Mensch bleiben: Die Sprache des verblendeten Geistes

Seit Helmut Kohl damit begann, die Menschen unmenschlich zu behandeln,nutzte er immer öfter das Wort „Menschen“. Alte wurden „alte Menschen“, behinderte „behinderte Menschen“ und Blinde „blinde Menschen“.
Vorher war es absolut keine Frage, dass Alte, behinderte und Blinde Menschen sind. Seither musste man das betonen, weil man ihnen immer mehr „wohlwollendes“ Mitleid vonoben herab entgegenbrachte.
Anfang der 80er Jahre nannten sich die Behinderten selber „Krüppel“, um damit das diskriminierende Wort zu demaskieren. Diese Strategie gefällt mir wesentlich besser als das allgegenwärtige „Menscheln“ im Umgang mit uns Krüppeln. Wichtig sind letztlich nicht Worte, sondern die Haltung der Zeitgenossen.
Ohnehin habe ich Probleme damit, Anderen vorzuschreiben, wie sie sich auszudrücken haben. „Political Correctness“ kann zu einer Bevormundung werden, die am Ende das Kind mit dem Bade ausgießt. Am Schluss trauen sich viele gar nicht mehr, mit Behinderten zu reden, damit sie nur ja nichts Falsches sagen.
Allerdings lege ich großen Wert auf Sprache. Sie verrät sehr viel über die Person, die sich da äußert. Oft geschieht das unbewusst und mitunter auch ungewollt.
„Freudsche Fehler“ kommen allerdings auch vor. Manche verraten mit einer Formulierung mehr über ihr Innerstes als mit vielen anderen wohlgesetzten Worten.
„An den Rollstuhl gefesselt“ ist natürlich eine Metapher, die heutzutage beinahe schon gelächter auslösen müsste. Sie klingt wie die Handlung eines behindertenfeindlichen Klamauk-Krimis.
„Ausmerzen“ höre ich auch sehr ungern, weil das die Sprache der Nazi-Euthanasie ist. Viele Begriffe sind seit ihrer Benutzung durch den totalitären NS-Faschismus nicht mehr unbelastet. Das sogenannte „lebensunwerte Leben“ versteckt sich heutzutage aber auch in neoliberalen Ausdrücken wie „Leistung“ und „Wettbewerb“.
Menschenfeindlichkeit bezieht sich ja auch nicht nur auf Alte, Kranke und Behinderte. Rassismus gegenüber Personen mit anderer Hautfarbe oder Herkunft gehören genauso dazu wie die Ausplünderung durch unmenschliche Arbeitsbedingungen oder die Unterdrückung vermeintlih Schwächerer.
Sprache muss das gesamte Leben immer wieder bildhaft beschreiben. Dabei mögen manchmal auch Fehler passieren. Sprachlosigkeit ist jedoch viel schlimmer als die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen.
Mein Plädoyer ist darum nicht so plump wie das vieler anderer Zeitgenossen, die einzelne Wörter auf den „Index“ setzen, sondern sehr viel anstrengender: Icch wünsche mir, dass alle Menschen ihre Sprache selber daraufhin überprüfen, ob sie der jeweiligen Situation und dem aktuellen Gegenüber gerecht wird. Am liebsten wäre mir, dass meine Behinderung dabei gar keine Rolle spielt und ich einfach bei meinem Namen genannt werde.