Im Alltag angepackt: So selbstverständlich war seinerzeit Solidarität

Ein Windstoß tötete ihn. Als Kinder mussten wir mit ansehen, wie die Tür des Möbelwagens die Windschutzsscheibe seines Opels durchschlug.
Die gesamte Nachbarschaft kümmerte sich fortan um seine junge Witwe und ihr Kind. Reihum wurde sie zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Regelmäßig kamen die Nachbarn vorbei, um sie zu fragen, ob sie etwas benötige.
Dabei waren die Nachbarn jedoch nicht aufdringlich. Rücksicht und Taktgefühl prägten die Solidarität mit der Frau des Fliesenlegers, den die vom Wind in die Frontscheibe seines Autos gewehte Tür beim Überholen wenige Meter von seinem Haus entfernt getötet hatte.
Der Möbelwagen stand für unseren Umzug auf der Dorfstraße. Im Februar 1968 zogen wir vom damals noch selbständigen Lessenich auf den Venusberg. Den Kontakt mit der Witwe hielt meine Mutter noch jahrelang weiter aufrecht.
Auf dem Venusberg waren wir damals noch fremd. Als meine Mutter zur Geburt der Zwillinge Andreas und Georg Hanke ins Krankenhaus musste, kochten Bewohnerinnen des Bonner Stadtteils für uns. Jeden Tag holten wir bei fremden Leuten einen Kochtopf mit dampfendem Mittagessen ab und brachten ihn – meist schon am Nachmittag – mit Worten des Dankes wieder zurück.
Eingefädelt hatte diese Aktion eine neue Nachbarin. Von ihrem Ehemann, der meinen Vater von der Arbeit her kannte, hatte sie davon erfahren, dass fünf minderjährige Kinder sich nun für die Dauer des Krankenhausaufenthalts ihrer Mutter weitgehend selbst versorgen mussten. Ohne größere Mühe fand sie ein halbes Dutzend Gleichgesinnter, die fast einen Monat lang unentgeltlich für uns kochten.
Solidarität war allerdings keine Einbahnstraße. Als ein Nachbar einen Schlaganfall erlitt, beorderte meine Mutter ihre ältesten Söhne ins Nachbarhaus, wenn dort Hilfe beim Treppensteigen erforderlich war. Eine andere Nachbarin lud sie zwei Wochen lang zum Mittagessen ein, als sich die ältere Dame die Hand gebrochen hatte.
Meinen Großvater hat meine Mutter monatelang gepflegt. Auch meine Großtante lud sie immer wieder für einige Wochen ein, um dem tristen Alltag im Altenheim vorübergehend zu entfliehen. Ihre Brüder und Schwestern wiederum halfen bei uns aus, wenn ein Fahrer mit Auto, ein „Babysitter“ für die Kinder oder ein Kuchenbäcker für Familienfeiern benötigt wurde.
Klingelten Bettler an unserer Tür, stellte meine Mutter jedem eine Tasse Kaffee oder Tee, ein Glas Leitungswasser und mehrere belegte Brote auf die Steinstufen vor der Haustür. Geld hingegen gab sie niemandem.
Wie ihre gesamte Generation wusste auch meine Mutter aus eigener Erfahrung, was Hunger ist. Tätige Solidarität durch Brot und Kaffee war für sie absolut selbstverständlich. Als Kinder wurden wir angehalten, miteinander zu teilen. Hatte jemand –
beispielsweise zum Geburtstag – eine Tafel Schokolade bekommen, musste er jedem Geschwisterkind ein Stück davon abgeben. Für meine Eltern war das ein unabdingbares Gesetz.
Mein Vater kaufte uns Kinderbücher von Erich Kästner, Otfried Preußler und später Paul Maar. Wichtig war ihm, dass darin Mitgefühl und Gemeinsinn vermittelt wurden. Mit Kästners Kinderbüchern war er selber auch bereits groß geworden.
Unsere Volksschullehrerin verbot uns, Böses gegen eine geistig behinderte Mitschülerin zu sagen oder sie beim Spielen zu benachteiligen. Allerdings wurde dieses Verbot ohne ihr Zutun bereits von den vielen Freundinnen des Mädchens umgesetzt. Wer böse Worte gegen das Kind wagte, bekam es mit den erbosten Freundinnen zu tun.
„Neger“ – wie man damals noch ohne Arg sagte – dürfe man nicht gering schätzen oder meiden, erklärte die Lehrerin, nachdem eine Familie aus Nigeria nach Lessenich gezogen war. Während dieses Wort heute diskriminiert, war es damals nichts Anderes als das lateinische Wort für „Schwarze“.
Manchmal komme ich mir ziemlich altbacken vor, wenn ich miterlebe, wie heute mit Fremden umgegangen und Mitmenschlichkeit mit Füßen getreten wird. Zwar genießen die meisten Menschen inzwischen weitaus mehr Wohlstand als damals, aber vielen fehlt der Reichtum gelebter Solidarität. Dabei ist doch gerade sie das soziale Netz, das gegen Elend und Einsamkeit wesentlich eher helfen kann als die sogenannten „Social Media“, in denen anonyme Hetze und Hass das Bild weitaus mehr prägen als die – auch dort durchaus vorhandenen – Aufrufe zu Humanität und Solidarität.

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