Onkel Adi fuhr und fluchte: Der Schweinepriester

Sein Vorname war Adolf. ihn teilte er mit Zigtausenden Männern, die während der NS-Diktatur in Deutschland geboren wurden.
Onkel Adolf war das zehnte Kind meiner Großmutter mütterlicherseits. Sein „Ehrenpate“ war Adolf Hitler. Der „Führer“ verlieh Frauen mit vielen Kindern das „Mutterkreuz“ und „ehrte“ ihren Nachwuchs mit seiner Patenschaft. Onkel Adolf nannte sich nur „Adi“. Mit Nazis hatte er nichts gemein.
Er war ein sehr fröhlicher und humorvoller Mensch. Außerdem war er sehr hilfsbereit.
Von Beruf war er Bäcker und Konditor. Darum musste er morgens zwischen 3 und 4 Uhr aufstehen und zur Backstube fahren. Das beeinträchtigte seine Beziehungen enorm.
So suchte er sich zunächst eine Stelle in einer Brotfabrik. Dort hatte er „normale“ Arbeitszeiten. Dafür litt er aber an einer starken Herabsetzung seiner berufsethischen Ansprüche an das Arbeitsergebnis.
Nach seiner Heirat wechselte er schließlich zur Werkseisenbahn eines Chemiekonzerns. Dort arbeitete er sich langsam vom Rangierer über die Position eines Lokführers bis zum Betriebsleiter der größten Werkseisenbahn Deutschlands hinauf.
In seinen „Junggesellenjahren“ fuhr er meine Mutter und uns Kinder oft zum Großvater nach Rheinbach. Dann saßen wir vier Knirpse auf der Rückbank seines Glas 1204 Coupés und hörten ihn vorne fluchen, wenn ihm jemand die Vorfahrt nahm oder ihn schnitt.
„Der Schweinepriester“, schimpfte er dann. War das Fehlverhalten des anderen Verkehrsteilnehmers in seinen Augen größer, steigerte er den Titel zum „Oberschweinepriester“ oder sogar „Oberoberschweinepriester“.
Mein jüngerer Bruder neben mir auf der engen Rückbank murmelte einmal leise „Schweinebischof“ und beim nächsten Fluch „Schweinepapst“. Aber am Ende kamen wir immer heil an bei allen Fahrten mit Onkel Adi.
Häufiger musste er unterwegs die Windschutzscheibe von Insekten reinigen. Zwei- oder dreimal musste er irgendwo unterwegs anhalten und die Motorhaube öffnen, weil der Kühler dampfte. Dann fluchte er jedoch nicht, denn daran war niemand schuld, den er persönlich haftbar machen konnte.
Als mein Onkel Adi starb, verabschiedete der Pfarrer sich in der Leichenpredigt von seinem Karnevalskameraden und Vereinsvorstandskollegen. Am Altar hing ein Foto von Adi mit der Narrenkappe des Elferrats und einem schäumenden Glas Kölsch vor sich auf dem Tisch.
„So war Adi“, sagten alle mit Tränen in den Augen. „Auf dem Foto sah man sein fröhliches Lachen, das er so häufig zeigte, wenn er Witze erzählte. Dieses Foto traf ihn genau in seinem allseits geliebten Wesen.
Mein jüngerer Bruder war zwischenzeitlich zum Chauffeuer der Familie Hanke herangereift. Wenn ihm jemand die Vorfahrt nahm, dann hörte ich ihn mitunter schimpfen: „Der Oberschweinepriester!“

2 Kommentare zu “Onkel Adi fuhr und fluchte: Der Schweinepriester

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