Fifties for Future: Elektrokarren, Obusse und die Überflieger vom Jetset

Reisen war teuer in den frühen 60er Jahren. Viele konnten sich keinen Urlaub leisten. Das Fliegen war dem sogenannten „JetSet“ vorbehalten.
Den Weg zum Arbeitsplatz legten viele Menschen im Bus oder der Bahn zurück. Manche benutzten ihr Fahrrad dafür oder gingen auch weitere Strecken zu ‚Fuß. Täglich sind meine beiden älteren Brüder und ich bis 1968 annähernd drei Kilometer weit zur Schule im Nachbarort und hinterher wieder zurück gelaufen.
Zeitlebens hat mein Vater nie ein Auto besessen. Zur Arbeit fuhr er im Bus. Zu Konzerten im Nachbarort ging er zu Fuß.
Zwei meiner Onkel waren hingegen schon früh motorisiert. Während der eine als Postbeamter im Schichtdienst Ende der 50er Jahre einen Hansa Lloyd fuhr, begnügte sich sein Bruder als Bäcker zunächst mit einem Motorroller, bevor er Mitte der 60er Jahre auf einen Glas 1204 umstieg.
Mopeds und Motorroller waren in den 50er Jahren die preisgünstigere Alternative zum eigenen Auto. Kleinwagen wie das Goggomobil oder Kabinenroller von Messerschmidt und Heinkel waren eine Art überdachter und wettergeschützter Motorroller. Diese Zweitakter stanken zwar, verbrauchten aber kaum Treibstoff.
Der VW Käfer war das am weitesten verbreitete Auto der 60er Jahre. Selbst Bundestagsabgeordnete wie der CSU-Politiker Richard Stücklen waren froh, einen Volkswagen zu fahren. Der luftgekühlte Boxermotor im Heck war anspruchslos und vergleichsweise sparsam.
Mitte der 60er Jahre wurden die Autos jedoch langsam immer größer. Der Mercedesstern war das absolute Statussymbol prestigesüchtiger Autobesitzer. BMW errang erst nach der Übernahme der Firma Glas das Prestige, das Porsche schon seit der Serienproduktion seines legendären Sportwagens 911 in den 50er Jahren genoss.
Die Urlaubsreise nach Italien trat man – wenn man sie sich überhaupt leisten konnte – mit der Bahn an. Nachtzüge fuhren bis in die 2000er Jahre hinein von Frankfurt aus direkt bis nach Rom. Der „Liegewagen“ war die günstigere Alternative zum komfortableren Schlafwagen.
Anfang der 80er Jahre wurde das Fliegen dann jedoch zu einer Massenbewegung. Billigflieger wie Ryanair kamen aber erst in den 90er Jahren auf. Überall entstanden sogenannte „Regionalflughäfen“, die selbst heute kein Mensch wirklich braucht.
Reisen mit der Bahn war für die meisten Menschen selbstverständlich. Aber auch der Gütertransport erfolgte überwiegend per Bahn.
An allen größeren Bahnhöfen waren kleine Elektrokarren stationiert. Die Deutsche Bundespost transportierte damit Briefe und Pakete zu den Nachtzügen, die allesamt einen Postwagen mit sich führten. Die Deutsche Bundesbahn verlud die großen Koffer der Bahnreisenden, die sie ihnen bis zur Haustür brachte.
Elektrisch betriebene Obusse waren bis zum Ende der 60er Jahre noch in vielen Städten unterwegs. Die Ölkonzerne und die Autoindustrie machten diesen elektrischen Stadtbussen jedoch das Leben schwer, da sie auf Großserien mit Dieselmotor setzten. Manche Verkehrsbetriebe verabschiedeten sich ob der starren Bindung an die Oberleitung gern von ihrem Trolleybus, während andere durch die überaus hohen Anschaffungskosten im Vergleich zu Dieselbussen zur Aufgabe ihres Obusbetriebs gedrängt wurden.
Trotz der Ölkrise 1971, die immerhin vier autofreie Sonntage im Winter erzwungen hatte, setzte die deutsche Autoindustrie und die Regierung weiterhin auf den Verbrennungsmotor. Dabei hatte Daimler-Benz schon damals seinen Transporter 206 als Batterieauto auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt präsentiert Er ging jedoch niemals in Serie.
Die „autogerechte Stadt“ war Anfang der 60er Jahre das Ideal der Verkehrsplaner. Vierspurige Straßen durchschnitten die Städte. Fußgänger wurden in dunkle Unterführungen abgedrängt, damit die Autos bei „grüner Welle“ durch die Stadt rasen konnten.
Autobahnen wurden ausgebaut. Gleichzeitig wurde das dichteste Bahnnetz der Welt ausgedünnt. Immer mehr Bahnstrecken wurden stillgelegt, womit die Menschen zur Nutzung von Autos gezwungen wurden.
Diese ideologisch begründete Weichenstellung der Industrie und ihrer unterstützer in der Politik erweist sich nun als fataler Irrweg. Hätten deutsche Autofabriken schon in den 70er Jahren ihre Elektroautos zur Serienreife weiterentwickelt oder die Maschinenfabrik Still in Esslingen ihre Elektrokarren weiterproduziert, sähe es für den Klimaschutz heute garantiert sehr viel besser aus in Deutschland. Wären noch alle Bahnstrecken intakt, die Deutschland nach dem Ende des 2. Weltkriegs erschlossen, könnte eine leistungsfähige Bahn sehr viel mehr menschen befördern als jetzt.
Die guten Startbedingungen der 50er Jahre hat die deutsche Industrie in ideologischer Verblendung ihrem naturfeindlichen Größenwahn geopfert. Mein Rückblick auf meine Kindheit und Jugend zeigt, dass wirksamer Klimaschutz die Lebensqualität durchaus nicht unangenehm einschränken muss. Fangen wir also an, die Verkehrswende mit mehr Elektromobilität, Rad- und Fußverkehr sowie der Vermeidung unnötiger Massentransporte einzuläuten!