Chemielehrer besucht Lateinlehrer: Seine Datsche hieß „Tusculum“

Mein Lateinlehrer stammte aus der Eifel. Er erklärte sich zum Nachfahren von Vercingetorix.
Ausgesehen hat er wie eine Figur aus den Comics über Asterix, den Gallier. Seine Nase hätte von dem Zeichner Albert Uderzo stammen können und seine Sprüche von René Goscinny. Jedenfalls war er schrullig und hatte Humor.
In der Eifel besaß er ein Wochenendhäuschen. Diese „Datsche“, wie Russen oder Berliner so etwas nennen, nannte er „Mein Tusculum“. Denn „Tusculum“ hieß das Landgut des antiken römischen Redners Cicero.
Im Lateinunterricht hat er uns nicht die Maxime seines rhetorischen Vorbilds beigebracht, alle Entscheidungen von ihrem Ende her zu bedenken, sondern eher die lateinische Grammatik. Ciceros Sprache wirkte auf mich und meine Schulkameraden öde und dröge.
Umso mehr erheterte uns alle der Bericht eines Mitschülers, dessen Mutter Biologielehrerin war. Er berichtete von einem Ausflug des Lehrerkollegiums zu eben jenem „Tusculum“ unseres kauzigen Lateinlehrers.
Mitgefahren war mein Mitschüler mit seiner Mutter im Auto des Chemielehrers. Dabei handelte es sich um einen alten graublauen VW Käfer. Den Anstrich hatte der Besitzer mit Fassadenfarbe aufgetragen, die billiger war als Lack.
Sein ganzes Geld sparte der promovierte Chemiker nämlich für sein Chemielabor im Keller. Dafür trug er immer nur einen einzigen hellblauen Anzug und die ganze Woche über das selbe Hemd und die selbe Krawatte. EinFleck vom Frühstücksei zierte den Schlips mehrere Tage lang, bis eine mütterliche Mitschülerin sich des Lehrers und seiner Krawatte erbarmte und sie in der Mädchentoilette reinigte.
Normalerweise kam der Chemielehrer auf einem klapprigen Fahrrad zur Schule. Einmal begrüßte eine Mitschülerin mit einem fröhlichen „GutenMorgen“, als er gerade das „Endenicher Ei“ durchquerte. Mitten im Verteilerkreis stürzte er vor Screck um it seinem Rad, da er offenbar gerade über einer chemischenFormel gegrübelt hatte.
Dieser chemielehrer nun nahm die Biologielehrerin und ihren Sohn mit zum „Tusculum“. Dort suchte er einen geeigneten Parkplatz für seinen VW. Schließlich stellte er ihn mit der Frontstoßstange gegen einen Baum und band ihn sicherheitshalber mit einem Abschleppseil fest, das er vorne im Kofferraum verstaut hatte.
Er kannte sein Auto. Die Mitfahrenden lernten es jetzt kennen und auf der Heimfahrt fürchten. Doch alle kamenheil heim.
Der Chemielehrer erschien überigens eines Tages in einem neuen Anzug. Drei Tage später folgte noch einer. die nächste Woche hatte er schon wieder einen neuen Anzug und natürlich auch mehrere neue Hemden und Krawatten.
Vielleicht einen Monat hat es gedauert, bis er selbst den Grund dieser merkwürdigen Verwandlung bekanntgab. Der Chemielehrer wollte heiraten.

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