Turnschuh und „Arschloch“: Joschka Fischer wird 70

Früher nannten einige ihn „Turnschuh“ oder „Turnschuh-Minister“, später „Die Sorgenfalte der Weltpolitik“. Joschka Fischer wurde am 12. April 1948 in Gerabronn geboren.
Wegen ihm bin ich 1983 vom Amt des Landessprechers der Grünen Hessen zurückgetreten. Seine „Realpolitik“ war für mich in erster Linie eine reale Machtpolitik zugunsten des eigenen Egos.
Als Bundestagsabgeordneter zog er 1983 in die erste Grüne Fraktion in Bonn ein. Legendär waren damals seine Reden. „Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch“, beschimpfte er den Bundestags-Vizepräsidenten Richard Stücklen, nachdem der CSU-Sitzungspräsident ihn zur Ordnung gerufen hatte.
Zufällig habe ich 1982 sein Aufnahmegespräch bei den Grünen in Frankfurt miterlebt. Jutta Ditfurth erklärte er damals, seine Aktionen gegen den Hunger in der Welt vor den Delikatessenläden an der Frankfurter „Fressgass“ hätten letztlich nicht zum gewünschten Erfolg geführt und nun wolle er die Möglichkeit wahrnehmen, die sich mit dem Einzug der Grünen ins Parlament biete. So wurde aus dem WG-Genossen und Buchhändler-Kollegen von Daniel Cohn-Bendit schließlich der erste Grüne Minister Deutschclands.
In Turnschuhen erschien Fischer zur Vereidigung im Hessischen Landtag (HLT). Die Aufregung darüber habe ich nie verstanden. Wie kann ein Mensch nur so von den Socken sein, weil ein anderer bei einem offiziellen Anlass Turnschuhe trägt?
Ebensowenig habe ich verstanden, wie wenig Aufregung darüber aufkam, dass Fischer 1999 die Beteiligung der Deutschen Bundeswehr am Krieg im Kosowo mittrug. Unter dem SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder war Joschka 1998 zum Außenminister und Vizekanzler avanciert. Seitdem wurde aus dem einstigen Straßenkämpfer der Frankfurter Sponti-Szene ein Staatsmann.
Um der eigenen Macht willen polarisierten Cohn-Bendit, Fischer und ihr Buchhalter Tom Königs von der Karl-Marx-Buchhandlung in Frankfurt die Grünen. Als „Realos“ drückten sie die „Fundis“ um Ditfurth und ihren Lebensgefährten Manfred Zieran an die Wand. Aus der alternativen „Anti-Parteien-Partei“ wurde dadurch nach und nach ein ganz gewöhnlicher Klüngel zum Machterhalt der herrschenden Cliquen.
Aus Kritik daran habe ich meine Sprecherfunktion bei den Grünen Hessen aufgegeben. Diese „Realpolitik“ wollte ich nicht noch vertreten müssen. Das hat Jutta mir nie verziehen.
Aber Fischer war ein utilitarischer Machtmensch. Um der eigenen Karriere willen hätte er gewiss auch mit dem Teufel paktiert.
Als er mich nicht mehr kennen musste, kannte er mich auch nicht mehr. Solange es aber nützlich war, half er mir auf dem Frankfurter Hauptbahnhof beim Einsteigen in den Intercity nach Bonn, um sich dann mit seiner Abgeordneten-Freifahrkarte in die 1. Klasse zu verziehen.
Einmal bin ich dem Außenminister Fischer noch begegnet und habe ihm als Journalist eine Frage gestellt. Im Gegensatz zu früher hat er mich da gesiezt und entweder nicht erkannt oder nicht erkennen wollen.
Seine Sorgen um die weltpolitische Entwicklung unter dem US-Präsidenten Donald Trump teile ich. Manchmal wünsche ich mir, wir könnten vielleicht einmal locker miteinander plaudern ohne Sorgenfalten im Gesicht. Möge Joschka noch lange leben und gesund bleiben gemeinsam mit uns allen!

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