Fifties for Future: Siedlungen und Straßen wuchern immer weiter

Straßen waren schmal in den frühen 60er Jahren. Häufig standen Alleebäume an ihrem Rand.
Auch enge Kurven waren keine Seltenheit. An vielen Stellen konnten sich zwei Autos nicht begegnen. Dann musste ein Auto warten und das entgegenkommende Fahrzeug vorbeilassen.
Ab Mitte der 60er Jahre wurden Landstraßen begradigt und Alleebäume abgeholzt. Die Straßen wurden breiter und die gefahrenen Geschwindigkeiten damit höher. Mit der Zunahme des Autoverkehrs wuchsen Unfallzahlen, die Zahl der Verkehrstoten und die Umweltverschmutzung.
Vierspurige Straßen durchschnitten die Städte. Die „autogerechte Stadt“ war das Ziel der meisten Verkehrsplaner.
An engstellen wurden Häuser abgerissen, um die Straßen so breiter zu machen. In Bad Godesberg wurde das historische Gasthaus „Zur Lindenwirtin“ – besser bekannt als „Aennchen“ – um 2,50 Meter versetzt, um so eine wichtige Kreuzung in der Mitte des späteren Bonner Stadtteils zu verbreitern.
Neubaugebiete entstanden am Rand vieler Städte. Dafür wurden Felder und Wiesen geopfert. Spätestens ab Mitte der 60er Jahre wurden dort aber keine Straßenbäume mehr angepflanzt.
Waren die meisten Gärten in den 50er Jahren noch nutzgärten mit Obstbäumen und Gemüse- oder Obststräuchern, so legten viele Häuslesbauer in den 60er Jahren in ihren Gärten vor allem Wiesen an. Kleine Swimmingpools im Garten zeugten von Reichtum der Besitzer. Hühner- und Kaninchenställe in den Siedlungen wurden durch Garagen und Werkstattanbauten ersetzt.
Wer es sich leisten konnte, errichtete sein eigenes Haus. Grundstücke auf dem Dorf waren indes günstiger als Bauflächen am Rande der Stadt. Die alten Häuser empfanden viele als „altmodisch“ und bauten sie „modern“ um.
In vielen Dörfern entstanden neue Siedlungen. Ganz neue Ortsteile wurden gebaut. Nach und nach wurde die Landschaft „zersiedelt“.
Je weiter die Leute hinauszogen vor die Stadt, desto länger wurden die Wege zur Arbeit. Gleichzeitig wurde die Anbindung der – weit über das Land verteilten – Siedlungen mit einem attraktiven Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) immer schwieriger.
Das eigene Auto veranlasste viele zu einem Umzug hinaus ins Dorf. Busverbindungen gab es dort meist aber nur morgens, mittags und abends. Wer kein eigenes Auto besitzt, ist in abgelegenen Dörfern wie Wetter-Melnau heute ziemlich verloren.
Der kleine Weiler „Merl“ mit kaum 120 Anwohnern besaß Anfang der 60er Jahre außer einer kirche nur wenige Häuser. Dann wurde ein Autobahnkreuz direkt am Waldrand gebaut. Daneben entstand die Trabantenstadt „Meckenheim-Merl“ mit 50.000 Bewohnern und einer Außenstelle des Bundeskriminalamts (BKA).
Fuhr in Merl um 1960 nur ein Linienbus pro Woche montags von Meckenheim nach Godesberg und freitags in der Gegenrichtung, so verkehrt dort heute mindestens jede halbe Stunde ein Bus direkt nach Bonn. Zudem hat die Trabantenstadt später sogar eine eigene Bahnstation erhalten.
Die traditionellen Stadtzentren wurden in den 70er Jahren zu Fußgängerzonen umgeestaltet. Das erhöhte ihre Attraktivität für Fußgänger, nicht aber unbedingt für Autofahrer. Häufig wichen die motorisierten Kunden dann zu großen Einkaufsmärkten aus, die in den 70er und 80er Jahren am Stadtrand „auf der grünen Wiese“ entstanden.
Riesige Parkplätze oder Parkhäuser nahmen die Autos auf, die zu den Einkaufszentren kamen oder in die Stadt wollten. Für jedes Auto mussten drei Parkplätze vorhanden sein, wo es in der Nähe des Arbeitsplatzes, der Einkaufsmöglichkeit und der Wohnung abgestellt werden konnte. Diese gigantische Flächenversiegelung durch Parkraum für Autos kostete auch zahlreiche Straßenbäume das Leben.
Die Trennung der Bereiche „Wohnen“ einerseits und „Arbeiten“ andererseits sowie „Einkaufen“ wurde immer deutlicher vollzogen. Industrie- und Gewerbegebiete entstanden an den Rändern der Städte, wohingegen vor allem im Ruhrgebiet die Bergarbeitersiedlungen noch in den 20er Jahren in Sichtweite zur Zeche errichtet worden waren. Das dabei verfolgte Ziel einer Entlastung der Wohnbevölkerung von Lärm und Emissionen ist inzwischen jedoch häufig durch ein Zusammenwachsen von Wohn- mit Gewerbegebieten konterkariert worden.
Eine falsche Weichenstellung der Verkehrspolitik hat das dichteste Bahnnetz der Welt in den 70er und 80er Jahren jedoch immer mehr ausgedünnt. Zahlreiche Bahnstrecken wurden stillgelegt, womit die Menschen zur Nutzung von Autos geradezu gezwungen wurden.
Mein Rückblick auf meine Kindheit und Jugend zeigt, wie wirksamer Klimaschutz ohne unerträgliche Einschränkung der Lebensqualität aussehen kann. Fangen wir also an, die Verkehrswende mit mehr Elektromobilität, Rad- und Fußverkehr sowie der Vermeidung unnötiger Massentransporte einzuläuten!

3 Kommentare zu “Fifties for Future: Siedlungen und Straßen wuchern immer weiter

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