Blinde Pflege: Vor 9 Jahren starb Erdmuthe Sturz

Erdmuthe Sturz starb am 28. September 2010. Die letzten Monate habe ich meine krebskranke Ehefrau gepflegt.
18 Jahre lang hatte sie mich häufig zu auswärtigen Terminen begleitet. Gemeinsam waren wir nach Italien, Österreich, England, Griechenland und in viele deutsche Städte und Regionen verreist. Viele Spaziergänge und auch ausgedehntere Wanderungen in der Marburger Region haben wir zusammen unternommen.
Immer sorgte sie sich um mein Wohlergehen. Sie achtete auf meine Kleidung und kochte für mich. Sie begleitete mich zu Veranstaltungen wie den Preisverleihungen des Marburger Leuchtfeuers für Soziale Bürgerrechte. Nun war sie selber pflegebedürftig. Ihre – damals knapp 90 Jahre alte –
Mutter und ich pflegten sie gemeinsam. Allerdings haben uns vile Freundinnen und Freunde aus ihrem und meinem Bekanntenkreis unterstützt.
Hatte Erdmuthe früher immer mir den Tee aufgebrüht, nun musste ich das auf einmal für sie übernehmen. Ich musste hinter ihr hergehen, wenn sie am Rollator durch die Wohnung schlich oder ins Badezimmer ging. Ich musste ihr den Hintern abwischen und oft ihre Hand halten.
Manche Pflegetätigkeit war für mich ziemlicher Stress. Nach einem kleinen Küchenbrand in meiner Wohnung scheue ich seit vielen Jahren das Hantieren am Herd. Für Erdmuthe musste ich meine Furcht überwinden.
Bei mancherlei Tätigkeit eignete ich mir kleine Kniffe an, wie ich sie erledigen konnte, ohne hinzusehen. Mancherlei dauerte unendlich lange. Manches machte mich ziemlich müde.
Dennoch gab mir diese Pflege ein unendlich großes Glücksgefühl. Mit liebevoller Zuwendung konnte ich meiner geliebten Gefährtin wenigstens etwas von dem zurückgeben, was sie jahrelang für mich getan hatte. Gemeinsam genossen wir die Zeit, die uns blieb.
Gemeinsam gingen wir nun zu zahlreichen Ärzten und Untersuchungen in Kliniken. Überallhin habe ich sie begleitet.
Stark musste ich sein und stark bin ich geblieben. Tatsächlich galt selbst im Angesicht des Todes der alte Spruch, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.
Allerdings tat es sehr weh, diese gebildete Frau allmählich immer weiter abbauen zu sehen. Wortfindungsstörungen waren Erdmuthe Sturz, die 14 Sprachen beherrschte, bis wenige Wochen vor ihrem Tod absolut fremd. In der ruhigen Gewissheit, genau das Richtige zu tun, bereiteten wir uns auf die letzten gemeinsamen Stunden vor.
Einige Zeit grämte ich mich, dass ich nun nicht mehr überallhin begleitet werde und niemanden mehr habe, mit dem ich mich ohne Worte so gut verstehe. Doch allmählich dämmerte mir, dass ich eigentlich dankbar dafür sein muss, all das 18 Jahre lang erlebt zu haben. Dieser Dank drängt mich zusätzlich, in Erdmuthes Sinne für Umwelt und Naturschutz, Bürgerrechcte und Demokratie einzustehen.

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