Bewegung bei BILD: Drei Kugeln auf Rudi Dutschke

Selbst mein Vater war entsetzt. Dabei hatte er doch bis zum 11. April 1968 kein gutes Wort für Rudi Dutschke übrig. Doch das Attentat auf den Studentenführer ging auch ihm eindeutig zu weit.
Aus einer Pistole hatte der 23-jährige Gelegenheitsarbeiter Josef Erwin Bachmann vor dem Büro der Sozialistischen Deutschen Studentenschaften (SDS) am Berliner Kurfürstendamm drei Schüsse auf Dutschke abgefeuert. Damit wurde die Gallionsfigur der „68er Studentenbewegung“ zum Märtyrer und die „BILD“-Zeitung zum Objekt von Hass, Häme und berechtigter Kritik. Mit ihrer Verteufelung des Studentenführers hatte sie die Stimmung aufgeheizt und sich letztlich schuldig gemacht an dem Mann, gegen den sie seit Monaten in übelster Weise gehetzt hatte.
„BILD“-Verleger Axel Cäsar Springer wurde von vielen als der eigentlich Schuldige an dem Attentat betrachtet. Seine Blätter hatten gegen die „langhaarigen linken Studenten“ gehetzt, was die Druckerschwärze hergab. Im Gegenzug machten demokratische, liberale und linke Kreise nun mobil gegen „BILD“, deren Ruf seither ramponiert ist.
Die Vorgänge zeigen, wie gefährlich anhaltende Hetze in Medien werden kann. Von vielen Zeitungen – nicht nur der Springer-Presse – wurde die Studentenbewegung auf wenige Personen wie Dutschke oder die „Kommunarden“Fritz Teufel und Rainer Langhans reduziert.
Die Kritik fast einer ganzen Generation am Vietnamkrieg und dem Besuch des iranischen Schahs in Berlin passte vielen ebensowenig wie ihre Fragen nach der Rolle ihrer Eltern während der Nazi-Zeit. Hinzu kamen ihre Debatten über Marxismus und die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Der verlogenen Prüderie der 50er Jahre unter der Kanzlerschaft von Konrad Adenauer setzten die jungen Leute andere Lebensentwürfe entgegn, die „freie Liebe“ ebenso propagierten wie das Zusammenleben in „Kommunen“, wie sich Wohngemeinschaften damals noch nannten.
Ausdruck ihres neuen Lebensgefühls waren Blue Jeans und Parkas, fettige lange Haare und Rockmusik. Auch ich kleidete mich bald ähnlich und offenbarte mich damit als „Linker“, der sich am Aufbruch in eine neue Zukunft beteiligen will.
Weltweit gab es diesen Aufbruch: Im US-Bundesstaat California nannten sich die rebellierenden Jugendlichen „Hippies“ und ihre Bewegung „Flower Power“. Johnny Cash und Joan Baez sangen an gegen den Vietnamkrieg.
Der „rote Dani“ „>Daniel Cohn-Bendit trieb in Paris den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle in die Flucht. In Frankfurt und Berlin demonstrierten Studenten gegen „den Mief von 1.000 Jahren unter den Talaren“.
In den meisten Zeitungen freilich wurde die Studentenbewegung auf eine einzige Person reduziert. Ihr galt der gesamte Hass der ewig Gestrigen, die ihre Verstrickung in den Faschismus im Zuge des „Kalten Kriegs“ gegen „den Kommunismus“ unbemerkt unter den Teppich kehren wollten.
„Sind Sie Rudi Dutschke?“ Diese Frage stellte Bachmann dem Studentenführer, der am Gründonnerstag 1968 mit dem Fahrrad zum SDS-Büro am Kudamm gekommen war. Nur kurz wollte er dort etwas erledigen und dann schnell weiterradeln.
Zunächst hatte Dutschke das Attentat überlebt. Später bot er dem Attentäter, dessen Verhaftung er mit blutverschmiertem Gesicht sogar selber noch ermöglicht hatte, an, ihn im Gefängnis zu besuchen. Bachmann sei nicht der eigentliche Täter, sondern ein verblendetes Opfer von Springers Propaganda.
Dutschkes Versöhnungsangebot muss Bachmann zutiefst beschämt haben. Bevor es zu dem angebotetenen Besuch kam, nahm er sich im Gefängnis das Leben, oder wurde es ihm dort genommen?
Gut elf Jahre später wurde seine Tat dann doch noch zum vollendeten Mord: An den Folgen der schweren Kopfverletzungen starb Dutschke, als er am 24. Dezember 1979 im dänischen Aarhus bei einem epileptischen Anfall in seiner Badewanne ertrank.
Nur eine Woche vor dem Attentat auf Dutschke war in Memphis der Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet worden. Nach dem Anschlag auf Dutschke brachen in Berlin und Frankfurt spontane „Osterproteste“ aus. Schnell verbreiteten sie sich auch in anderen Universitätsstädten wie beispielsweise Marburg.
Das Attentat auf Dutschke sowie die große „Notstandsdemo“ im Mai 1968 brachten auch mich zum Nachdenken. Hinzu kamen die militärische Niederschlagung des „Prager Frühlings“ und 1969 die Kandidatur von Willy Brandt zum Amt des Bundeskanzlers.
Ohne ihn je persönlich kennengelernt zu haben, hat Dutschke einen wichtigen Einfluss auf mich gehabt. Mehrere meiner politischen Wegbegleiter waren mit ihm befreundet. Mitunter schlief ich im Gästebett eines Freundes, wo auch Rudis ehefrau Grethcen Dutschke häufig übernachtete.
All meine Weggefährten, die ihn kannten, sprachen von „Rudi“ voller Respekt. Man merkte, wie sie ihn als Menschen und als rhetorisches Genie bewunderten. Auf Zehenspitzen habe er am Redepult gestanden und sich darauf mit den Fingerspitzen abgestützt, wenn er große Reden hielt.
Das Attentat gegen Dutschke war ein Anschlag auf die überfällige Demokratisierung Deutschlands. Ihr folgten die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler und seine Ostpolitik sowie seine Erneuerungsbestrebungen unter dem Motto „Mehr Demokratie wagen“. Nach Dutschkes Ausscheiden aus der aktiven Arbeit im SDS folgten aber auch dessen Auflösung und die Zersplitterung der Linken in zahlreiche – einander bitterbös bekämpfende – „K-Gruppen“.
Drei Lehren aus den Vorgängen des Jahres 1968 sind für mich heute hochaktuell: Der Kampf gegen den Faschismus muss mit dem Entwurf einer menschenfreundlicheren Alternative einhergehen. Theorie und Praxis sind notwendige Bestandteile jeder Erneuerung.
Vor Allem aber darf keine Bewegung von einer einzigen Person abhängen. Demokratie kann nur wachsen, wenn sie von vielen gemeinsam aufgebaut wird. Das sollten wir alle anpacken zur Erfüllung des Vermächtnisses von Rudi Dutschke.

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Ein Kommentar zu “Bewegung bei BILD: Drei Kugeln auf Rudi Dutschke

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