Der Älteste war ein Tüftler: Eisenbahn, Dudelsack und Kilt

Mein ältester Bruder war ein echter Tüftler. Alles probierte er so lange aus, bis es irgendwie ging.
Im größten Kellerraum hatten wir eine Spielzeugeisenbahn. Mein Bruder Ulrich ersann dafür einige Besonderheiten, die er teilweise der Zeitschrift „Miniaturbahnen“ (MiBa) entnommen hatte. Das Beeindruckendste war der unterirdische Abstellbahnhof für zehn Züge.
Unter der Sperrholzplatte mit den Gleisen und der Landschaft darauf montierte mein Bruder eine zweite Platte, auf der zehn Gleise das Abstellen von Zügen ermöglichten. Über eine Telefon-Wählscheibe konnte man wählen, welcher Zug aus dem „unterirdischen Abstellbahnhof“ ausfahren und oben erscheinen sollte. Der nächste einfahrende Zug wurde dann genau in dasjenige Gleis geleitet, das er zuvor mit Hilfe der Wählscheibe frei gemacht hatte.
Später hat er Computerprogramme auf ihre Barrierefreiheit getestet. Angesichts seiner starken Sehbeeinträchtigung war seine Testsammlung auf der Internetseite www.ulrichhanke.de ein Segen für viele blinde und sehbehinderte Mitmenschen.
Auch musikalisch war Uli ein Tüftler. Welches Musikinstrument er auch in die Hand nahm, nach einigen Minuten konnte er darauf aus dem Gedächtnis eine leichte Melodie spielen. Auf einem Instrument zu üben, hat ihn hingegen weniger interessiert.
Nur einmal war das anders. Da hatte es ihm ein Dudelsack angetan. Darauf übte er eifrig, bis er einige bekannte schottische Folk-Songs und Classics drauf hatte.
Dann besorgte er sich Kniestrümpfe, einen Schottenrock und eine passende Jacke und Kopfbedeckung. So fuhr er zum Theaterplatz in Bad Godesberg. Er hoffte darauf, dass niemand dort ihn kannte.
Fast eine Stunde saß er und spielte. Etliche Münzen fielen in den Hut, den er vor seinen Füßen aufgestellt hatte. Das Geld interessierte ihn jedoch nicht.
Ihm war vielmehr daran gelegen, herauszufinden, wie lange es wohl dauern würde, bis jemand ihn als Bonner Ureinwohner entlarven würde. Drei Auftritte zu jeweils gut einer Stunde dauerte es, bis jemand ihn dann erkannte.
Die „Entlarvung“ hatte er freilich selbst provoziert, indem er mehrere Karnevalslieder der „Bläck Fööß“ nachgespielt hatte. Damals umfasste deren Repertoire noch nicht das Lied „Du bes de Stadt“ mit einem Dudelsack-Solo. Ob das Gerücht zutrifft, Hartmut Prieß sei durch meinen Bruder auf die Idee dazu gekommen, lässt sich nicht nachvollziehen, wenngleich der Musiker der Bläck Fööß eine Zeit lang in unserer Nachbarschaft wohnte.

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