Gewaltfrei gegen Gewalt: Der Prager Frühling endete am 21. August 1968 lange noch nicht

„Frohnatur Dubcek“ war der Artikel in der „Bonner Rundschau“ übertitelt. Erschienen ist er einige Wochen vor dem 21. August 1968.
Warum er so häufig lächele, hatte ein Korrespondent den tschechischen Parteivorsitzenden Alexander Dubcek damals gefragt. Er sei eben „eine Frohnatur“, hatte Dubcek dem Journalisten daraufhin geantwortet.
Den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ wollte die Tschechoslowakei 1968 einführen. Diese Reform wurde später als „Prager Frühling“ bekannt.
Für mich war das Frühjahr 1968 eine Phase des politischen Erwachens. Das Attentat auf Martin Luther King am 4. April 1968, eine Woche später das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 in Berlin und die Großdemonstration gegen die Notstandsgesetze am 11. Mai 1968 in meiner Heimatstadt Bonn hatten mein Interesse für Politik geweckt. Der Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“ am Morgen des 21. August 1968 trug wesentlich zur Festigung meines eigenen politischen Weltbilds bei.
Gut 15 Jahre später habe ich in Fulda mit Dorothee Sölle darüber diskutiert, wie politische Ereignisse unsere Wahrnehmung von Politik geprägt haben. Während sie schon Anfang der 60er Jahre aktiv für Frieden und Gleichberechtigung eintrat, gab der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei meiner politischen Grundhaltung vermutlich den letzten wichtigen Schliff vor ihrer jahrzehntelangen späteren Ausdifferenzierung. Meine Schlussfolgerung war eine äquidistant blockfreie Grundüberzeugung von Pazifismus, wohingegen sie durch den Vietnamkrieg eine ausgeprägtere Aversion gegen Militarismus und Kolonialismus hegte.
Mich aber beeindruckte der nichtmilitärische Wiederstand der tschechischen Bevölkerung gegen die Invasion nachhaltig: Mit Blumen in der Hand kletterten Frauen und Männer auf Panzer und überreichten sie den Soldaten. Gewaltfreiheit war oberstes Gebot der Gegenwehr gegen die Armeen der „Bruderstaaten“.
Die Namen der demokratisch gewählten Führungspersönlichkeiten „Dubcek“ und „Svoboda“ brachten die Tschechen auf allen Orts- und Straßenschildern an. Wohin die Soldaten aus Polen, der Sowjetunion oder der DDR auch kamen, wurden sie mit dem Ruf „Dubcek, Dubcek“ freundlich empfangen. Dabei waren Dubcek und Staatspräsident Svoboda ihnen als „Verräter“ am Sozialismus und Feinde des tschechischen Brudervolks vorgestellt worden.
Fast die gesamten Truppenkontingente aus der DDR mussten nach wenigen Wochen ausgetauscht werden, weil den Soldaten bald klar wurde, dass sie nicht – wie von ihren Kommandeuren behauptet – zur Befreiung der Tschechen ins Land geschickt worden waren, sondern zu ihrer Unterdrückung. Schüsse auf unbewaffnete Zivilisten wollten sie ebensowenig abgeben wie auf Frauen und Kinder.
Erst mit der „Umdrehung“ von Spitzenfunktionären der tschechoslowakischen Partei brach der Gewaltfreie Widerstand schließlich in sich zusammen. Sie gaben dem Druck der sowjetischen Aggressoren nach und behaupteten, sie hätten sie zum Schutz des Sozialismus ins Land gerufen. Vorher hatte niemand glaubhaft machen können, wer in der Tschechoslowakei die „Verbündeten“ gerufen haben sollte.
Wie die Gewaltfreiheit von Mahatma Ghandi und Martin Luther King ist auch die Reaktion der Bevölkerung auf die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ ein Lehrbeispiel für die gewaltige Kraft Gewaltfreien Widerstands. Später habe ich die entsprechenden Studien von Johan Galtung dazu ebenso in meine politischen Überzeugungen einbauen können wie die Schrift „Von der Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ von Henry David Thoreau.
Im August 1968 indes verfolgte ich das Geschehen allabendlich vor dem Fernsehbildschirm. Ich trauerte um den Studenten Jan Pallach, der sich aus Protest gegen die Invasion selbst verbrannt hatte. Ich begann, zwischen einem tendenziell egalitären Sozialismus und dem von oben aufoktroierten sogenannten „Real existierenden Sozialismus“ zu unterscheiden.
50 Jahre danach wünsche ich mir, dass die Menschen ihre Lehren gezogen hätten aus dem Krieg in Vietnam und der Niederschlagung des Prager Frühlings: Politik hat nur dann eine Zukunft, wenn die Menschlichkeit ihr wichtigstes Anliegen ist. Grausamkeit und Gewalt können Menschen zwar eine zeitlang unterdrücken, ihre Hoffnungen und Träume aber nie besiegen.
Gerade in Zeiten grassierender Gewaltpropaganda und rüpelhafter Gefühllosigkeit brauchen wir wieder mutige menschen wie 1968 in Prag. Der „Prager Frühling“ war zwar vielleicht auch ein wenig Utopie, aber ganz wesentlich das Ergebnis eines klugen Pragmatismus. Demokratie und Frieden sind nämlich nur durch Frieden und Demokratie zu erreichen.

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