Gedenktag 6. Februar: Retraumatisierung vermeiden und zusammenhalten

Das Coronavirus macht den meisten Menschen Angst. Für meine beiden traumatisierten Mitbewohner gilt das in ganz besonderer Weise.
Nach langem Zögern habe ich mich entschlossen, unsere Situation öffentlich anzureißen. Vielleicht hilft das ja Anderen bei der Bewältigung ähnlicher Probleme oder beim Verständnis für geflüchtete Mitmenschen?
Vor drei Jahren habe ich einen jungen Eritreer in meinem Gästezimmer aufgenommen. Ich habe ihn zur Anhörund beim „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ (BAMF) begleitet und bei der Suche nach einer eigenen Wohnung unterstützt. Nachdem er eine Arbeit gefunden hatte, zog er aus wegetechnischen Gründen wieder bei mir ein.
Über ihn ist mir vor zwei Jahren eine Frau aus Äthiopien „zugelaufen“. Nach mehreren psychologisch-psychiatrischen Gutachten und meiner eigenen Beobachtung ist sie stark suizidgefährdet. Dennoch verweigert das BAMF ihr einen sicheren Aufenthaltstitel.
Mit ihren Traumata gehen beide völlig unterschiedlich um. Der junge Mann verdrängt seine Foltererfahrung in einem äthiopischen Gefängnis, soweit es eben geht. Die Frau hingegen versucht, Kontrolle zu behalten über ihr Leben, indem sie die gesamte Wohnung geradezu aseptisch sauber hält.
Sie hat große Angst um mich und seit gestern auch um Angela Merkel. Der junge Eritreer hingegen sorgt sich um seinen Job. Wenn er diese Woche bis zur Schließung der Fabrik durchhält, darf er laut einem Versprechen des Arbeitgebers von der Leihfirma in die Stammbelegschaft überwechseln.
Der Konflikt zwischen beiden ist vorprogrammiert: Die Furcht der Äthiopierin vor eingeschleppten Viren steht der Angst des Eritreers vor einer Auseinandersetzung mit der Pandemie gegenüber. Was auch immer ich entscheide, das wird die Ängste zumindest einer der beiden personen verschärfen oder die Sorgen beider nicht entkräften.
Ohne mein Zutun haben beide einen vorübergehenden Kompromiss ausgehandelt, mit dem beide einigermaßen zurechtkommen. Doch Eifersucht und gegenseitiges Misstrauen bleiben.
Hinzu kommt die Sorge meiner Mitbewohnerin um ihre Familie und Freunde in Äthiopien. Das Fernsehen filmt dort große Hände-Wasch-Aktionen, bei denen die Menschen seite an Seite direkt nebeneinander stehen und ihre Hände in klarem Wasser reinigen. Freudestrahlend umarmen sie einander danach.
Aufklärung über die Gefahrenlage wie auch über die wahre Zahl der Infizierten ist Mangelware. Das gilt nicht nur für Äthiopien.
Darum mag ich auch lieber nicht an die Bewohnerschaft griechischer Flüchtlingscamps denken, die nun im Dreck ohne sauberes Wasser mit Covid 19 konfrontiert sind. Entsetzen befällt mich über die Nachricht aus Zagreb, das während der Pandemie und einschneidenden Schutzmaßnahmen von einem Erdbeben heimgesucht wurde.
Wut steigt in mir auf gegen neoliberale Einsparvorschläge beispielsweise der Bertelsmann-Stiftung zur Schließung von Krankenhäusern. Trauer empfinde ich über die verzweifelte Lage im norditalienischen Bergamo. Zorn blitzt auf in mir über die Ignoranz vieler Menschen in Europa, denen das Schicksal anderer in entfernteren Teilen der Welt gleichgültig zu sein scheint in ihrem selbstgefälligen Egoismus.
Geradezu Balsam für meine Seele ist die Entscheidung der Landesregierung von Baden-Württemberg, Beatmungsplätze für Infizierte aus dem benachbarten Elsaß bereitzustellen. Hoffnung gibt mir die gigantische Welle der Solidarität mit Alten, Behinderten und Kranken sowie dem Personal in Supermärkten Kliniken und bei der Polizei. Geradezu gigantisch gefreut hat mich der Aufruf, einfache Beatmungsgeräte mit Hilfe von 3D-Druckern direkt an den orten herzustellen, wo sie benötigt werden.
Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigen die einschneidenden maßnahmen in Deutschland erste Wirkungen. Gleiches gilt auch für Italien. Wir dürfen also hoffen, dass das Schlimmste in wenigen Wochen vorüber sein könnte.
Dennoch wird diese Katastrophe die gesamte Welt verändern. Wir alle erleben Furcht und Solidarität, Angst und Unsicherheit. Wenn wir daraus alle für´s Leben lernen und die klügsten Schlüsse ziehen, dann können wir aus der Not eine Tugend machen.
Die nächste Krise steht schließlich schon vor der Tür. Wenn wir nach der Corona-Pandemie die globalen Strukturen von interkontinentalem Massentourismus und transnationalen Lieferketten wieder genauso fortführen, wie sie vorher waren, vergeben wir eine riesige Chance auf Besserung. Wenn wir der neoliberalen Ideologie und ihrem Mantra von den angeblich „freien Märkten“ weiterhin die Macht über die Wirtschaft einräumen, versäumen wir die Möglichkeit eines Umsteuerns hin zu nachhaltigen Produktionsstrukturen und Dienstleistungen sowie schnellen Erfolgen beim Klimaschutz.
Niemand von uns wird diese Situation unverändert überstehen. Mehr und mehr verstehe ich das Verhalten meiner Mutter, die während des 2. Weltkriegs und der Hungerjahre danach verinnerlicht hat, wie wichtig Vorratshaltung und die Wiederverwertung von Gütern ist. Existenzielle Erfahrungen können uns helfen, charakterlich zu reifen.
Ein Schauspieler meiner Generation sagte kürzlich über seine Lehrmeister: „Sie haben um ihr Leben gespielt. Wenn sie auf der Bühne Angst darstellen mussten, dann brachten sie ihre eigene Angst aus den Jahren des Kriegs auf die Bühne.“
Vielleicht werden einige von uns nach der Pandemie auch mit traumatischen Erlebnissen zu kämpfen haben. Um diese Gefahr so gering wie möglich zu halten, müssen wir nun alle zusammenhalten und einander stärken. Ich rufe jeden Tag mindestens zwei Menschen an, die alleine leben und jetzt von der Außenwelt mangels moderner Informationstechnik abgeschnitten sind.
Den 6. Februar möchte ich zum weltweiten Tag des Gedenkens an die Corona-Pandemie ausrufen. Am Donnerstag (6. Februar) starb in der chinesischen Millionenstadt Wuhan der Augenarzt Li Wenliang. Mit ihm können wir gleichzeitig der vielen Helferinnen und Helfer gedenken, die ihr Leben für unser aller Gesundheit einsetzen und oft vor verzweifelten Entscheidungssituationen stehen, sowie zugleich auch der vielen Opfer von Covid 19.
Jedes Jahr am 6. Februar sollte weltweit für einen Tag das gesamte öffentliche Leben stillstehen. Alle sollten sich daheim aufhalten und sich daran erinnern, wie die wochenlange Quarantäne war. Das sind wir nicht nur dem medizinischen Personal und den Opfern schuldig, sondern auch unserer eigenen Zukunft als mitfühlende Menschen mit der Hoffnung auf eine bessere Welt.