Fifties for Future: Unser Spielplatz waren die Wiesen und der Wald

Unser Spielplatz war die Natur. Stundenlange Spaziergänge durch den Wald gehören zu meiner Kindheit wie Phantasiereisen auf den Stufen vor der Haustür.
Wenn wir meinen Großvater Josef Esser in Rheinbach besuchten, dann kümmerte sich meine Großtante um die Kinder. Wenn das Wetter schön war, ging sie mit uns spazieren.
Entweder ging sie mit uns zur sagenumwobenen „Tomburg“ oder zum „Frischen Brünnchen“. Das war eine kleine Quelle mitten im Wald. Ein dünnes Rinnsal kam dort aus der Erde heraus.
Vielleicht eine Dreiviertelstunde dauerte der Gang dorthin. Vorbei gingen wir am Försterhaus und dem Teich, der an der Straße von Rheinbach nach Märzbach lag. Während unserer Wanderung erzählte „Die Tante“ – wie alle in der Familie meine Großtante Gertrud Nagel nur nannten – uns Kindern Geschichten und vor allem Märchen.
An der Quelle füllten wir unsere mitgenommenen Emaillebecher dann mit Quellwasser. Hinzu schütteten wir Frigeo-Brausepulver aus einer kleinen Tüte. Dieses erfrischende Getränk in der freien Natur war für uns der höchste Genuss.
Das letzte Stück unseres Spazierwegs zurück zur Stadt führte uns an den Feldern vorbei. Oft schauten wir dort den Bauern bei der Feldarbeit zu. In den 60er Jahren bestaunten wir die riesigen Mähdrescher, die das Korn von den Halmen trennten und dabei in Schrittgeschwindigkeit über das Feld fuhren.
Heute sind all die Flächen entlang unseres Wanderwegs mit Reihenhäusern bebaut. Gesichtslose Siedlungen ziehen sich von der – inzwischen restaurierten – Rheinbacher Burg bis zum Waldrand.
In Lessenich lebten wir im letzten Haus der kleinen Straße, die vor unserem Doppelhaus mit einem Wendehammer endete. Gleich nebenan begann der Acker des Bauern, der am anderen Ende der Straße wohnte. Hinter dem Acker lag eine Plantage mit Obstbäumen und dahinter freies Feld bis hin zum Nachbarort Alfter.
Von 1965 bis 1968 liefen meine beiden älteren Brüder und ich tagtäglich bei Wind und Wetter über freies Feld zur Schule im Nachbarort Duisdorf. So habe ich mich schon früh daran gewöhnt, bei Regen die Kapuze über den Kopf zu ziehen und dem Wind sowie der Kälte zu trotzen. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich auch heute stundenlang in der Natur sitzen und ihre Ruhe genießen kann.
1968 zog meine Familie von Lessenich auf den Venusberg. Beide Siedlungen sind heute Stadtteile der Bundesstadt Bonn.
Auf dem Venusberg ging ich häufig mit meinen jüngeren Geschwistern im Wald spazieren. Mit meinem Bruder Horst wanderte ich einmal zu Fuß mehr als 20 Kilometer weit durch den Wald über den Gudenauer Weg bis nach Wachtberg, wo wir dann einen Postbus nach Godesberg nahmen und von dort mit Straßenbahn und Obus zurück zum Venusberg fuhren. Zwei- oder dreimal wanderten wir auch zum Bahnhof „Kottenforst“, wo wir einen Zug zurück zum Bonner Hauptbahnhof nahmen.
Regelmäßig nahmen wir den „Annaberger Weg“ bis zum „Annaberger Hof“. Von dort gingen wir dann entweder die „Annaberger Straße“ hinab vorbei an „Schloss Annaberg“ nach Friesdorf oder aber weiter bis zum Heiderhof.
Der Wald und die Natur gehörten zu meinem alltäglichen Lebensumfeld, obwohl ich in der Großstadt Bonn aufwuchs. Allerdings war der Venusberg auch ein Stadtteil, wo selbst in den meisten Gärten Bäume und Büsche wuchsen, die man in den frühen 50er Jahren beim Bau der Siedlung mitten im Wald einfach hatte stehenlassen.
Spielplätze gab es in meinen Kindertagen kaum. Meist spielten die Kinder mit allereinfachsten Mitteln. Oft stellte man sich einfach etwas vor und erfand das Spielzeug, über das man in Wirklichkeit nicht verfügte.
Allerdings sammelte ich schon in den frühen 60er Jahren Wiking-Autos. Später schenkte mein Vater seinen Kindern und vor allem sich selbst eine Märklin-Modelleisenbahn. Hinzu kamen einige Gesellschaftsspiele, die wir an verregneten Tagen oder abends oft mit der gesamten Familie spielten.
Spielzeug wurde mitunter auch selbst aus Lumpen oder Papier gebastelt. Der Teddy hatte einen Bauch voller Stroh. Die berühmte „Käthe-Kruse-Puppe“ war ursprünglich auch nichts anderes als die Notlösung einer nicht besonders begüterten Mutter für ein wunderbares Weihnachtsgeschenk an ihre Tochter.
„Not macht erfinderisch“, sagte der Volksmund damals zu Recht. Der Klimanotstand könnte diese alte Volksweisheit einmal mehr bewahrheiten.
Der schier unerschöpfliche Überfluss an Waren, Dienstleistungsangeboten und Informationen sowie die manipulative Beeinflussung durch neoliberale Propaganda der unternehmensfinanzierten „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM haben viele Menschen von der Natur und damit ihren eigenen Lebensgrundlagen entfremdet. Mit meinem zukunftsorientierten Rückblick auf meine Kindheit und Jugend möchte ich zeigen, dass ein umweltfreundlicherer Lebensstil durchaus glücklich machen kann. Fangen wir also an, die Natur als unseren lebenswichtigsten Reichtum zu respektieren!

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