Meine Fahrt nach Ostfriesland: Die Farbe der Unaufmerksamkeit

Passiert ist die Geschichte zur Zeit der „Ostfriesenwitze“. Nach Leer in Ostfriesland fuhr ich aber aus anderen Gründen.
Meine Anreise erfolgte im Zug. In aller Frühe war ich in meinem Studienort Münster aufgestanden, um über Rheine rechtzeitig nach Leer zu gelangen und abends wieder in meiner Studentenbude anzukommen.
Damals war ich noch nicht blind, sondern „nur“ sehbehindert und farbenblind. Das war mir aber gar nicht richtig bewusst, weil das Gehirn alle vom Auge aufgenommenen Bilder mit den dazu passenden Farben ausmalt. Ich besaß zwei Paar „Halbschuhe“. Eines war schwarz, das andere braun.
Noch im frühmorgendlichen Halbschlaf zog ich mich an. Dabei achtete ich offenbar zuwenig auf die Schuhe.
Das Ergebnis dieser Unachtsamkeit kam mir in Leer entgegengelaufen. Ein Arbeiter mit dicken Handschuhen leerte am knallheißen Mittag im Busbahnhof von Leer die Papierkörbe aus, die Bienen und Wespen auf der Suche nach Resten von Verpackungen für Speiseeis umschwirrten. Dieser Mann sprach mich freundlich an.
„Sie konnten sich heute morgen wohl nicht entscheiden, ob schwarz oder braun“, sagte er. Dabei muss er auf meine Schuhe gezeigt haben, was ich aufgrund meiner starken Sehbehinderung aber nicht sicher sagen kann.
Auf der Suche nach kalter Cola ging ich wenig später durch die Fußgängerzone von Leer. In einer Kanalbaustelle arbeiteten zwei Männer unterhalb des Straßenniveaus. „Da“, hörte ich einen ausrufen, „schon wieder ein Zweifarbiger!“