 16 Uhr wurden sie durch das Fallbeil hingerichtet.
Ihre Tapferkeit im Angesicht des Todes hat selbst dem Scharfrichter Respekt abverlangt. Klar und geradlinig haben die Geschwister Scholl für ihre Überzeugung eingestanden. Den Diktator Adolf Hitler bzeichneten sie als „Mörder“ und den Krieg als Verbrechen.
Spätestens nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad war der „Weißen Rose“ klar, dass der Krieg nicht zu gewinnen und jeder weitere Tag verbrecherisches Blutvergießen war. Hans Scholl und seine Kommilitonen hatte aber bereits viel früher das Mitgefühl mit Juden im Warschauer Ghetto und mit russischen Kriegsgefangenen wachgerüttelt, denen sie während ihrer Kriegseinsätze im Sanitätsdienst begegnet waren.
Kursierten die Flugblätter des Freundeskreises von Münchener Medizinstudenten zunächst nur in kleinen Auflagen, so erreichte ihrfünftes 9.000 und ihr letztes sogar eine Verbreitung von 12.000 Exemplaren. Mit schwarzer Teerfarbe und grüner Ölfarbe schrieb die „Weiße Rose“ Parolen gegen die Nazi-Diktatur an Hauswände.
Flugblätter der Widerstandsgruppe gelangten über den Widerstandskämpfer Helmut James Graf von Moltke nach Großbritannien und wurden dort vervielfältigt. Alliierte Flugzeuge warfen sie dann über deutschen Großstädten ab.
Die Texte der Flugblätter sind alle im Internet dokumentiert. Auch sie zeugen vom Mut ihrer Verfasser. Der Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann zitierte sie in seinen regelmäßigen Radiosendungen bei der britischen BBC.
Fred Breinersdorfer hat das Drehbuch für den Film „Sophie Scholl – die letzten Tage“ verfasst. Dafür hat er nur Originalprotokolle der Verhöre bearbeitet. Letztlich waren es also die Aussagen der Geschwister Scholl, die eine Auszeichnung mit dem „Oscar“ wert waren.
Mich haben die Münchener Studenten stark beeindruckt. So viel Tapferkeit wünsche ich mir beim Eintreten für Demokratie und Menschlichkeit.
Auch wenn die Umstände absolut nicht miteinander vergleichbar sind, fiele mir gerade nach der Ausgabe 58 unseres Podcasts „Lagebesprech“ eine Gruppe ein, die durch aufrechte Haltung überzeugt und durch Mut besticht. Die wütenden Schüler von Parkland und ihr Kampf gegen Waffen sind vielleicht „Die weiße Rose“ der USA. Möglicherweise ist die 18-jährige Emma Gonzales dann die Sophie Scholl des Jahres 2018.

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2 Kommentare zu “Vor 75 Jahren: Beeindruckende Tapferkeit für Frieden und Mitmenschlichkeit

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