Haltung hilft: Gedanken an einem Gedenktag

Heute ist der Holocaust-Gedenktag. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz.
Heute pöbeln die Nazis wieder. Antisemitismus und Rassismus machen sich breit. Was lange Zeit niemand zu sagen wagte, das wird heute wieder ungestraft in die „Mitte der Gesellschaft“ hineingetragen.
Verantwortlich dafür sind auch sogenannte „bürgerliche Parteien“, die Grenzen dichtmachen und die Abschiebung von Flüchtlingen propagieren. Verantwortlich sind Politiker, die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen, weil sie eine dunkle Hautfarbe haben und kein Einreisevisum für die Europäische Union (EU). Damit lenken sie Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten, die sich dann in ihrer Hetze bestätigt sehen.
Gedenkveranstaltungen am 27. Januar oder 9. November bleiben ein sinnentleertes Ritual, wenn sie nicht im Alltag mit einer klaren antifaschistischen Haltung unterfüttert werden. „Antifaschistisch“ bedeutet dabei, dass jede Form der Entwertung menschlichen Lebens aufgrund von Hautfarbe, Herkunft, sexueller Orientierung, Behinderung oder politischer Überzeugung unterbleibt. Jeder Mensch – selbst ein Nazi – hat alle unveräußerlichen Menschenrechte.
Das haben viele Vertreter der sogenannten „Antifa“ anscheinend noch nicht verstanden. Wenn sie Parolen über „Die braune Brut“ skandieren, dann bedienen sie sich damit der Nazi-Terminologie. Das Wort „Brut“ entspringt der nationalsozialistischen Rasseideologie, die den „arischen Menschen“ für „überlegen“ und andere für „Untermenschen“ oder „lebensunwertes Leben“ erklärte.
Gedenken ist auch nicht ehrlich, wenn Opfergruppen wie Roma und Sinti oder Kommunisten dabei übergangen werden. Egal, was Josef Stalin und Walter Ulbricht an Grausamkeiten im Namen des Kommunismus begangen haben, gingen viele überzeugte Kommunisten doch für ihre politische Haltung in den Tod. Für eine Entgleisung der Oktoberrevolution anderswo oder zu späteren Zeiten dürfen sie nicht haftbar gemacht werden.
Nachhaltiges Gedenken beginnt mit der Einfühlung in die Lage der Menschen, derer man gedenkt. Wer das versucht, wird schnell merken, wie unvorstellbar grauenhaft der Faschismus war. 6 Millionen Menschen auf eine fast industrielle Weise grausam zu ermorden, war eine Greueltat, die alle Maßstäbe sprengt.
Sie zu vergessen oder gar zu vverharmlosen, wäre auch eine unverzeihliche Missachtung der Opfer. Auch mörderischen Antisemitismus oder Rassismus in der heutigen Zeit wort- und tatenlos hinzunehmen, kommt einer Relativierung der Shoa nahe.
Haltung hilft. Mit Bewunderung und Respekt denke ich an die menschen, die den jungen Juden Hans Rosenthal in einem Schrebergarten in Berlin versteckt haben, oder an den blinden Bürstenfabrikanten Otto Weidt, der blinde Juden aus seinem Kiez bei den Hackeschen Höfen vor der Ermordung durch die Nazis schützte. Voller Dankbarkeit erinnere ich mich an mein Interview mit Eva Hermann, die in Marburg mehr als 200 Juden vor dem Zugriff der Nazis rettete.
Diese Beispiele zeigen: Man kann etwas tun. Selbst wenn viele Menschen wie die Geschwister Sophie und Hans Scholl in München sowie das Ehepaar Elise und Otto Hampel in Berlin ihre Haltung mit dem Leben bezahlen mussten, haben sie ihre Überzeugung zur Mahnung an alle Nachgeborenen vorgelebt.
Leben ist eine Aufgabe. Demokratie ist eine Verpflichtung. Eine klare Haltung für Solidarität und Humanität ist die einzige Chance, dieser Herausforderung gerecht zu werden.

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