TLDR: Der verdächtige Zauberberg und die RE:Publica

Eine Aktion zur Bücherverbrennung hat die Humanistische Union Marburg am Freitag (10. Mai) vor dem Kilian in Marburg durchgeführt. Dort befand sich die örtliche Zentrale der Geheimen Staatspolizei (GeStaPo).
Bei der Aktion „Der verdächtige Zauberberg“ haben zwei Darsteller ein Verhör nachgestellt, das Ende 1942 in dem Gebäude auf dem Schuhmarkt stattgefunden hat. Der Romanist Prof. Dr. Werner Krauß wurde dabei zu dem Roman „Der Zauberberg“ von Thomas mann vernommen. Der GeStaPo-Mann empffand den „Zauberberg“ als „deutschfeindlich“, was Krauß nicht erkennen mochte.
Was dem Marburger Romanisten Prof. Dr. Werner Krauß Ende 1942 im der marburger GeStaPo-Zentrale widerfahren ist, das geschieht heute tagtäglich in den sogenannten „Social Media“ im Internet. „TLDR“ nannte die Internetkonferenz „RE:Publica“ 2019 ihr Motto: „Too long; did´nt read“ steht für Texte, über die man sich äußert, ohne sie wirklich gelesen zu haben. Genau das tat auch der GeStaPo-Mann in dem Verhör im Kilian.
Vor Allem Rechtspopulisten urteilen – mitunter überaus harsch – über Dinge, die sie nicht kennen. Der Mühe, sich einer langwierigen differenzierten Auseinandersetzung mit komplexen Sachverhalten oder gar umfangreichen Büchern wie dem „Zauberberg“ von Thomas Mann auseinanderzusetzen, unterziehen sie sich nicht, verbreiten aber vollmundig ihr – von Unkenntnis geprägtes – Urteil darüber.
Die Kulturfeindlichkeit vieler Rechtspopulisten prägt zum Einen diese Denkfaulheit, zum Anderen aber auch ein mangelndes Verständnis für tiefere –
hinter der Oberfläche verborgene – Zusammenhänge. Statt Fakten verlassen sie sich lieber auf die eigenen Vorurteile, die meist geprägt sind von dem insgeheimen Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit. Je kleiner sich jemand fühlt, desto lauter wettert er über Andere.
Angriffe auf Musikbands, Theater und Kulturinstitutionen sind Ausdruck von einem tiefen Wunsch nach einfachen Antworten auf komplexe Probleme. Das war in den Zeiten der Hitler-Diktatur #ähnlich wie heute bei Neonazis und Rechtspopulisten. „Deutschland, Deutschland über Alles“ wurde für viele zum Anker eigener Überlegenheitsphantasien als Gegengift gegen die eigene Erbärmlichkeit.
Bücher sind gedruckte Geistesarbeit. Filme und Theaterstücke, aber auch Beiträge in Onlinemedien stehen heute wieder unter Verdacht. Der „Ungeist“ hat furchtbare Angst vor dem „Geist“ der Aufklärung und des Humanismus.
Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 war das Werk nationalsozialistischer Studenten. In Marburg fand sie auf dem Kämpfrasen statt, wo heute das Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) steht.
Von der Bücherverbrennung führt eine rechte braune Linie direkt zum Verhör von Werner Krauß. Bis heute hat die Stadt Marburg diesen Widerstandskämpfer, der sich der „Roten Kapelle“ angeschlossen hatte, nicht angemessen gewürdigt. Er war schließlich ja überzeugter „Kommunist“.
Bis heute klaffen offene Wunden in der kollektiven Auseinandersetzung Europas mit dem Faschismus und der mörderischen Nazi-Diktatur. Wie sonst wäre es möglich, dass gleichzeitig vollmundig von „Europäischen Werten“ gesprochen wird und die Seenotrettung im Mittelmeer gezielt verhindert wird. Die Schiffbrüchigen sind schließlich ja nur Flüchtlinge aus Afrika meist mit dunkler Hautfarbe!
Das Versprechen „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ war die Antwort demokratisch gesinnter Menschen auf den 2. Weltkrieg und die Greuel der Shoa. Dieses Versprechen verlangt von uns heute, mutig aufzustehenund „Nein“ zu sagen zu jeder Form von Neofaschismus, Rechtspopulismus und Rassismus.

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